TV-Tipp : Die Reise mit Vater

Emil (Razvan Enciu) (lr), Mihai Reinholtz (Alex Margineanu) und ihr Vater William (Ovidiu Schumacher) werden auf ihrer Reise von russischen Panzern gestoppt. Arte/Filmallee/BR
Emil (Razvan Enciu) (lr), Mihai Reinholtz (Alex Margineanu) und ihr Vater William (Ovidiu Schumacher) werden auf ihrer Reise von russischen Panzern gestoppt. Arte/Filmallee/BR

Ein kleine Familiengeschichte, in der sich die Weltpolitik spiegelt: «Die Reise mit Vater» erzählt von einem Rumänien zur Zeit des Prager Frühlings.

shz.de von
31. Mai 2018, 00:01 Uhr

Ein Irrwitz der Geschichte katapultiert eine rumänische Familie während der Ceausescu-Diktatur in den 60er Jahren unverhofft in den freien Westen. Soll sie die Chance nutzen? Oder wiegen Liebe, Verantwortung und Heimat doch schwerer?

Mit der Tragikomödie «Die Reise mit Vater» (2016) zeigt Arte an diesem Donnerstag (23.15 Uhr) einen Film, der diesen Fragen einfühlsam und humorvoll nachgeht - auch wenn es politisch manchmal arg schwarz-weiß wird. Für ihr Spielfilmdebüt hat sich die seit 1990 in Deutschland lebende Regisseurin und Autorin Anca Miruna Lazarescu von der Geschichte ihres eigenes Vaters inspirieren lassen.

Es ist das Jahr 1968. Im Tauwetter des Prager Frühlings gelingt es dem jungen rumäniendeutschen Arzt Mihai (Alex Margineanu), Pässe für die DDR zu ergattern. Er will seinen todkranken Vater (Ovidiu Schumacher) in Dresden zu einer rettenden Operation bringen, auch wenn der seinen Lebensmut längst verloren hat. Der jüngere Bruder Emil (Razvan Enciu) gefährdet die Reise zwar mehrfach durch seine aufmüpfigen Aktionen gegen die Staatsmacht, kommt aber schließlich mit. Die Mutter ist früh ums Leben gekommen.

In den politischen Wirren nach der Niederschlagung des Prager Frühlings landet das ungleiche Trio zunächst in einem Auffanglager der DDR-Bereitschaftspolizei. Dort passiert das für damalige Verhältnisse ganz und gar Undenkbare: Weil die Grenzen zur Tschechoslowakei inzwischen dicht sind, bekommt die Familie ein 48-Stunden-Visum für den Transit über die Bundesrepublik: Ankunft im Wirtschaftswunderparadies München.

In der WG von Mihais Freundin Ulli (Susanne Bormann), die er im DDR-Lager kennengelernt hat, finden alle drei Unterschlupf. Und für jeden von ihnen beginnt nun auf sehr unterschiedliche Weise die Auseinandersetzung mit den bis vor kurzem noch ungeahnten Möglichkeiten eines Neuanfangs.

Ein einfaches Happy End verbietet sich die Geschichte, das macht sie überzeugend. Lebensnah sind auch die Dialoge - besonders immer dann, wenn es um die Gefühle der Hauptfiguren geht, ihre Zuneigungen, Abhängigkeiten und verborgenen Wünsche. Die wunderbaren Darsteller geben diesen Szenen poetische Dichte.

Die Politsatire dagegen gerät leicht holzschnittartig: Die Staatsvertreter im Osten sind Abziehbilder des Bösen, die linksverbohrten Weltenretter im Westen Witzfiguren des Klassenkampfs - selbst an ihrem WC-Abzug baumelt noch ein Karl-Marx-Kopf.

Der Film wurde 2016 beim Münchner Filmfest vorgestellt und lief danach in den Kinos - allerdings ohne großes Aufsehen. Dabei waren die Erwartungen groß: Mit ihrem Kurzfilm «Stille Wasser», ihrer Abschlussarbeit an der Münchner Filmhochschule, hatte Lazarescu zuvor mehr als 80 Auszeichnungen bekommen. Jetzt gibt's für die Reise eine zweite Chance.

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