Weltbürger : Promi-Geburtstag vom 31. Juli 2018: Cees Nooteboom

Der niederländische Autor Cees Nooteboom wird 85.
Der niederländische Autor Cees Nooteboom wird 85.

Der Schriftsteller packt immer wieder aufs Neue seine Koffer. Reisen sind die Grundlage des Werks des Niederländers: Romane, Reportagen, Essays, Gedichte. Jetzt wird er 85.

shz.de von
31. Juli 2018, 00:01 Uhr

Warum reisen Sie so viel? Immer wieder muss der Schriftsteller Cees Nooteboom diese Frage beantworten. «Auf Reisen lernt ein Mensch sich selbst kennen», zitiert der Niederländer in einem Essay einen arabischen Philosophen.

Mit seinen Reisebüchern und Romanen wurde Nooteboom, der am 31. Juli 85 Jahre alt wird, zugleich auch ein Chronist Europas.

Nooteboom packt immer wieder seine Koffer. Er durchquert nicht nur Kontinente, sondern lebt auch in den verschiedenen Ländern. Er will sehen und verstehen. Der wahre Reisende befinde sich immer im Auge des Sturms, schrieb er 2002: «Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet. Im Auge ist es still, und wer sich darin befindet, kann gerade die Dinge unterscheiden, die den Sesshaften entgehen.»

Ohne seine langen Reisen wäre sein Oeuvre doppelt so groß gewesen, sagte der reisende Poet einmal in einem Interview. Über die Jahre veröffentlichte er neun Romane, dazu Erzählungen, Gedichte und viele Essays, Reportagen und Reisebücher. Das Schreiben falle ihm schwer, räumte er ein. Nooteboom ringt mit jedem Wort und ziseliert seine Sätze wie ein Bildhauer, der mit einem feinen Messer ein Porträt aus einem Stein schnitzt.

Reisen wurde für Nooteboom schon gleich nach dem Gymnasium auch eine Schreibschule. «Die übertriebene Lyrik muss aus meinen Werken heraus», entschied er als junger Mann nach der Veröffentlichung seines romantischen Debütromans 1955 «Philip und die anderen». «Um schreiben zu können, ist eine gewisse Connaissance du monde nötig. Darum bin ich auf Reisen gegangen.»

Im Auftrag niederländischer Zeitungen reiste er als junger Mann durch Europa. 1956 erlebte er in Budapest den russischen Einmarsch. Er berichtete im Mai 1968 von der Studentenrevolte in Paris.

1963 kam er zum ersten Mal nach Berlin. 26 Jahre später wurde er in Berlin fast zufällig Zeuge des Mauerfalls. Nooteboom blieb und beschrieb, wie Geschichte und Gegenwart miteinander verschmelzen. Seine «Berliner Notizen» bündeln die Beobachtungen aus der Stadt, in der er zwischen 1989 und 2009 auch immer wieder lebte.

Als Romancier hatte Nooteboom seinen internationalen Durchbruch erst 1980 mit seinem Roman «Rituale». Die vielfach ausgezeichnete und später verfilmte tragisch-komische Geschichte des Händlers und Frauenliebhabers Inni Wintrop bündelt all seine Themen: die Existenz des Menschen in der Zeit und die Erinnerung. Die Menschen gäben der Vergangenheit sehr willkürlich eine Bedeutung, sagt die Hauptperson. «Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.»

Die Romane «Die folgende Geschichte» (1991) und «Allerseelen» (1998) festigten dann seinen Ruf als großen Romancier. Nooteboom wird in vielen Ländern geehrt, ausgezeichnet und als Kandidat für den Nobelpreis genannt. Das sei Ehre und Fluch, sagte er 2011 einem britischen Journalisten. «Man kriegt ganz schnell das Label «Der ewige Kandidat».»

Nooteboom selbst sieht sich nicht so sehr als Romancier, sondern vor allem als Lyriker. Doch alles, was er schreibt, ist eng miteinander verknüpft. «Sein Oeuvre ist ein großer Organismus», lobte einmal sein Freund und Kollege, der 2010 gestorbene niederländische Schriftsteller Harry Mulisch.

Die Wurzeln des Weltbürgers sind in den Niederlanden. Mit seiner Frau, der Fotografin Simone Sassen, wohnt er abwechselnd in Amsterdam und seinem zweiten Zuhause in Spanien. Leser kennen sein Haus und Garten auf der Insel Menorca aus seinen Werken. Doch die Heimat des reisenden Poeten ist nicht so sehr ein Ort, sondern die Sprache.

Nooteboom spricht zwar viele Sprachen, doch nur auf Niederländisch könne er Bücher schreiben, sagte er 2011 in einem Interview. Damit ist das kleine Land, so meinte er, ausgerechnet für den Reisenden ein Gefängnis. «Ich komme nie raus, es sei denn, durch eine gute Übersetzung.»

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