In Kirchen und Palazzi : Kunst-Schau Manifesta verwandelt Palermo

Der Palazzo Forcella De Seta in Palermo ist einer der Ausstellungsorte der europäischen Schau für Zeitgenössische Kunst.
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Der Palazzo Forcella De Seta in Palermo ist einer der Ausstellungsorte der europäischen Schau für Zeitgenössische Kunst.

Migration, hohe Jugendarbeitslosigkeit, Mafia-Verbrechen: Wenn eine Stadt von Problemen und Herausforderungen unserer Zeit erzählen kann, dann ist es Palermo. Eine Kunst-Ausstellung macht sich das zunutze.

shz.de von
17. Juni 2018, 16:18 Uhr

Malerisch liegt die Stadt da, eingerahmt von massiven Bergen an der Nordküste Siziliens, mitten im Mittelmeer. Bröckelnde Fassaden, leerstehende Häuser und düstere Gassen erzählen von Vernachlässigung, Korruption und Kriminalität, die Palermo jahrzehntelang geprägt haben.

In den vergangenen Jahren setzten viele der Abertausenden Migranten, die Italien erreichten, im Hafen der Stadt erstmals Fuß auf europäischen Boden. Nun versucht eine der bedeutendsten Kunst-Veranstaltungen Europas, mit der Stadt und ihren Geschichten eins zu werden.

Während der Manifesta 12, die seit Sonntag bis Anfang November läuft, werden Werke zeitgenössischer Kunst nicht etwa in kahlen, weiß gestrichenen Räumen gezeigt, sondern in Gärten und charakteristischen Gebäuden der Stadt. In Kirchen oder prachtvollen, jahrhundertealten Palazzi, von denen einige selbst vielen Palermitanern bislang verschlossen geblieben sind. Der Zerfall ist Zeichen der ökonomischen Not, unter der Sizilien leidet. Die Manifesta hat darin Potenzial entdeckt.

«Palermo ist eine Stadt, in der nichts abgerissen wird. Ist etwas nicht mehr in Funktion, dann bleibt es einfach stehen», sagt Mirjam Varadinis vom Kunsthaus Zürich, die eine der vier Kuratoren ist. «Wir wollten an Orten arbeiten, die in ihrer DNA schon Geschichten mit sich bringen, die für die Themen, die wir zur Diskussion stellen, als Echoraum funktionieren.»

Ein solcher «Echoraum» ist der Palazzo Forcella De Seta, der ursprünglich Teil der Stadtmauer war. «Das Gebäude war wirklich in sich selbst eine Grenze. Und wenn man von diesem Gebäude aus dem Fenster schaut, dann sieht man das Mittelmeer. Diese Verbindung fanden wir extrem interessant, um über Fragen wie Grenze, Grenzpolitik, Grenzkontrolle, Migration zu sprechen», sagt Varadinis.

Die Arbeiten von Forensic Oceanography beleuchten, wie die Migrationspolitik der EU das Mittelmeer in ein «militarisiertes Grenzgebiet» verwandelt habe. Es geht um die private Seenotrettung, beispielsweise um den Fall der deutschen Hilfsorganisation Jugend Rettet, deren Schiff letztes Jahr beschlagnahmt wurde und gegen die in Italien ermittelt wird. In einem anderen Raum nimmt die Künstlerin Patricia Kaersenhout mit einem aufgeschütteten Salzberg eine Legende aus der Zeit des Sklavenhandels auf. Der Künstler Erkan Özgen lässt kurdische Frauen im Nordirak zu Wort kommen, die die Flüchtlingskrise aus der Perspektive der Frau erzählen. Das Künstler-Kollektiv Peng! aus Berlin befasst sich mit Fluchthelfern.

Die Kuratoren konnten nicht ahnen, dass die Migrationsdebatte pünktlich zum Beginn der Manifesta wieder aufflammte. «Aber es war uns extrem wichtig, etwas zu machen, was eine Dringlichkeit hat. Was die Themen unserer Zeit aufnimmt, die Herausforderungen», sagt Varadinis. Deswegen bleibt die Manifesta nicht bei der Migration stehen: Unter dem Leitmotiv «The Planetary Garden. Cultivating Coexistence» geht es auch um den Klimawandel und Datenströme.

Der majestätische Palazzo Ajutamicristo aus dem 15. Jahrhundert wird zur Manifesta zum «Out of Control Room». Die Projekte darin befassen sich mit der Schwierigkeit, sich mit meist unsichtbaren (Macht-)Strukturen transnationaler Netzwerke und Technologien zu identifizieren. Der niederländische Künstler Richard Vijgen visualisiert in einer Projektion die Bestandteile des Himmels über Palermo, Flugzeuge und Moleküle etwa. Der britische Künstler James Bridle zeigt in einer Installation, dass wir jedes Mal, wenn wir ins Internet gehen, Grenzen von Zeit, Raum und Gesetz überschreiten.

«Durch die Linse Palermos» könnten Krisen- und geopolitische Umwälzungsphänomene analysiert werden, die sich heutzutage in Europa und in der Welt abspielen, sagte Hedwig Fijen, die die Manifesta in den 90er Jahren gründete. Seitdem wandert die Schau im Zwei-Jahres-Rhythmus durch Europa und gehört neben der Biennale in Venedig und der documenta in Kassel zu den bedeutenden Ausstellungen.

Die Biennale soll nicht nur für Kunstbegeisterte aus aller Welt sein, sondern die Palermitaner mit einbeziehen und im besten Fall sozialen und politischen Wandel anstoßen. «Wir haben versucht, ein Konzept zu entwickeln, das sich nicht als vordefiniertes Konzept über die Stadt stülpt, sondern das sich aus der Stadt entwickelt und in dem die Stadt selber auch zum einen der Hauptakteure wird», sagt Varadinis.

Am Eröffnungswochenende erschienen Einheimische und die Manifesta-Besucher mit ihren Jutebeuteln und Einlassbändchen noch weit voneinander entfernt. Doch mit der Ausstellung sind große Hoffnungen verknüpft. «Ich bin froh, dass unser großes kulturelles Erbe jetzt sichtbar gemacht wird, wir haben hier europäische, arabische und normannische Einflüsse. Aber keinen kümmert's bislang», sagt eine Goldschmiedin.

Bürgermeister Leoluca Orlando erhofft sich Impulse für die von hoher Jugendarbeitslosigkeit geplagte Stadt. Und es geht auch um Image und Selbstverständnis. Gestern noch sei Palermo «Hauptstadt der erstickenden Mafia» gewesen, sagt Orlando. In diesem Jahr ist Palermo Kulturhauptstadt Italiens und in Zukunft, so hoffe er, Hauptstadt der «anderen Kulturen» - des Friedens, der Mobilität und der Solidarität.

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