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„Wandel durch Annäherung“ : Mit 93 Jahren: SPD-Politiker Egon Bahr ist tot

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Er galt als Mitgestalter der deutschen Ostpolitik – nach einem langen Leben stirbt der legendäre SPD-Politiker.

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2015 | 09:01 Uhr

Berlin | Der Architekt der deutschen Ostpolitik, der SPD-Politiker Egon Bahr, ist tot. Der frühere enge Vertraute des SPD-Kanzlers Willy Brandt starb im Alter von 93 Jahren, wie ein Parteisprecher am Donnerstag bestätigte. Brandt und Bahr gelten als Architekten der deutschen Ostpolitik in den 1970er Jahren. Die damalige Annäherung an Moskau und die DDR war eine wichtige Voraussetzung zur späteren Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas.

Egon Bahrs politische Karriere hat starke Verbindungen nach Schleswig-Holstein: 1976 und 1980 zog er als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Schleswig-Flensburg und sonst über die Landesliste Schleswig-Holstein in den Bundestag ein. Dort war er von 1972 bis 1990 Mitglied.

SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte: „Mit großer Bestürzung und tiefer Trauer haben wir in der letzten Nacht vom Tode Egon Bahrs erfahren.“ Die deutsche Sozialdemokratie und viele Menschen in Europa trauerten um einen „mutigen, aufrichtigen und großen Sozialdemokraten, den Architekten der deutschen Einheit, Friedenspolitiker und Europäer“, sagte Gabriel. Bahr sei ein großer Vordenker mit einzigartiger politischer Tatkraft gewesen. „Er vertraute wesentlich auf die Macht der Freiheit und die Kraft des Gesprächs, das war die Grundlage für den ,Wandel durch Annäherung'“, sagte Gabriel.

Bis zuletzt sei Bahr stets ein loyaler und unermüdlicher Ratgeber der SPD gewesen. „Wir werden seine analytische Brillanz, seine Rationalität und Leidenschaft, aber auch sein Temperament und seinen liebenswürdigen Humor sehr vermissen“, betonte Gabriel. „Ich werde Egon auch als Freund und Ratgeber sehr vermissen.“

Und auch Hamburgs Bürgermeister und SPD-Bundesvize Olaf Scholz hat Bahr, als Staatsmann gewürdigt, dem die Deutschen viel zu verdanken hätten. „Mit seiner Mischung aus praktischer Vernunft und politischer Leidenschaft hat Egon Bahr bewiesen, dass demokratische Politik das Leben einzelner Menschen genauso verbessern kann wie das Zusammenleben ganzer Völker“, erklärte Scholz am Donnerstag in Hamburg. Sein Tod mache sehr traurig. Die von Bahr entscheidend mitverhandelten Ostverträge hätten die Menschen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs wieder näher zusammengebracht. „Sie ebneten den Weg dafür, dass wir heute in Deutschland und Europa in Frieden und Freiheit miteinander leben können“, betonte Scholz.

Bahr war erst Ende Juli noch in Moskau und hatte sich dort zusammen mit dem Ex-Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow für ein Ende der Entfremdung zwischen Deutschland und Russland in der Ukrainekrise ausgesprochen. Bahrs Expertise war bis zuletzt gefragt.

Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) hat den verstorbenen SPD-Politiker Egon Bahr als unermüdlichen Kämpfer für den Frieden gewürdigt. Der „Bild“-Zeitung (Freitag) sagte Schmidt: „Egon Bahr wird der deutschen Außenpolitik fehlen. Und mir persönlich auch.“ Bahr habe zu seinen engen und verlässlichen Begleitern im politischen Leben gehört. Unter Kanzler Schmidt wurde Bahr 1974 Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit .„Gemeinsam mit Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher haben wir 2009 das ,deutsche Quartett' für die atomwaffenfreie Welt ins Leben gerufen. Für Egon Bahr war die Friedenspolitik ein Herzensanliegen, für das er unermüdlich im Einsatz war“, sagte Schmidt.

Bahr habe gewusst, „dass der Frieden nicht selbstverständlich ist, und dass sich Deutschland um gute nachbarschaftliche Beziehungen zu seinen Nachbarn bemühen muss“. Bis zuletzt habe sich dieser um gute Beziehungen mit Russland bemüht: „Die er mit Recht als eine der Voraussetzungen für den Frieden in Europa sah“, betonte Schmidt.

Bundespräsident Joachim Gauck hat den verstorbenen SPD-Politiker Egon Bahr als „bedeutenden politischen Akteur der deutschen Nachkriegsgeschichte“ gewürdigt. In einem Schreiben an die Witwe Adelheid Bahr heißt es: „Der Lebensweg Ihres Mannes hat gezeigt, dass uns Deutschen Geschichte gelingen kann.“

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bezeichnete Bahr als „Freund und Vorbild“. Nur wenigen Politikern sei es vergönnt, mit einer Idee die Welt zu verändern und noch zu erleben, wie sie Wirklichkeit werde. „Bei Egon Bahr war es so - seine Vorstellungen von einer radikal neuen Ostpolitik und vom ,Wandel durch Annäherung' haben buchstäblich den Lauf der Geschichte verändert und die deutsche und europäische Einigung erst möglich gemacht.“

Der Vorsitzende der Linken-Fraktion, Gregor Gysi, erklärte: „Mit Egon Bahr geht ein großer deutscher Politiker.“ Zunächst - wie er ihm selbst gesagt habe - ein „Kalter Krieger“, sei er schließlich „für geregelte vernünftige Beziehungen zur Sowjetunion, zu ganz Osteuropa einschließlich der DDR“ eingetreten. „Wandel durch Annäherung war sein Ziel, mehr Wandel, als wir alle erlebt haben, war letztlich nicht zu erreichen. Schon seit 1990 suchte er auch das Gespräch mit meiner Partei, mit mir.“

SPD-Vize Ralf Stegner erklärte: „Egon Bahr war ein großer Sozialdemokrat, kluger Friedenspolitiker und engagierter Europäer. Der frühere Bundesminister, Weggefährte, Berater und Freund Willy Brandts hat nicht nur die Weichen für die neue Art von Entspannungspolitik gestellt, sondern sich in seinem ganzen Leben unermüdlich für Frieden und Entspannung eingesetzt.“ Auf Twitter schrieb er:

FDP-Chef Christian Lindner twitterte:

Ein Überblick über Bahrs wichtigste Lebensstationen:

1956 Über den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, gelangt der Journalist Bahr zur SPD.
1963 Bahr stellt das Konzept „Wandel durch Annäherung“ vor.
1966 Brandt wird in der Großen Koalition Außenminister, Bahr geht als Sonderbotschafter in das Auswärtige Amt in Bonn.
1969 Bahr arbeitet im Kanzleramt dem ersten SPD-Kanzler Brandt zu. Mit Moskau und Warschau verhandelt er über Verträge zu einem Gewaltverzicht und einer Normalisierung der Beziehungen. Er sucht zudem die Annäherung an die DDR, um das deutsch-deutsche Verhältnis zu verbessern, unter anderem wird ein Transitabkommen geschlossen.
1972 Bahr wird Bundesminister für besondere Aufgaben und setzt vor allem Brandts neue Ost - und Deutschlandpolitik fort.
1974 Der größte Tiefschlag ist Brandts Rücktritt nach der Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume im Kanzleramt. Dennoch wird er wenig später im Juli unter Nachfolger Helmut Schmidt noch einmal Minister, für wirtschaftliche Zusammenarbeit.
1976 Nach der Wahl scheidet er aus dem Kabinett aus. Er wird zunächst SPD-Bundesgeschäftsführer. Sein großes Thema ist aber bis heute die Abrüstungs- und Friedenspolitik geblieben.
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