Literaturnobelpreisträgerin : Promi-Geburtstag vom 31. Mai 2018: Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch hat ein neues Thema gefunden: Die Literaturnobelpreisträgerin schreibt über die Liebe.
Swetlana Alexijewitsch hat ein neues Thema gefunden: Die Literaturnobelpreisträgerin schreibt über die Liebe.

Tausende Lebensgeschichten hat die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch gesammelt und zu großen Collagen geordnet. Damit ist die 70 Jahre alte Weißrussin zur derzeit bedeutendsten literarischen Stimmen aus Osteuropa geworden.

shz.de von
31. Mai 2018, 00:01 Uhr

Swetlana Alexijewitsch hat über bedrückende Themen geschrieben: über Frauen im Krieg, über Afghanistan und Tschernobyl. In ihrem nächsten Buch will die Literaturnobelpreisträgerin von 2015 mit ihren Stilmitteln einem starken und doch kaum zu fassenden privaten Gefühl nachspüren, der Liebe.

«In meinen früheren Büchern stand die Liebe nicht im Zentrum», sagte die weißrussische Schriftstellerin in einem Gespräch, das die Zeitschrift «Osteuropa» zu ihrem kommenden Jubiläum abgedruckt hat. Heute wird die in Minsk lebende Autorin 70 Jahre alt.

Den Nobelpreis hat Alexijewitsch für ein einzigartiges literarisches Lebenswerk erhalten, das auf ungewöhnliche Weise entstanden ist. Sie hat Stimmen gesammelt, hat über die Jahrzehnte Tausende Menschen überall in der früheren Sowjetunion befragt.

Russische Frauen erzählten der Interviewerin von ihrem Leid als Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg, das in der offiziellen Geschichtsschreibung verdrängt war («Der Krieg hat kein weibliches Gesicht»). Alexijewitsch befragte Veteranen des sowjetischen Krieges in Afghanistan («Zinkjungen») und Betroffene der Reaktorkatastrophe von 1986 in der Ukraine («Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft»). Die Autorin verdichtete und ordnete diese Monologe zu erschütternden Gruppenporträts.

So entstand ein «vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt», wie die Nobelpreisjury in Stockholm begründete. In ihrem bislang letzten Buch «Secondhand-Zeit» erzählen die Stimmen von den Deformationen, die das gewalttätige sowjetische Gesellschaftsexperiment den Menschen zugefügt hat. Die «Neue Zürcher Zeitung» hat Alexijewitsch «eine der profundesten Kennerinnen der russischen Seele» genannt, der deutsche Osteuropa-Historiker Karl Schlögel sieht sie als «Archäologin der kommunistischen Lebenswelt».

Die Zeit seit dem Nobelpreis hat die selbstbewusste, aber zurückhaltende Frau Kraft gekostet. Alexijewitsch sei viel gereist, habe viele Interviews gegeben, sie sei gesundheitlich angeschlagen, sagt ihre Agentin Galina Dursthoff. «Sie kommt kaum zu dem, was sie am liebsten tut: in ihrer Datscha bei Minsk zu sitzen und zu schreiben», sagte Dursthoff der Deutschen Presse-Agentur.

Die Lebensgeschichte der Autorin verbindet die drei ostslawischen Staaten Ukraine, Weißrussland und Russland. Alexijewitsch wurde 1948 in Stanislaw (heute Iwano-Frankiwsk) in der Ukraine geboren, arbeitete in Weißrussland als Lehrerin, Journalistin und schließlich als Schriftstellerin, und sie schreibt auf Russisch.

Als Gegnerin von Diktatur jeder Art hat sie den autoritären weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko kritisiert, der der berühmten Bürgerin erst spät und unwillig zum Nobelpreis gratulierte. Immerhin schützt der Weltruhm sie vor staatlichen Übergriffen. Russland hat den Preis an eine russischsprachige Schriftstellerin wohlwollend zur Kenntnis genommen. Doch ihre Warnungen vor einem zunehmend unfreien und aggressiven Kurs des Landes unter Präsident Wladimir Putin werden offiziell geflissentlich ignoriert.

Alexijewitsch komponiert auch das kommende Buch über die Liebe in der bewährten dokumentarisch-literarischen Schreibweise aus Einzelstimmen. Für das neue Thema suche die Autorin nach einem «neuen Ton», sagt die Agentin Dursthoff.

Trotzdem scheint auch die Beschäftigung mit der Liebe auf einen bitteren Mangel zurückzugehen, den die Schriftstellerin bei ihren zahllosen Begegnungen mit Menschen erkannt hat. In Russland gehe es im Leben wie in der Literatur selten um die Liebe, sagt sie: «Sogar in unserer Sprache ... im Russischen ist die Sprache der Liebe nicht entwickelt. Sie ist nicht auf dieselbe Weise präsent wie in der französischen Literatur.»

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