Eröffnung : Kulturhauptstadt Valletta: Imagepflege für eine ganze Insel

Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Oper in Valletta, die nach Entwürfen von Renzo Piano zu einem Freilichttheater umgebaut worden ist.
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Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Oper in Valletta, die nach Entwürfen von Renzo Piano zu einem Freilichttheater umgebaut worden ist.

Die kleinste und südlichste Hauptstadt der EU will groß herauskommen. Valletta ist dieses Jahr Europäische Kulturhauptstadt. Kann ein voller Kunst- und Kulturkalender den ramponierten Ruf Maltas retten? Am Samstag startet die große «Festa».

shz.de von
18. Januar 2018, 08:53 Uhr

Europas kleinste Hauptstadt ist spektakulär schön, hat dicke Festungsmauern mit Kanonen oben drauf und viel Geschichte zu bieten. Maltas Kapitale dient regelmäßig für Hollywood-Filme als Kulisse, der Tourismus auf der Mittelmeerinsel boomt seit Jahren.

Seit 1980 gehört die Stadt mit ihren nur knapp 6000 Einwohnern zum Unesco-Kulturerbe. Nun soll Valletta als Europäische Kulturhauptstadt richtig groß rauskommen.

Das «größter Fest», das die Insel jemals gesehen hat, soll es werden, verspricht der Leiter von «Valletta 2018», Jason Micallef. Zur Eröffnung an diesem Samstag werden bis zu 100 000 Menschen erwartet - in einem Land, in dem insgesamt lediglich etwa 450 000 Menschen wohnen. Die Veranstaltungen finden nicht nur in Valletta, sondern auf der ganzen Insel statt, die gerade mal so groß wie München ist.

Gute Nachrichten hat Malta bitter nötig. Seit dem Mord an der regierungskritischen Bloggerin Daphne Caruana Galizia im letzten Oktober steckt das Land tief in der Krise, die Aufklärung läuft bestenfalls schleppend. International steht das kleinste EU-Land zudem wegen Vorwürfen der Korruption am Pranger. Maltas Ruf als Steuerparadies trägt nicht gerade zum positiven Image bei. Bei Valletta 2018 soll das in den Hintergrund rücken, stattdessen sollen Kunst und Kultur im Vordergrund stehen.

Bisher galt Valletta - das in diesem Jahr neben dem niederländischen Leeuwarden den Titel Kulturhauptstadt tragen darf - nicht gerade als Platz für Kreative. Zwar hat der Stararchitekt Renzo Piano das alte City Gate durch zwei Betonquader ersetzt. Auch das neue Parlamentsgebäude hat der Italiener entworfen. Die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Bomben zerstörte Oper hat er in ein Freilichttheater verwandelt. Doch die moderne Architektur hat Kritiker. Und nachts galt die Stadt als verwaist, das Nachtleben verlagerte sich ins nahe gelegene Sliema.

Als Valletta 2012 den Titel für die Kulturhauptstadt zugesprochen bekam, sahen die Behörden das als perfekte Gelegenheit, der Welt die Schönheit der Stadt zu zeigen und ihr neues Leben einzuhauchen. «Wir haben die größten Investitionen seit Maltas Unabhängigkeit im Jahr 1964 gesichert, um die Stadt zu erneuern», sagte Micallef. Mehr als 50 Millionen Euro wurden seit 2013 in die Stadt gesteckt, 10 Millionen davon in den Kulturbereich. Ein neues Kunstmuseum soll Mitte 2018 öffnen. Stadtteile wie das ehemalige Rotlichtviertel Strait Street wurden herausgeputzt.

Doch manche in der Kreativbranche fühlen sich von der Politik nicht ernst genommen - die Kulturpolitik wird als wenig einfallsreich und ohne Vision angesehen. Micallef kann das nicht nachvollziehen: «Unser Programm ist gemacht, um zu unterhalten, herauszufordern und zu provozieren - aber vor allem, um zu inspirieren.»

Etwa 1000 lokale und internationale Künstler werden zu «Valletta 2018» beitragen, 400 Events stehen an. Die Veranstaltungen von Musik, Theater, Kunst und Tanz sollen an verschiedenen Orten stattfinden, um die historischen Plätze der Stadt wiederzuentdecken, erklärt Micallef. Eines der Highlights soll im Juni die spektakuläre Schiffs-Show «The Peagant of the Seas» im Hafen werden.

Die Malteser sind generell stolz auf den «V18»-Titel, aber Kontroversen blieben nicht aus. Die Ernennung von Micallef, dem ehemaligen Generalsekretär des regierenden Labour-Partei, sehen Kritiker als rein politische Entscheidung. Zudem wurden zwei Führungsmitglieder nur sechs Monate vor Beginn der Feierlichkeiten ohne Angaben von Gründen entlassen.

Einer der Kritiker ist der Blogger und Theaterregisseur Chris Gatt. «Es ist offensichtlich, dass die Leute auf den höheren Posten der Organisation nicht wegen ihrer Fähigkeiten, sondern wegen ihrer politischen Beziehungen ausgewählt wurden», sagte er. Trotz der höheren Ausgaben für Kunst und Kultur lasse die Qualität zu wünschen übrig. Es sei verpasst worden, Kultur in den Alltag der Menschen zu integrieren. Die Veranstaltungen würden als «etwas für Touristen» angesehen.

Erwartet wird, dass die Kulturhauptstadt 2018 sieben Prozent Wachstum für den sowieso schon boomenden Tourismus bringt. Auch auf Kreuzfahrtschiffen, von denen immer mehr Valletta ansteuern, sollen Tickets für die Events verkauft werden.

Ein EU-Gremium bescheinigte den Organisatoren, dass es den Willen gebe, «die Qualität des Tourismus» auf der Insel zu erhöhen. Zudem sprach das Gremium die Empfehlung aus, die Zeit nach dem Jahr 2018 im Blick zu haben - damit von den Veranstaltungen auch danach noch etwas übrig bleibt.

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