Tour-de-France-Sieger : Gericht weist Deal im Verfahren um Jan Ullrichs Alkoholunfall zurück

Jan Ullrich beteuerte Reue. Und alles sah danach aus, als käme er mit nach seinem Schweizer Alkoholfahrt mit Bewährung davon. Doch nun droht ihm wieder eine Gefängnisstrafe.

shz.de von
21. Juli 2015, 18:23 Uhr

Weinfelden, Schweiz | Im Verfahren um den Alkohol-Unfall von Ex-Radprofi Jan Ullrich in der Schweiz hat das Gericht überraschend einen Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung abgeschmettert. Damit droht Ullrich doch wieder eine Haftstrafe.

Laut Staatsanwaltschaft hat Ullrich am 19. Mai 2014 zwei Mal alkoholisiert am Lenkrad seines Wagens gesessen. Bei der zweiten Fahrt - er war auf dem Weg in seinen Wohnort südlich des Bodensees - krachte es kurz nach 20 Uhr an einer Kreuzung in Mattwil. Ullrichs Auto kollidierte mit dem Heck eines bei der Kreuzung stehenden Fahrzeuges und danach frontal mit einem entgegenkommenden Wagen.

Der Präsident des Bezirksgerichts in Weinfelden (Kanton Thurgau), Pascal Schmid, warf der Staatsanwaltschaft am Dienstag erhebliche Nachlässigkeit vor. So seien Gutachten, wonach Ullrich bei dem Unfall am 19. Mai 2014 „nur“ 139 Stundenkilometer - bei erlaubtem Tempo 80 - fuhr, nicht glaubwürdig.

Andere Gutachten würden von 143 km/h ausgehen. Sie seien jedoch von der Staatsanwaltschaft nicht ausreichend gewürdigt worden. Der Unterschied sei erheblich, sagte Schmid: Bei 143 Stundenkilometern sei Ullrich nämlich laut Schweizer Verkehrsrecht als „Raser“ einzustufen und zwingend zu mindestens einem Jahr Gefängnis zu verurteilen. Hinzu komme die Fahruntüchtigkeit, die das Strafmaß noch weiter erhöhen könne.

Zuvor hatten sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf einen Strafmaßantrag von 18 Monaten geeinigt, die jedoch für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden sollten. Außerdem war eine Geldbuße von umgerechnet 9600 Euro vorgeschlagen worden.

Gerichtspräsident Schmid rügte auch scharf, dass die Staatsanwaltschaft eine bei Ullrich nach dem Unfall festgestellte Einnahme des Beruhigungsmittels Valium in Kombination mit dem Alkohol überhaupt nicht ausreichend berücksichtigt, sonder in der Anklageschrift verschwiegen habe.

Die Staatsanwaltschaft muss nun die Ermittlungen neu aufrollen und alle möglicherweise straferschwerenden Umständen neu gewichten. Dass Ullrich tiefe Reue gezeigt habe, sei zwar anzuerkennen, erklärte der Richter. Doch er machte zugleich klar, dass dies nicht dazu verleiten dürfe, Ullrich anders zu behandeln als andere Angeklagte in ähnlichen Fällen.

Der Ex-Radprofi sprach bei der Verhandlung von einem „Riesenfehler, den ich zutiefst bereue und für den ich mich schäme“. Er werde niemals wieder unter Alkohol am Steuer sitzen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen