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Leute : Die Promi-Geburtstage vom 28. August 2013: Hermann Glaser

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Das Gehen bereitet ihm inzwischen Mühe, dennoch erklimmt Hermann Glaser täglich die steilen Stufen zu seinem Arbeitszimmer. Denn dort unterm Dach warten seine Bücher auf ihn, und ohne die kann er nicht sein.

Mehr als 30 000 Bände hat er im Laufe seines Lebens gesammelt, dicht an dicht und sauber katalogisiert stehen sie in den eigens gefertigten Regalen. Das Themenspektrum ist breit, doch Literatur, Philosophie, das Dritte Reich und vor allem Kulturgeschichtliches haben es Glaser besonders angetan. Zahlreiche Werke hat der Vordenker einer modernen Kulturpolitik dazu selbst verfasst. Heute wird Glaser 85 Jahre alt.

26 Jahre lang war Glaser Kulturdezernent in Nürnberg, 15 Jahre lang leitete er den Kulturausschuss des Deutschen Städtetages. Auch der Kulturpolitischen Gesellschaft saß er vor und kämpfte für eine demokratische, um die Teilhabe möglichst vieler Menschen bemühte Kulturpolitik, die auch mal alternative Experimente wagt.

Neben seinem Beruf und den vielen Ämtern publizierte Glaser mehr als 80 Werke. Eine Frage lässt ihm nämlich bis heute keine Ruhe, wie der Jubilar selbst erzählt: «Wie konnte es dazu kommen, dass sich in diesem Volk, das im 18. und 19. Jahrhundert viel zum geistig-kulturellen Leben beigetragen hat, der Nationalsozialismus endemisch ausbreiten konnte?»

«Meine These ist, dass im 19. Jahrhundert durch die "Agenturen der Gesellschaft" - Universität, Militär, Kirche, Schule, Verwaltung - alle geistigen Werte pervertiert und ins Gegenteil gezogen wurden. Die Nationalsozialisten konnten nur so erfolgreich sein, weil sie auf einen Resonanzboden stießen», fasst Glaser seine Erkenntnisse zusammen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sei die deutsche Gesellschaft weiter von konservativ-reaktionären Elementen geprägt gewesen.

«Nach 1945 war der Nationalsozialismus zwar weg, aber im Kulturbereich wurde an die klassische Kultur angeknüpft. Innerlich fand die Reform erst in den 60er/70er Jahren statt», erinnert sich Glaser. Bis dahin seien Theater, Konzerte, Bibliotheken und Museen in erster Linie «Verehrungsdeponien» gewesen.

Die neue Kulturpolitik - als deren exponierter Vordenker Glaser gilt - wollte «die Verhältnisse zum Tanzen bringen». Mehr Offenheit, mehr Vielfalt, der Einbezug breiter Bevölkerungsschichten, Stadtteilkultur statt steifer Kulturtempel in den Zentren - all das war damals revolutionär.

Bis heute hat Glaser ein besonders großes Herz für die Jugend. 1973 war er Mitbegründer des selbst verwalteten Nürnberger Jugendzentrums KOMM, um den aus seiner Sicht gegängelten Jugendlichen mehr Freiraum zu geben. Das KOMM machte 1981 bundesweit Schlagzeilen, als nach einer Hausbesetzer-Demonstration 140 Jugendliche verhaftet wurden. Am Ende wurden sämtliche Verfahren eingestellt.

«Das waren über 1000 Grundgesetzverletzungen», echauffiert sich Glaser noch heute. Damals positionierte er sich an vorderster Front der Kritiker und warf der CSU-geführten bayerischen Staatsregierung Rechtsbeugung und den Einsatz geballter Staatsmacht vor.

Hartnäckigkeit und unermüdlichen Einsatz für die Sache bescheinigen ihm auch Wegbegleiter. Zugleich schwärmen sie wie die heutige Nürnberger Kulturdezernentin Julia Lehner (CSU) von seinen angenehmen und warmherzigen Umgangsformen und zollen Respekt vor seinen intellektuellen und kulturpolitischen Leistungen.

«Demokratisierung von, Partizipation an und Emanzipation durch Kultur sind Zielsetzungen dieser kulturpolitischen Reformprogrammatik unter dem Glaserschen Motto "Bürgerrecht Kultur"», hatte der damalige wissenschaftliche Leiter des Instituts für Kulturpolitik, Bernd Wagner, schon vor Jahren resümiert. «In diesem Sinne hat er das Denken über Kulturpolitik und das kulturpolitische Handeln der vergangenen fünf Jahrzehnte entscheidend geprägt.»

Der dreifache Vater und siebenfache Großvater zieht selbst eher eine gemischte Bilanz. «Ich konnte manches verändern, manches schaffen. Aber ich habe die Besorgnis, dass eine Entpolitisierung da ist, so dass gesellschaftliche Skandale lange brauchen, bis sie zu einer Gegenkraft führen», schildert er. «Die Sensibilisierung und Aktivierung des Bürgers, seine Sachen selbst in die Hand zu nehmen, beschränkt sich heute auf die Wahlhandlung und Leserbriefe.» Er selbst werde deshalb so lange irgend möglich weiter schreiben und streiten.

NAME BERUF ALTER GEBURTSDATUM GEBURTSORT GEBURTSLAND
TURTELTAUB, Jon amerikanischer Regisseur 49 28.08.1964 Shelbyville USA
JAKOBS, Ditmar deutscher Fußballspieler 60 28.08.1953 Oberhausen Deutschland
SOUL, David amerikanischer Schauspieler 70 28.08.1943 Chicago USA
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erstellt am 28.Aug.2013 | 00:07 Uhr

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