Arbeits- und Sozialminister der Kohl-Ära : Ein Mann und sein Satz: Norbert Blüm wird 80

Norbert Blüm.
Norbert Blüm.

Norbert Blüm war genauso lange Arbeitsminister wie Helmut Kohl Kanzler. Ein Satz wird ihn bis ans Ende verfolgen.

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20. Juli 2015, 08:36 Uhr

Bonn | Ja, dieser Satz. Man muss gegenüber Norbert Blüm nur eine Andeutung machen, und schon geht es los: „Ich kann nur sagen: Da bin ich kampfbereit! Den Satz verteidige ich, und zwar mit einer gewissen Wut im Bauch...“ Was folgt, ist ein ziemlich leidenschaftlicher Vortrag, den er natürlich nicht zum ersten Mal hält. Denn er wird ständig darauf angesprochen.

Im Kopf hört man den Satz im unverkennbaren Blümschen Idiom: „Die Rente ist sischer.“ Die Leute auf der Straße rufen ihm das manchmal zu. Denn man erkennt Norbert Blüm sofort, er hat sich kaum verändert. Dabei feiert er am Dienstag seinen 80. Geburtstag.

„80?“, fragt er, so als wüsste er's noch gar nicht. „Nicht zu glauben, wie schnell das alles rast. Als Kind hab' ich immer das Jahr durchlitten, weil es so langsam voranging. Nach den Sommerferien - bis da mal Weihnachten kam! Und heute? Es ist merkwürdig, wie die Zeitverhältnisse sich ändern.“ Blüm sitzt in einem Sessel in seinem Gründerzeithaus in der Bonner Südstadt. Hohe Decken, viele Bilder, tiefer Garten. Er ist nach wie vor ein Anhänger der alten Bonner Republik und pflegt seinen nostalgischen Schmerz, aber mehr privat, weil es politisch unproduktiv sei, sich solchen Gefühlen hinzugeben, wie er sagt.

Blüms Gedanken kreisen noch immer um die großen Fragen. Er spricht über alles, was derzeit aktuell ist: Euro-Krise, Ukraine, Klimaerwärmung... Über früher spricht er nicht - er will heute noch etwas bewegen. Noch nie hat er so viele Briefe bekommen wie nach seinem neuesten Buch „Einspruch! Wider die Willkür an deutschen Gerichten“. Das hat er geschrieben aus Empörung über die Behandlung kleiner Leute durch den Justizapparat. „Im Moment mein Hauptkampf. Ich bin einer, der, wenn er mal ins Hosenbein gebissen hat, in der Hose hängen bleibt.“

Er sagt von sich, er wäre ein „alter Rummel-Boxer“, der den Schlagabtausch brauche. Der Vergleich ist vielleicht nicht ganz abwegig. Er ist ein kleiner, aber kompakter und beweglicher Mann, der noch immer einen sehr festen Händedruck hat und einem direkt in die Augen sieht.

16 Jahre war Norbert Blüm Arbeits- und Sozialminister, genauso lange wie sein großer Förderer Helmut Kohl Bundeskanzler war. Doch die beiden reden schon lange kein Wort mehr miteinander. Kohl sieht Blüm als „Verräter“, weil der ihn wegen der CDU-Spendenaffäre kritisiert hat. „Das bedaure ich sehr“, sagt Blüm dazu, „ich kann's nicht ändern. Ich kann auch nicht im Nachhinein sagen, der Freundschaft wegen, die Parteispenden wären richtig gewesen. Was nicht meinen Respekt vor ihm mindert.“ Dass Kohl von seinen politischen Freunden unbedingte Gefolgschaft verlangte und am Ende mehr und mehr zur Bitterkeit neigte, ist bekannt. Manche finden allerdings, dass Blüm seine Worte besser hätte wählen sollen, eben weil Kohl umgekehrt immer so treu zu ihm gestanden hat.

Blüm ist schon wieder bei Gegenwart und Zukunft. „Ich habe das Gefühl, dass wir uns in einer Wendezeit befinden, in der die Karten neu gemischt werden. Was wir jetzt am Mittelmeer erleben, das sind nur die Vorboten einer möglichen zweiten Völkerwanderung. Und diesmal kommen die nicht mit Pferden. Wenn der Abstand zwischen Reich und Arm nicht kleiner wird, wird die Welt in große Turbulenzen geraten.“ Wenn Norbert Blüm mit den aktuellen politischen Themen durch ist, spricht er zwar immer noch nicht von früher, wohl aber von anderen Dingen: seinem bevorstehenden Finnland-Urlaub, seinen drei Kindern und sechs Enkelkindern, die ihn da oben fast jedes Jahr besuchen.

Seine Frau kommt herein und plaudert kurz mit ihm, dann muss sie weiter. Am Ende hat man den Eindruck: Die Sorgen der Welt mögen Norbert Blüm zwar drücken, aber er selbst muss ein sehr glücklicher Mensch sein. „Bis in zehn Jahren“, sagt er zum Abschied. Zum 90. dann. Und er weiß auch schon, wie das Gespräch dann losgehen wird: „Es gibt da diesen Satz von Ihnen...“

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