Gerichtsdrama : Emma Thompson in «Kindeswohl»: Wie weit geht Verantwortung?

Richterin Fiona Maye (Emma Thompson) muss sich mit einem besonders schwierigen Fall auseinandersetzen.  Concorde Filmverleih GmbH
Richterin Fiona Maye (Emma Thompson) muss sich mit einem besonders schwierigen Fall auseinandersetzen.  Concorde Filmverleih GmbH

Was passiert, wenn ich mich in das Leben eines anderen Menschen einmische? Kann ich ihn mit den Folgen meines Handelns alleine lassen? Oder muss ich ihm zur Seite stehen? Schwierige Fragen, um die sich «Kindeswohl» mit Oscarpreisträgerin Emma Thompson dreht.

shz.de von
27. August 2018, 12:09 Uhr

Ein schwerkranker 17-Jähriger benötigt dringend eine Bluttransfusion, doch sein Glaube verbietet ihm die lebensrettende Maßnahme. «Die Seele, das Leben sind im Blut», begründen seine Eltern. Darf Adam trotzdem zur Behandlung gezwungen werden?

Eine Frage, mit der sich die Londoner Familienrichterin Fiona Maye auseinandersetzen muss. Im Drama «Kindeswohl» spielt die britische Schauspielerin Emma Thompson die Juristin, die diese schwerwiegende Entscheidung treffen muss. Eine Aufgabe, die die versierte Richterin nicht nur fachlich, sondern vor allem auch persönlich an ihre Grenzen bringt und ihr geordnetes Leben aus der Bahn wirft.

Wann weiß ein Teenager selbst, was gut für ihn ist? Erst mit 18? Oder auch schon ein halbes Jahr vorher? Fiona will sich selbst ein Bild machen und besucht den todkranken Jungen im Krankenhaus. Danach steht ihre Entscheidung fest: Adam, beeindruckend gespielt von Fionn Whitehead, soll weiterleben. Sie ordnet die Transfusion an und eröffnet dem 17-Jährigen eine völlig neue Welt, jenseits der strengen Regeln der Zeugen Jehovas, bei denen er nun nicht mehr verankert ist. Adam fühlt eine nie gekannte Freiheit, die ihn erst berauscht, dann aber immer mehr verunsichert. In seiner Not wendet er sich an Fiona, die in seinen Augen für seine jetzige Lage verantwortlich ist. Unerbittlich stellt er ihr nach, auch weil diese starke Frau völlig neue Gefühle in ihm weckt.

Regisseur Richard Eyre inszeniert die Geschichte nach dem Roman von Ian McEwan sehr emotional und immer wieder auch amüsant. Dabei wirft er große Fragen auf: Wie weit darf ich mich in das Leben eines anderen Menschen einmischen? Und wenn ich für ihn Entscheidungen treffe, kann ich ihn mit den Folgen meines Handelns alleine lassen?

Fragen, die auch Emma Thompson beschäftigen. Als Richterin setzt sie sich über den Willen des Jungen hinweg, der anfangs lieber sterben möchte, als fremdes Blut durch seine Adern fließen zu lassen. «Das Leben dieses Jungen ist in diesem Moment mehr wert, als seine Würde», findet die Schauspielerin, gibt aber auch zu: «Das ist eine riesige Verantwortung, die sie übernimmt». Fiona sei dafür fast blind.

Doch wäre es professionell, sich jenseits des Gerichtssaals zu treffen? Nicht in Fionas Augen. Als Adam ihre Nähe sucht und bei ihr einziehen will, weil er den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen hat und jetzt völlig alleine dasteht, weist sie ihn zurück. «Sie hat das Gefühl, sie muss das tun», erklärt die britische Oscarpreisträgerin («Sinn und Sinnlichkeit», «Harry Potter»). Doch eigentlich habe Adam recht. «Sie hat ihn gerettet und in die Welt geworfen, ohne ihm Mittel an die Hand zu geben, sich dort zurechtzufinden.» Deshalb müsse sie sich ihrer Verantwortung stellen. «Sie kann nicht sagen, ich habe diesem Jungen eine ganze Welt geöffnet und jetzt gehe ich weg.»

Thompson spielt die Rolle der erfolgreichen und leicht snobistischen Richterin sehr überzeugend. Eine Frau, die in ihrer Arbeit aufgeht und wohl überlegte Urteile fällt, auch weil ihr klar ist, dass sie damit das Leben der Betroffenen einschneidend verändert. Die weiß, was sie will und die Privilegien ihres Amtes genießt. Inmitten ihrer Arbeit verliert sie allerdings ihre langjährige Ehe mit Jack (Stanley Tucci) aus dem Blick. Eigentlich müsste sie nur einmal ihrem Gatten liebevoll die Hand reichen, um den durch Alltag und Gewohnheit entstandenen Gefühlsabgrund zu überwinden. Doch Fiona ist gefangen in ihrer Unnahbarkeit und hat längst verlernt, echte Gefühle zuzulassen.

Am stärksten ist der Film in den Momenten, in denen bei Fiona die Maske der gerechten und professionellen Juristin fällt. Etwa als sie Adam im Krankenhaus besucht und sich mit einem Teenager konfrontiert sieht, der voller Träume und Gefühle steckt, der Gedichte liebt und romantische Lieder auf der Gitarre spielt und dazu singt. Eine Emotionalität, die Fiona zutiefst anrührt und in ihr eine Seite zum Klingen bringt, die sie seit Jahrzehnten verstummt ist. Und ein Plädoyer dafür, sich von der Begeisterungsfähigkeit junger Menschen öfter mal anstecken zu lassen und vor Liebe und Gefühlen nicht einfach davonzulaufen.

Kindeswohl, Großbritannien 2017, 105 Min., FSK o.A., von Richard Eyre, mit Emma Thompson, Stanley Tucci und Fionn Whitehead

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