Verwandlungskunst : Eine Mutter ohne Glamour: Charlize Theron veredelt «Tully»

Fordernd statt federleicht: «Tully» erzählt von Mutterschaft, wie sie wirklich ist. Die Tragikkomödie lässt nichts aus, hat ein riesiges Herz - und besonders Charlize Theron überzeugt.

shz.de von
27. Mai 2018, 17:39 Uhr

Seitdem Schauspielerin Charlize Theron in «Monster» mit viel Zusatzgewicht und übel hässlich geschminkt die Massenmörderin Aileen gespielt hat, ist sie für die einen eine furchtlose Heldin, die für jede Rolle tut, was verlangt wird.

Für die anderen ist sie ein weiteres Beispiel dafür, dass es am Ende ziemlich mutlos ist, sich als Hollywood-Schönheit für ein Projekt ein wenig heruntergekommen zu präsentieren. Auch in «Tully» könnte der Südafrikanerin wieder dieser Vorwurf gemacht werden: Um den Alltag einer dreifachen Mutter möglichst realistisch zu zeigen, verzichtet Theron darin erneut auf geglättetes Make-up und hat gut zwanzig Kilo zugenommen.

Sie spielt Marlo, eine Anfangvierzigerin, die mit ihrem immer leicht abwesenden, aber grundguten Mann Drew (Ron Livingston) und ihren zwei Kindern in einem Vorort von New York wohnt. Spätestens als zur achtjährigen Sarah und dem Anzeichen von Autismus zeigenden Vorschüler Jonah noch ein Baby hinzukommt, ist Marlo endgültig überfordert. Ihr Unternehmer-Bruder (Mark Duplass) hat die rettende Idee und schenkt ihr eine «Night Nanny», ein Kindermädchen, das abends ins Haus kommt, nachts über das Kind wacht und Marlo nur weckt, um es ihr an die Brust zu legen. Zunächst zögert sie, doch als die freigeistige Hipster-Mary-Poppins Tully (Mackenzie Davis, deren unfassbar natürliche Chemie mit Theron den Film erst wirklich zum Scheinen bringt) vor der Tür steht, wird sie schnell zur unverzichtbaren Hilfe und besten Freundin.

Mit einem schlechteren Team wäre diese Geschichte zur schlichten Selbstverwirklichungsstory einer letztlich doch erstaunlich privilegierten Familie geworden. Doch nicht nur das gute Ensemble, sondern auch das Team hinter der Kamera stellen sicher, dass hier eine manchmal witzige, aber immer aufrichtige Story erzählt wird. Drehbuchautorin Diablo Cody und Regisseur Jason Reitman arbeiten hier zum dritten Mal zu einem ähnlichen Thema zusammen - nach der Teenager-Schwangerschafts-Tragikkomödie «Juno» und dem Quarterlife-Crisis-Werk «Young Adult» hat auch «Tully» interessante Dinge über die Rolle (un)gewöhnlicher Frauen in unserer Gesellschaft zu sagen.

Im Kern geht es erneut um die Frage, wie wir mit unseren Träumen umgehen und warum wir uns so selten erlauben, was uns eigentlich gut tun würde. «Tully» geht dem mit klugen Gags, einem großen Herz und spannenden Wendungen nach - es lohnt sich, die Namen im Abspann noch einmal genau zu verfolgen und auf dem Heimweg darüber zu diskutieren, wie viel schwerwiegender der Film durch sein letztes Drittel wird.

Und Theron? Vielleicht ist es 15 Jahre nach «Monster» an der Zeit, ihr endgültig Anerkennung für ihre unfassbare Wandelbarkeit auszusprechen. Egal ob mit Glatze in der Wüsten-Action von «Mad Max», als Extrem-Spätpubertierende in «Young Adult» oder jetzt in «Tully»: Ihre Oscar-Rolle in «Monster» war kein Ausrutscher.

Hier blickt sie nach der Geburt verschwitzt desillusioniert durch den Kreißsaal, legt extrem viel in einen sehnsüchtigen Blick zu ihrer neuen Freundin oder sitzt nur im BH bekleidet am Abendbrottisch - und hat dabei genau die Figur, die man kurz nach der Geburt eben hat. Theron veredelt hier mit viel Wärme und schauspielerischer Brillanz die Schwächen einer manchmal etwas thesenhaften Personenkonstellation, und so wird dieser kleine, kluge Film wirklich herausragend.

Tully, USA 2018, 96 Min., FSK o.A., von Jason Reitman, mit Charlize Theron, Mackenzie Davis, Ron Livingston, Mark Duplass

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert