Unemotionaler Stil : Filmemacher Jean-Marie Straub wird 85

Der französische Filmemacher Jean-Marie Straub wird 85.
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Der französische Filmemacher Jean-Marie Straub wird 85.

Retrospektive und Ehrenleopard für sein radikales Lebenswerk: Jean-Marie Straub ist in letzter Zeit viel Ehre zuteil geworden. Das war nicht immer so, denn seine Filme waren stets umstritten.

shz.de von
08. Januar 2018, 00:01 Uhr

 So viel Ehrungen wie in den vergangenen Monaten hat Jean-Marie Straub selten erfahren. Denn seine schwer zugänglichen Filme lösten bei Publikum und Kritik häufig Unverständnis aus. 

Mit zunehmendem Alter scheint Straub, der am Montag (8. Januar) 85 Jahre alt wird, immer mehr Anerkennung zu finden. Die Filme seien hochaktuell, erklärten die Kuratoren einer in Berlin vor wenigen Wochen zu Ende gegangenen Retrospektive «Sagen Sie's den Steinen».

Heute erweise sich das Werk als offen, verspielt und extrem zeitgenössisch, erläuterten die Ausstellungsmacher. Zwei Monate lang wurden in der Akademie der Künste fast 50 Filme gezeigt, die Straub zusammen mit Danièle Huillet gedreht hat. Seine Partnerin starb im Jahr 2006. Das Paar galt als Vorreiter des Neuen Deutschen Films, radikal wie niemand sonst.

Straub hat bis auf wenige Filme, darunter «Kommunisten» (2014), alle Werke mit Huillet gedreht. Die überwiegend linkskritisch-politischen Arbeiten charakterisiert ein unverkennbarer Ansatz: der Verzicht auf das illusionistische und emotionale Potenzial des Kinos. Dazu gehört die Absage an professionelle Schauspieler, an das große gestische Spiel der Darsteller sowie Straubs Bekenntnis zum Verfremdungseffekt von Bertolt Brecht, der mit überzogener Sprache, Liedern und Kommentaren die Handlung unterbricht.

Mit ihrem unemotionalen Stil setzten der 1933 in Metz geborene Straub und die 1936 in Paris geborene Huillet vorzugsweise literarische Vorlagen von Kafka, Böll, Malraux und Hölderlin um. Mit ihren Filmen lehnten sie Kommerz und Konventionen ab, leisteten dem Mainstream-Kino, Hollywood und dem Starsystem Widerstand.

Anerkennung wurde Straub im vergangenen Sommer auch auf dem Filmfestival in Locarno zuteil. Dort erhielt er im August den Ehrenleoparden für sein Lebenswerk. Würdigungen waren bislang eher rar. Im Jahr 1968 gab es für den Film «Chronik der Anna Magdalena Bach» über die wichtigsten Stationen im Leben des Komponisten Johann Sebastian Bach den deutschen Bambi-Preis, 2006 in Venedig einen Speziallöwen für den letzten gemeinsamen Film mit Huillet «Quei loro incontri» (etwa: Jene ihre Begegnungen).

Straub sprach zunächst ausschließlich Französisch, er musste nach dem Einmarsch der Nazis in der Schule Deutsch lernen. Nach einem Literaturstudium war er ab Mitte der 1950er Jahre bei den Filmregisseuren Jean Renoir, Jacques Rivette und Robert Bresson tätig. 1958 übersiedelte er nach Deutschland, um dem Militärdienst im Algerienkrieg zu entgehen.

Mit der «Chronik der Anna Magdalena Bach», den er bereits zusammen mit Huillet drehte, gelang ihm nicht nur der erste Langfilm, sondern auch einer seiner größten Erfolge. Zu einer ersten großen Kontroverse kam es 1974 mit «Moses und Aron» nach der Oper von Arnold Schönberg, weil der Vorspann eine Widmung an den Kameramann und deutschen Terroristen Holger Meins enthält. 

Mit eigenwilliger Kargheit inszenierte Straub 1991 an der Schaubühne in Berlin das Brecht-Stück «Die Antigone des Sophokles». Am Schluss der Premiere sorgte er für Wirbel, als er nur wenige Wochen nach dem Ende des Golfkrieges sagte, die Inszenierung sei den hunderttausend Irakern gewidmet, «die wir getötet haben». Straub lebt seit vielen Jahren abwechselnd in Rom, Paris und Hamburg.

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