TV-Tipp : Die Habenichtse

Zuneigung und Entfremdung: Jakob (Sebastian Zimmler) und Isabelle (Julia Jentsch). /BR/Arte
Zuneigung und Entfremdung: Jakob (Sebastian Zimmler) und Isabelle (Julia Jentsch). /BR/Arte

Sie sind jung, beruflich erfolgreich und genießen viele Freiheiten. Trotzdem fehlt ihnen irgendetwas. Die Verfilmung des Erfolgsromans «Die Habenichtse» zeichnet ein stimmungsvolles Porträt der situierten Mittelschicht - in Schwarz-Weiß.

shz.de von
28. Juni 2018, 00:01 Uhr

Als der Roman «Die Habenichtse» von Katharina Hacker 2006 erschien, traf er den Nerv der Zeit. Die Welt war nach «Nine Eleven» aus den Fugen geraten, die Gesellschaft befand sich plötzlich in einem dauerhaften Unruhezustand und die Generation der Ü-30-Jährigen versank in einer unerklärlichen Sinnleere.

Stabilisiert hat sich die Lage auch noch zehn Jahre danach nicht, als der preisgekrönte Bestseller verfilmt wurde. An diesem Donnerstag (23.25 Uhr) ist der Film auf Arte zu sehen.

Regisseur Florian Hoffmeister inszeniert ihn in mattem Schwarz-Weiß, das den melancholischen Ton des Films verstärkt und das Lebensgefühl der Protagonisten schön zum Ausdruck bringt. Die Protagonisten sind Isabelle (Julia Jentsch) und Jakob (Sebastian Zimmler). Er ein aufstrebender Rechtsanwalt, sie eine kreative Grafikerin. Beide, mittlerweile in ihren Dreißigern, kennen sich aus der Freiburger Studienzeit, in der sie miteinander kurz eine Affäre hatten. Jahre später sehen sie sich in Berlin auf einer Vernissage wieder.

Jakob erfährt erst am Abend zuvor aus einem Magazinartikel, dass Isabelle an dem Event teilnehmen wird. Allerdings hat er an dem Tag einen Geschäftstermin im World Trade Center. Glücklicherweise bietet sein bester Freund und Anwaltskollege Hans (Ole Lagerpusch) Hilfe an. Er übernimmt den Termin in New York, und Jakob trifft in Berlin Isabelle. Es ist der 11. September 2001.

Während der Freund bei den Terroranschlägen ums Leben kommt, bändelt Jakob wieder mit Isabelle an. Seine Schuldgefühle sind groß, erst recht als ihm Hans' neue Stelle in einer Londoner Kanzlei angeboten wird. Die Entscheidung fällt Jakob schwer, doch er will einen Neuanfang wagen.

Und Isabelle unterstützt ihn dabei. Als das Paar heiratet und kurz darauf in die englische Hauptstadt zieht, fangen die Probleme an. Hans geistert noch immer in Jakobs Kopf herum. Um den Schmerz zu lindern, vergräbt sich Jakob in Arbeit. Isabelle gelingt es hingegen nicht, beruflich Anschluss zu finden. Ohne feste Ziele und Aufgaben bleibt sie in der Londoner Wohnung auf sich alleine gestellt. Es beginnt eine Spirale aus Sehnsucht, Schuld und Entfremdung.

Großes Drama ist Hoffmeisters «Die Habenichtse» nicht, eher ein leiser, stimmungsvoller Spielfilm, in dem innere Konflikte dominieren. Diese spiegeln sich umso eindrucksvoller in den Gesichtszügen von Jentsch und Zimmler, die durch ihr zurückgenommenes Spiel glänzen. Mit minimalen Mundwinkel-Bewegungen und nachdenklichem Blick gelingt es ihnen, mehr zu sagen, als es oft Worte tun. Herrscht im Roman eine multiperspektivische Erzählweise vor, konzentriert sich der Film auf diese beiden Hauptfiguren, wobei die Sicht Isabelles überwiegt.

Die Geschichten der Nebenfiguren werden nur angerissen, und wenn, dann eher in Dialogen als in Bildern vermittelt. Generell arbeitet der Regisseur stark mit Andeutungen, ob es um Sex geht, die Drogensucht des Kleinkriminellen Jim (Guy Burnett) oder die Eifersucht des Künstlers Andras (Aljoscha Stadelmann), der in Isabelle heillos verliebt ist. Die Lektüre der Vorlage hilft, die eine oder andere Szene besser zu verstehen. Sie ist aber nicht notwendig, um sich im Film zurechtzufinden, obwohl die Schauplätze zwischen Berlin und London wechseln und die Sprache zwischen Deutsch und Englisch.

Der Großteil der Handlung spielt sich in geschlossenen Räumen ab, in schicken Restaurants, trendigen Bars oder stilvoll eingerichteten Apartments. So manch ein Bild hätte man gerne in Farbe gesehen, allein der Eleganz der Etablissements wegen, in denen die situierte Mittelschicht ihre Tristesse auslebt. Isabelle und Jakob sind ihre Repräsentanten, mitten im Leben stehend, finanziell abgesichert und in ihren Möglichkeiten unbeschränkt, aber dennoch unzufrieden, ohne zu wissen, was ihnen fehlt.

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