Musiker mit großen Ideen : Promi-Geburtstag vom 2. Juli 2018: Sylvain Cambreling

Sylvain Cambreling zieht es von Stuttgart nach Hamburg. Bernd Weißbrod
Sylvain Cambreling zieht es von Stuttgart nach Hamburg. Bernd Weißbrod

Seit Jahrzehnten feiert der Dirigent Sylvain Cambreling Erfolge. Der Maestro hat Spuren in Frankfurt, Freiburg und Wien hinterlassen. Nun wird der Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart 70 - und verabschiedet sich im Südwesten. In Ruhestand geht er aber nicht.

shz.de von
02. Juli 2018, 00:01 Uhr

Lange still sitzen kann Sylvain Cambreling bei einem Gespräch wenige Tage vor seinem nächsten großen Auftritt nicht. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart mit dem markanten grauen Zopf studiert gerade die neue Komposition von Toshio Hosokawa ein.

Zum ersten Mal hört der 62-Jährige Japaner hier selbst, wie seine zunächst stückweise angelieferten Noten im Orchester klingen. «Es ist schön geworden», meint er. «Erdbeben.Träume» heißt das Auftragswerk der Oper, das Cambreling selbst am Vorabend seines 70. Geburtstags (2. Juli) dirigiert hat.

Der zweimal als «Dirigent des Jahres» ausgezeichnete Franzose verabschiedet sich nach sechs Jahren von der Oper Stuttgart, bevor er nach Hamburg weiter zieht. «Wenn ich nicht arbeiten könnte, würde ich krank werden», sagt Cambreling, der auch beim Reden bisweilen die Hände wie beim Dirigieren schwingt.

Die Frage danach, wie auch seine Berufskollegen immer wieder bis ins hohe Alter arbeiten, beantwortet er routiniert. «Ich gebe viel Energie, aber bekomme auch viel Energie von der Musik zurück.» Anstrengend sei es manchmal, aber ohne Familie und Kinder gehe das gut. «Ich bin immer frei.»

Nun zieht es ihn aus dem Südwesten, wo das Staatsorchester in dieser Spielzeit auch sein 425-Jähriges feiert, in den Norden: Er wird neuer Chefdirigent der Symphoniker Hamburg - und Nachfolger von Sir Jeffrey Tate, der voriges Jahr starb. In Stuttgart übernimmt der junge Cornelius Meister den Posten des Generalmusikdirektors. Aber zur Ruhe kommt Cambreling auch in Hamburg nicht. Er bleibt Leiter beim Yomiuri Nippon Symphony Orchestra in Tokio und erster Gastdirigent des Klangforums Wien für zeitgenössische Musik.

«Ich lebe aus dem Koffer», sagt Cambreling. 1948 in Amiens geboren, begann er einst als Posaunist in Lyon seine Karriere, machte Station in Paris und arbeitete zehn Jahre an der Brüssler Oper Théâtre de La Monnaie. Damals debütierte er auch an der Mailänder Scala, an der Metropolitan Opera in New York und an der Staatsoper Wien. Als einen Musiker mit großen Ideen, der sein Publikum in seinen Bann ziehe, bewirbt ihn seine Londoner Agentur Hazard Chase. «Cambreling ist ein zum Nachdenken anregender, facettenreicher und dramatischer Künstler», heißt es da.

Musikkritiker loben Cambreling als Universalisten, der mit leichter Hand und oft auch Witz am Pult stehe. Seine Einspielung der Werke von Oliver Messiaen mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg sei «eine unerhört lebendige, klangprächtige und partiturgenaue Wiedergabe dieses einzigartigen Klangkosmos», urteilte die Jury für den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik 2009.

Neben solchen Erfolgen zeigte sich Cambreling auch stets entschlossen, wenn es mal nicht so lief, wie er sich das vorstellte. So trat er 1996 als künstlerischer Intendant und Generalmusikdirektor der im selben Jahr zum «Opernhaus des Jahres» gekürten Frankfurter Oper zurück, als ihm dort die finanziellen und politischen Debatten gegen den Strich gingen. Und auch als die Fusion des von ihm geführten SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg mit dem Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR beschlossen wurde, lehnte er den Posten des Chefdirigenten des SWR Symphonieorchesters ab.

Dieser Zusammenlegung aus Einspargründen kann er weiter nichts abgewinnen. «Ich empfinde das bis heute noch als Skandal.» Es seien zwei exzellente Orchester zerstört und ein enormer Apparat geschaffen worden. Als Franzose findet er einen Vergleich in dem Verschnitt von Weinen. «Man kann nicht eine Cuvée machen mit einem Bordeaux und einem Bourgogne zusammen», meint er. Für einen neuen Klang brauche es viel Zeit, nicht nur zwei, fünf oder zehn Jahre.

Dass er aber Neues nicht scheut, hat Cambreling oft gezeigt. Fast legendär ist sein unverkrampftes Verhältnis zur Neuen Musik und zu Uraufführungen. Er wünscht sich hier abseits der beliebten Klassiker eine noch größere Offenheit auch beim Publikum. «Man muss bereit sein für eine Überraschung. Bereit sein, alles andere zu vergessen und sich mit Augen und Ohren zu öffnen», sagt er über die von vielen Musikfreunden als unmelodisch und nicht schön empfundene Musik.

«Wir kennen nicht die Wahrheit, was Schönheit ist», meint Cambreling. Das sei wie in der Mode, wenn jeder andere Kleider trage. Auch bei der modernen Kunst habe es gedauert, bis die Menschen sie angenommen hätten. «Es braucht auch noch Zeit für diese Musik. Grundsätzlich ist sie aber für jeden.»

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