Kopfstand : Promi-Geburtstag vom 23. Januar 2018: Georg Baselitz

Georg Baselitz in seiner Ausstellung in der Fondation Beyeler vor dem Gemälde «Der Brückenchor» (1983).
Georg Baselitz in seiner Ausstellung in der Fondation Beyeler vor dem Gemälde «Der Brückenchor» (1983).

Georg Baselitz ist einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler. Seine berühmten Bilder sind monumental, Provokation war oft sein Programm. Im Alter entdeckt er aber plötzlich neue Dimensionen.

shz.de von
23. Januar 2018, 00:01 Uhr

Groß und schlaksig ist der Maler Georg Baselitz immer noch. Doch kurz vor seinem 80. Geburtstag schlottert der Anzug ein bisschen, und einem der bedeutendsten Meister der zeitgenössischen Kunst werden nicht nur die Anzüge langsam zu groß.

«Mit kleinen Formaten kannst Du nichts werden» - so habe er lange gedacht, sagt er jetzt anlässlich der großen Werkschau in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Das sei Quatsch gewesen. Und tatsächlich: die jüngsten Werke kommen in deutlich bescheideneren Formaten daher. Heute wird Baselitz 80 Jahre alt.

Stillsitzen ist für den einstigen Provokateur schwierig: während Kurator Martin Schwander in Riehen vor geladenen Gästen klug dessen Werk einordnet, knetet Baselitz in der ersten Reihe die großen Hände und rutscht auf dem Stuhl hin und her. Er sei ein nervöser, hektischer, chaotischer Typ, hatte er Schwander vorher gesagt.

Der Künstler ist auch Geschäftsmann. Er bedauere, dass er nicht mehr Bilder in seiner berühmten Helden-Serie gemalt habe, das hätte viel Geld gebracht. Bis heute treibe ihn die Angst des Scheiterns um: «Ich habe extreme Angst, weil ich nach wie vor nicht sicher bin.» Da spricht ein Mann, dessen oft mit grobem Strich skizzierten Bilder heute für Millionenbeträge verkauft und versteigert werden und die in Museen weltweit hängen.

Der Sachse, geboren als Hans-Georg Kern, erinnert mit seinem Künstlernamen an den Geburtsort Deutschbaselitz. Er fing als Teenager mit dem Malen an. «Beim Bildermalen hatte ich ein Gespür, dass ich etwas hatte, das man Talent nennt», sagt er. Das Kunstmuseum Basel zeigt gerade Baselitz-Zeichnungen, darunter eine, mit der er als 17-Jähriger bei der Kunstakademie abgeblitzt war. Sie zeigt ein Reh.

Mit seinem Widerspruch gegen alles Herkömmliche brüskierte Baselitz die Lehrer und flog wegen «gesellschaftlicher Unreife» von der Kunsthochschule in Ost-Berlin. Er hatte lieber Picasso gemalt, als in den Semesterferien ins Kombinat zu fahren. Bei seiner ersten Ausstellung im Westen 1963 in Berlin sorgte Baselitz für einen Eklat. Die Ölbilder «Nackter Mann» (mit einem überdimensionalen Penis) und «Die große Nacht im Eimer» (mit einem onanierenden Jungen) wurden beschlagnahmt, ein Gerichtsverfahren aber später eingestellt.

«Mist» nennt er seine Kunst von damals heute in Riehen. «Was ich in dieser Ausstellung sehen kann: der größte Mist, den ich gemacht habe 1963, der hängt jetzt hier so wunderbar da. Aus den nur aggressiven und bösen Bildern sind im Laufe der Jahre gute Bilder geworden.»

1969 entstand mit «Der Wald auf dem Kopf» das erste «Umkehrbild». Er selbst sprach vom «dritten Weg» zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Er habe das Bild aus der «fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit» wegbringen wollen, erläuterte er einmal.

In seinen «Heldenbildern» (1965) bezog er sich auf den Krieg, den er als Kind erlebte - die «Helden» wanken heran als kaputte Gestalten in zerlumpten Uniformen, denen vom Heroismus nicht viel geblieben ist.

Ende der 1970er Jahre begann er mit kantig gesägten Holzskulpturen, die in ihrer archaischen Form an afrikanische Kunst erinnern. Wieder ein Aufreger: Seine Skulptur für den den deutschen Pavillon bei der Biennale 1980 in Venedig hielt die Hand nach oben. Das als Hitlergruß zu sehen, sei nicht seine Intention gewesen, sagte er später. Im Zyklus «Russenbilder» (1998-2005) setzte er sich seiner Jugend in der DDR und dem sozialistischen Realismus auseinander.

Immer wieder porträtiert er seine Frau Elke, mit der er seit mehr als 55 Jahren verheiratet ist, auch 2017 wieder. «Ich habe Spaß daran gefunden, mein Alter und das Alter meiner Frau darzustellen», sagt er. Er arbeite dabei mit Fotografien, digital. Die Söhne Daniel Blau und Anton Kern sind erfolgreiche Galeristen in München und New York.

Als 2015 das deutsche Kulturgutschutzgesetz verschärft werden sollte, um die Ausfuhr von Werken mit nationaler Bedeutung zu erschweren, ließ er aus Protest seine Leihgaben in deutschen Museen abhängen. Er nahm zusätzlich zur deutschen die österreichische Staatsbürgerschaft an und lebt heute am Ammersee, in Salzburg und in Basel.

«Für mich ist Deutschland verdorrt. Wenn ich mich frage, gehörst du noch hierher, fühlst du dich wohl, dann merke ich, es wird immer schlimmer», sagte er der Wochenzeitung «Die Zeit». Er fühle sich nicht mehr sicher. «Ich denke, dass die Geister aus dem 'Dritten Reich' noch hier leben», sagte Baselitz.

In Riehen sind aus dem Jahr 2017 eine Reihe Porträts zu sehen, typisch Baselitz: auf dem Kopf. Viele sind nur gut 1,20 Meter mal 80, 90 Zentimeter groß. Das ist nichts im Vergleich zu den großen Werken jüngerer Jahrzehnte: da malte Baselitz bis zu zwei mal drei Meter große Werke, wie den stürzenden Adler von 1972, den Gerhard Schröder sich in seiner Zeit als Bundeskanzler in sein Amtszimmer hängte.

Der Maler malt weiter, die Leinwände liegen wie gewohnt auf dem Boden. Er liege oder sitze dabei auf einer Art Podest, damit er nicht mehr am Boden herumkriechen müsse, sagte er der «Zeit». Aufhören kommt nicht in Frage, wie er in Riehen betont. «So lange ich noch malen kann, findet etwas statt», sagt Baselitz.

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