Vom Revolverheld zum „Sniper“ : Der glorreichste Halunke: Clint Eastwood wird 85

Szenen für die Ewigkeit: Finales Duell im Film „Für eine Handvoll Dollar mehr“.
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Szenen für die Ewigkeit: Finales Duell im Film „Für eine Handvoll Dollar mehr“.

Widersprüche machen Menschen interessanter – das trifft vor allem bei Künstlern zu. Clint Eastwood hat als Regisseur und Schauspieler nichts an Strahlkraft eingebüßt. Mit 85 ist er am Höhepunkt – vorläufig.

shz.de von
30. Mai 2015, 18:48 Uhr

San Francisco | Auf der Leinwand rauchen, ungeschminkt mit beschmutztem Gesicht in die Sonne starrend durch die Prärie reiten, per Gaul und Revolver das hässliche Gesicht des Bösen jagen – und dabei möglichst kein Wort verlieren. Wem huscht bei diesen Bildern nicht der Name Clint Eastwood durch die Gedanken?

1955 beginnt für eines der größten Gesichter des Films das Leben vor der Kamera – da ist Eastwood gerade 25 Jahre alt. Sein College-Studium hat er zu diesem Zeitpunkt schon lange geschmissen. Er schlägt sich als Holzhacker, Schwimmlehrer und anderswie durch. Auf die Idee, in Hollywood den erhofften sozialen Aufstieg zu erringen, bringt den attraktiven, großen Mann von 1,93 Meter ein Mitsoldat bei der Army. Der Anfang im Film verläuft für den Gelegenheitsarbeiter recht ordentlich mit einigen Nebenrollen. Bald darauf wird seine erste Frau jedoch krank. Das Geld wird knapp und er muss nebenbei wieder als Schwimmlehrer arbeiten. Die Jahre vergehen ohne nennenswerte Erfolge.
 

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Durch die Rolle des singenden Hitzkopfes „Rowdy Yates“ in der Western-Serie „Rawhide“ (1959 bis 1966) bekommt Eastwood Stallgeruch im
Western-Zirkus, doch ernst genommen wird er nicht. Als der Italiener Sergio Leone 1964 den für damalige Verhältnisse experimentellen Western „Für eine Handvoll Dollar“ auf die Beine stellen will, ahnt wohl niemand, dass die beiden in kürzester Zeit Kultfiguren sein würden.

Der Regisseur hat nur wenig Geld im Budget. Einen arrivierten Kino-Darsteller kann er damit nicht ködern. Außerdem hätten Western-Superstars wie James Coburn oder Henry Fonda das obskure Drehbuch sicher als drohende Karrierefalle eingestuft und dankend verlacht. Zu allem Überfluss sollte der Streifen schließlich auch noch in Europa gedreht werden. Klare Ansage: „No, thanks“. So kommt Leone notgedrungen auf den 34-jährigen Eastwood, über den er abfällig sagen wird: „Er hat zwei Gesichtsausdrücke: einen mit und einen ohne Hut.“

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Mehr braucht es für Leones Genre-Archetypen ohnehin nicht. Eastwood sagt zu: 15.000 Dollar und die Möglichkeit, sich Spanien einmal anzusehen, reichen dem Abenteurer voll und ganz. Als grantig-unrasierter Kopfgeldjäger reitet Eastwood als Namenloser mit dem Alias „Joe“ im Baumwoll-Poncho (einen nachgebildeten erhält man heute als „Räuberkostüm Mexikaner“ im Kostümladen) durch den Wilden Westen. Ein zäher, einsamer Wolf, der die dramatisch träge inszenierte Welt der Schlechtigkeit mit Kugeln füttert. Für die Dialoge gilt: Nur bei monumentalen Spüchen wird die mit Koyotengeheul und Peitschenknallen getränkte Musik Ennio Morricones in den Hintergrund gleiten. Zwischenmenschlichkeit ist hier fehl am Platze.


„Per un pugno di dollari“ heißt dieser erste Teil der sogenannten „Dollar-Trilogie“ Leones im Original. Es ist die Initialzündung für die Italowestern-Welle. Für die Kritiker in Hollywood ist das erstmal alles nichts. Doch Eastwood wird zum Star und der kommerzielle Erfolg ist da. Später wird er sich sehr selbstkritisch mit seiner Rolle im Spaghetti-Western auseinandersetzen. Im revisionistischen Western „Erbarmungslos“ (1992) wird er als Regisseur und Hauptdarsteller die Western-Klischees mit der Kraft bitterer Ironie auseinanderrevidieren.

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Kultstatus erreicht Eastwood ebenfalls durch seine Rolle des Harry Callahan im Actionstreifen „Dirty Harry“ (1971). Dieser Titel wird für Jahre sein Beiname bleiben, so prägt er diese Rolle – und umgekehrt. Doch die steife Mimik des Hollywood-Veteranen, dessen Antlitz bis heute Millionen von Innenwänden ziert, hat nie etwas Jugendliches oder Zeitgebundenes versprüht. Und das widersprüchliche Raubein hat noch lange nicht auserzählt.

Er unterstützt glaubhaft und vehement die Republikaner, war selber Bürgermeister und setzt sich gleichzeitig für liberale Anliegen wie die Homo-Ehe und sogar für Umweltschutz ein. Auf „politische Korrektheit“ legt der Ex-Bürgermeister des kalifornischen Ortes Carmel keinen Wert. Gemessen an seiner Vielseitigkeit, Beliebtheit, Schaffenskraft und der Größe seiner Trophäensammlung reicht kein anderer Hollywoodstar an den Schauspieler, Regisseur, Produzenten und Komponisten heran.

Eastwood wird am 31. Mai 85 Jahre alt und seine Strahlkraft ist geblieben. Das Scharfschützendrama „American Sniper“, sein 34. Regiewerk, spielte im Frühjahr allein in den USA fast 350 Millionen Dollar ein. Es ist Hollywoods erfolgreichster Kriegsfilm und Eastwoods bester Verdienst in seiner langen Karriere.

Der Film über den hochdekorierten US-Scharfschützen Chris Kyle ist auch Stoff für eine heftige Debatte. Für das liberale Lager war es ein patriotisches Heldenepos. Regisseur Michael Moore heizte die Debatte mit der Bemerkung an, dass die meisten Amerikaner wohl nicht glauben, dass Scharfschützen Helden seien.

Eastwood feuerte jüngst in bester Westernhelden-Manier zurück. „Alle sagten, dass ich damit gedroht hätte, Michael Moore zu töten, aber das stimmt nicht“, erklärte der Regisseur im April auf der Kinomesse CinemaCon in Las Vegas. „Aber das ist gar keine schlechte Idee“, fügte er augenzwinkernd hinzu.

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Auch seine bizarre „Stuhl“-Rede beim Parteitag der US-Republikaner vor drei Jahren konnte seinem Image kaum schaden. Auf der Parteitags-Bühne hatte Eastwood zu einem leeren Stuhl gesprochen und einen unsichtbaren US-Präsidenten Barack Obama scharf angegriffen. Später scherzte er in
der Talkshow von Ellen DeGeneres über sein Alter und seine Senilität. Er wollte einfach nur „ein bisschen Spaß haben“, entschuldigte er den schrägen Auftritt und outete sich gleich dazu als Liberaler. Der Staat solle sich aus dem Privatleben der Bürger heraushalten, das gelte auch für die Homo-Ehe, betonte Eastwood.

Das filmische Raubein zeigt als Regisseur längst eine einfühlsame Seite. Auf der CinemaCon-Messe im April erklärte Hollywoods sensibler Held das
Westernepos „Erbarmungslos“ (1993) und das Box- und Sterbehilfedrama „Million Dollar Baby“ (2005) zu seinen Lieblingsfilmen. Seine vier Oscars gewann er als Produzent und Regisseur mit diesen beiden Werken.

2005: Eastwood gewinnt zwei Oscars für Regie und Bild im Film „Million Dollar Baby“.
Foto: dpa
2005: Eastwood gewinnt zwei Oscars für Regie und Bild im Film „Million Dollar Baby“.

Eastwood arbeitet schnell und preiswert. „Million Dollar Baby“ drehte er in 37 Tagen mit einem Budget von nur 30 Millionen Dollar. „Ich habe Glück, dass ich noch arbeiten kann“, bedankte sich Eastwood in der Oscar-Nacht 2005 für seinen doppelten Sieg.

Neun große Spielfilme hat er seither inszeniert, darunter die Kriegsdramen „Letters From Iwo Jima“ und „Flags of our Fathers“, das Polit-Drama „Invictus - Unbezwungen“, über Nelson Mandelas Kampf gegen die Apartheid. In seinem sensiblen Regie-Werk „Hereafter - Das Leben danach“ nahm er die Zuschauer auf eine Reise ins Jenseits mit. „Natürliche Neugier“ gab er im April als Grund für den Wechsel hinter die Kamera an. Offensichtlich dachte er auch ans Alter. „Eines Tages schaust du auf der Leinwand auf Eastwood und du siehst einen Kerl, den du eigentlich nicht mehr sehen willst. Dann kannst du Regie führen“, witzelte der ergraute Star auf der Kinomesse.
 

Clint Eastwood in einer Filmszene von Gran Torino.
Foto: Imago/Granata Images
Clint Eastwood in einer Filmszene von Gran Torino.

Doch glücklicherweise hat er sich noch nicht sattgesehen. Nach „Gran Torino“ (2008), mit seiner meisterhaften Darstellung eines sturen Kriegsveteranen, hatte Eastwood angedeutet, dass er mit der Schauspielerei Schluss machen und sich nur noch der Regie widmen wolle. Doch vor drei Jahren meldete er sich mit der Sportkomödie „Back in the Game“ als bärbeißiger, verwitweter Baseball-Scout zurück. Seine Figur ist deutlich in die Jahre gekommen, aber felsenfest davon überzeugt, noch nicht zum alten Eisen zu gehören. Das trifft auch auf Eastwood zu. Der Sohn eines Stahlarbeiters aus San Francisco ist im Herzen ein Rebell, der keine Ruhe gibt.

Nun bekommt er allerdings vom eigenen Nachwuchs Konkurrenz. In der Filmromanze „Kein Ort ohne dich“ macht Eastwoods jüngster Sohn Scott (29) in Jeans und Holzfällerhemd derzeit Furore. In der Cowboy-Rolle zwinkert er manchmal so verschmitzt wie sein Vater früher. Er wollte den
Film zwar sehen, sich aber mit Ratschlägen zurückhalten, sagte Eastwood Senior. „Es scheint ihm ohne mich gut zu gehen. Ich habe ihn in der letzten Zeit mit einigen Dates gesehen, das macht er viel besser als ich“, witzelte er über das Liebesleben des Sprößlings.

Da mag er Recht haben. Eastwood ist Vater von sieben Kindern mit fünf Partnerinnen. Im vorigen Jahr wurde er nach 18 Jahren Ehe von seiner zweiten Frau Dina geschieden. Die Nachrichtensprecherin und Journalistin fand allerdings nach der Trennung noch nette Worte. „Ich möchte keine
schlechten Dinge über Clint lesen“, schrieb sie im Herbst 2013 beim Kurznachrichtendienst Twitter. „Er ist ein wundervoller, gutmütiger,
geistreicher Mensch.“ Das bestätige sie - was auch immer passiert sei.

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