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Mit Annette Bening : «Jahrhundertfrauen»: Stimmiges Zeitgeist-Drama

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Drei Frauen ziehen im Kalifornien Ende der Siebziger den Teenager Jamie groß. Was übersichtlich klingt, ist in «Jahrhundertfrauen» fein beobachtet und grandios gespielt. Mit Melancholie, aber ohne Illusionen schafft Regisseur Mike Mills ein kleines Juwel.

«Jahrhundertfrauen» ist kein bombastischer Film. Es gibt keine Special Effects, keine Verfolgungsjagden, nicht einmal eine besonders aufregende Handlung. Es ist vielmehr ein kleines, realistisches Drama, in dem doch das pralle Leben steckt. Aber der Reihe nach.

Erzählt wird die Geschichte von Dorothea Fields (Annette Bening, «American Beauty»), einer selbstbestimmten Mutter im Kalifornien der späten 1970er Jahre. Sie zieht ihren Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) ohne Vater groß und vermietet stattdessen ein Zimmer ihres Hauses an den Freigeist Abbie (Greta Gerwig, «Frances Ha»), eine Fotografin.

Im Haus wohnen auch der Handwerker William (Billy Crudup) und Julie (Elle Fanning), eine altkluge Teenagerin und Freundin von Jamie, die dauernd mit ihm flirtet, aber sich an keine rechte Beziehung herantrauen mag. Dorothea hat das Gefühl, dass sie allein ihrem Sohn nicht alle wichtigen Facetten des Heranwachsens vermitteln kann und bittet die Frauen in seinem Leben, zu Zusatz-Erzieherinnen zu werden.  

Wie dieses Vorhaben gelingt und misslingt, das steht im Zentrum des herzlich-beobachteten Films, der ohne jeden Zweifel völlig seinen Schauspielern gehört, allen voran Annette Bening. In jeder Einstellung ist die Kraft ihres Charakters genauso spürbar, wie die Wunden ihrer Biografie. Ihr gelingt es, aus Dorothea einen echten Menschen zu machen, denn oft zeigt sich allein in ihren Blicken die ganze Komplexität des Elternseins: die pralle Liebe, genauso wie die Verwirrung um den unvermeidlichen Abschied, wenn das Kind ins Erwachsenenalter herüberwächst.

Auch die präzisen und klugen Dialoge von Drehbuchautor und Regisseur Mike Mills sind eine echte Stärke des Films. Er erzählt hier lose angelehnt an die Geschichte der eigenen Mutter, nachdem sein Vorgänger «Beginners» bereits vom späten Outing seines Vaters handelte. Das extrem Atmosphärische hat Mills' neuem Film aber auch den Vorwurf eingebracht, zu wenig voranzukommen. Viel passiert tatsächlich nicht und manches wird nur angedeutet, insgesamt bleibt der Plot übersichtlich.

Doch die kleinen Momente kommen faszinierend zusammen und auch der südkalifornische Zeitgeist vor vierzig Jahren ist mit Punkkonzerten, Feminismus-Bestsellern und dem Nachdenken über freie Liebe und alternative Lebensformen hübsch eingefangen. Gerne würde man als Zuschauer erfahren, ob die Charaktere sich heutzutage treffen und über ihr Leben in Santa Barbara 1979 sprechen. Die Chance, dass man selbst noch lange später an den Film denkt, ist groß: Am Ende ist es mit ihm wie mit dem Leben. Während man auf die großen Dinge wartet, passiert das eigentlich Bemerkenswerte.

Jahrhundertfrauen

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erstellt am 15.Mai.2017 | 12:33 Uhr

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