Punk-Treffen in Hannover : Chaostage 1995: Krawall der Schlümpfe gegen Expo, Staat und Bezahlbier

Randalierende Punks errichten in Hannovers Nordstadt Barrikaden, die im Verlauf der Auseinandersetzungen von der Polizei geräumt werden.
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Randalierende Punks errichten in Hannovers Nordstadt Barrikaden, die im Verlauf der Auseinandersetzungen von der Polizei geräumt werden.

Vor 20 Jahren stopft ein buntes Thema das Sommerloch: Punks nehmen Hannover in Beschlag. Randale, Chaos, Ausnahmezustand.

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27. Juli 2015, 16:11 Uhr

Hannover | „Chaostage in Athen“, „Chaostage beim HSV“, „energiepolitische Chaostage“: Der Begriff, der die länger andauernde Eskalation eines unübersehbaren, kurzfristig unlösbaren Unordungszustandes schildert, wird in vielerlei Zusammenhang verwendet. Den Weg in den alltäglichen Sprachgebrauch fand das Wort vor ziemlich genau 20 Jahren, ausgerechnet in Hannover, der laut Google-Vorschlagssuche „langweiligsten Stadt Deutschlands“. Niemals zuvor hat die mausgraue Stadt an der Leine so sehr im medialen Fokus gestanden wie an jenen drei „Chaostagen“ vom 3. bis zum 6. August 1995.

Tausende Punks treffen sich an jenem Augustwochenende zu ihrem rituellen Jahrestreffen gegen die Ordnung ein und machen sich in der überforderten niedersächsischen Landeshauptstadt mitsamt ihren Bierdosen breit. Es tobt die bunte Anarchie. Fünf Jahre vor der Millennium-Expo-Ausstellung, die der Stadt weltweite Aufmerksamkeit beschweren soll, versinkt Hannover im Chaos. Neben dem Wort „Chaostage“ gehen die Bilder des Krawalls und der Zerstörung um die Welt: Punks werfen mit Pflastersteinen, errichten brennende Barrikaden, plündern stundenlang einen Supermarkt - und die Polizei sieht erstmal hilflos zu. Gesamtbilanz der Chaostage: Etwa 240 Beamte und 200 Punks werden verletzt, der Sachschaden beträgt rund 460.000 Euro. Noch dazu gerät das ohnehin mäßige Ansehen der Messe-Stadt („Haupstadt des Verbrechens“) zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt in weitere Schieflage.

„Das war fast wie im Bürgerkrieg“, beschreibt Hannovers damaliger Chef der Landesbereitschaftspolizei Hans-Dieter Klosa später die Lage und gibt zu: „Der Polizeieinsatz damals war ein Desaster“. „Bilder vom brennenden Hannover gingen um die Welt und haben das Image der Stadt schwer beschädigt.“ Der entscheidende Fehler der Polizei sei es gewesen, dass sie auf „eindeutige Anzeichen“ nicht rechtzeitig reagiert habe. So desaströs die „Chaostage“ Anfang August 1995 auch sind - für Klosa werden sie zum Sprungbrett in das Amt des Polizeipräsidenten. Denn als Konsequenz aus den Straßenschlachten tritt sein Vorgänger zurück.

Die Anfänge der Punktreffen in Hannover sind auf das Jahr 1982 mit vorherigem Auftritt der US-Band „Dead Kennedys“ in Bad Honnef zurückzuführen, bei dem der Leadsänger Jello Biafra die „Chaostage“ zum Widerstand gegen die von der „Taz“ aufgedeckte „Punker- Datei“ der Polizei ausruft. In dieser Kartei wurden Jugendliche mit auffälligem Aussehen registriert, auch wenn sie nie in Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten verwickelt waren.

Von 1983 an gibt es jährlich Punk-Treffen in Hannover, bei denen es immer wieder zu Gewalttätigkeiten kommt. 1994 droht die Situation außer Kontrolle zu geraten - und spornt die durch Anarchie und Nicht-Organisation gekennzeichnete Szene vermutlich an, im folgenden Jahr so richtig Dampf abzulassen.

Schon Anfang 1995 mehren sich im Internet und auf Flugblättern Aufrufe zur Teilnahme mit Parolen wie „Tötet alle Bullen“ oder „Wir legen die Stadt in Schutt und Asche“. Die Polizei wolle bei Straftaten „den rechtlichen Rahmen ausschöpfen“, vor allem jedoch auf Deeskalation setzen, kündigt der damalige Einsatzleiter noch am 1. August an. Doch der Plan geht nach hinten los: Der zeitweilige Rückzug der Beamten mit dem Ziel, zur Gewaltentschärfung beizutragen, wird von der Gegenseite als Schwäche interpretiert.

In den folgenden Tagen kommen rund 1500 „Bunte“ und Autonome aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland nach Hannover und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Beamte werden mit Flaschen und Pflastersteinen beworfen, Schaufensterscheiben gehen zu Bruch, Fahrzeuge brennen. Nahezu ungestört plündert eine Gruppe einen Supermarkt und versorgt sich mit Bier, Schnaps und Essen.

„Es gab Tag und Nacht keine Ruhe, ich habe mich nicht aus dem Haus getraut“, erinnert sich eine damals 73 Jahre alte Anwohnerin, die direkt gegenüber dem Sprengel-Gelände wohnte, dem Brennpunkt in der Nordstadt: „Das war wirklich ganz schlimm.“

Ministerpräsident Gerhard Schröder und sein Innenminister Gerhard Glogowski (beide SPD) geraten unter Druck. Auf Antrag der CDU- Fraktion wird ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Ein Jahr soll das Chaos sogar noch „Größer und Geiler“ werden, lassen die Drahtzieher verheißen. Doch an diesem ersten Augustwochenende ist die Polizei besser gewappnet. Polizeipräsident Klosa, frisch im Amt, entscheidet, die aus ganz Deutschland anreisenden Rowdys erst gar nicht in die Stadt zu lassen. Statt auf Deeskalation setzt die Staatsgewalt auf Präsenz und Stärke, das ist umstritten, aber wirkungsvoll. In der gesamten Stadt wird ein Versammlungsverbot erlassen, 6000 Beamte verwandeln Hannover in eine Festung. Tote Hose. Vor zehn Jahren fürchtet die Stadt noch eine Neuauflage der Krawalle, es hatte diverse Aufrufe zu „Jubiläums- Chaostagen“ gegeben. Die Polizei bereinigte die Lage prophylaktisch durch „konsequentes Einschreiten“, Personenkontrollen, Platzverweise und Festnahmen.

Ein auf dem Boden liegender Punk wird während in der Nacht zum 5. August 1995 in Hannover im Polizeigriff gehalten und abtransportiert.
Foto: dpa
Ein auf dem Boden liegender Punk wird während in der Nacht zum 5. August 1995 in Hannover im Polizeigriff gehalten und abtransportiert.
 

Nochmal kräftig zur Sache geht es bei den Chaostage 2008: Vor Start des Films „Chaostage – We Are Punks!“, einer ironischen Abhandlung zu dem berüchtigten Anarcho-Treffen, werden bei Ausschreitungen zwischen Punks und der Polizei 22 Menschen verletzt, darunter vier Beamte. 74 Anarchisten werden verhaftet. Gegen 25 wurden Verfahren wegen Landfriedensbruchs, Körperverletzung, Sachbeschädigung und Widerstands gegen die Polizei eingeleitet, nachdem es von mittags bis mitternachts Randale von angetrunkene Konzertbesuchern in der Stadt gegeben habe.

Inzwischen treffen sich die Punks vermehrt zu anderen Mottos in anderen Städten. Zwar kommen in jedem Jahr noch ein paar Hundert Buntfrisierte nach Hannover, doch die Polizei weiß nach den schweren Erfahrungen vor 20 Jahren, die Zusammenkunft klein zu halten. Das wortschöpfende Punkertreffen verliert zusehends an Bedeutung. Wohl auch, weil die Generationen der '77er, '82er und der '95er langsam ruhiger werden.

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