Senderplanung : ARD-Programmdirektor: «Tatort» wird weiter überraschen

Volker Herres ist seit zehn Jahren ARD-Programmdirektor.
Volker Herres ist seit zehn Jahren ARD-Programmdirektor.

Nach der Fußball-WM steckt Deutschland mitten in den Ferien. Doch das Erste will das Publikum auch im Hochsommer unterhalten. ARD-Programmdirektor Volker Herres hat außerdem schon einige Ideen für die Zeit danach.

shz.de von
08. Juni 2018, 12:58 Uhr

Eine neue Show mit den beiden Quizonkels Jörg Pilawa und Günther Jauch, ein Schweizer «Tatort», der ohne Schnitt gedreht wurde, neue Dienstagabendserien und etliche Dokumentationen - all das sind neue Ideen für das Programm im Ersten.

Die TV-Sender haben es Sommer traditionell schwer, das Publikum vor den Fernseher zu locken - und die Quoten sind dann oft unter dem Durchschnitt. «Das fängt auch die Mediathek nicht auf», sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres (60), der Deutschen Presse-Agentur. Herres, der im November zehn Jahre im Amt sein wird, kündigte für die kommenden Wochen etliche Highlights an, nicht nur beim SommerKino.

Frage: Wird das Erste mit seinen Experimenten beim «Tatort» wie zum Beispiel beim Mundart-Krimi «Babbeldasch» sparsamer umgehen?

Antwort: Die Vielfältigkeit unserer Teams begeistert das Publikum unverändert. Und die regionale Vielfalt und Verankerung ist ja gerade die Stärke des «Tatort». Mit dem ja inhaltsleeren Begriff «Experiment» kann ich nicht viel anfangen. Auch ein «Tatort» als Animationsfilm wäre ein Experiment, aber sicher kein gutes. Klar indes ist: Der «Tatort» wird und muss inhaltlich wie dramaturgisch weiterhin immer auch neue, mutige und überraschende Wege gehen. Möglichst solche, auf denen das Publikum folgen kann. Im Übrigen haben unsere «Tatorte» ja schon jetzt ein großes Spektrum - vom komödiantischen bis zu gesellschaftskritischen Stücken.

Frage: Am 8. Juli zeigt das Erste lange nach der Kinopremiere den Til-Schweiger-«Tatort - Off Duty» - wie geht es danach weiter?

Antwort: Nach der TV-Premiere des «Tschiller - Off Duty-Tatorts» gibt es eine kurze Sommerpause von nur drei Wochen beim Krimisonntag im Ersten: Am 5. August beginnen wir mit dem Schweizer «Tatort: Musik stirbt zuletzt» des renommierten Regisseurs Dany Levy wieder mit den Erstausstrahlungen. Ein sehr besonderer Film, der ganz ohne Schnitt auskommt und an nur einem Ort, dem Luzerner Konzerthaus, spielt. Dort beginnt dann übrigens wenige Tage später im wirklichen Leben das großartige Luzerner Kultur-Sommer-Festival. Auch deshalb haben wir diese Platzierung vorab gewählt.

Frage: Muss im Sommer wirklich so viel wiederholt werden? Die Sender könnten die Sommerzeit doch voller Premieren packen, die danach lange in der Mediathek stehen bleiben könnten?

Antwort: Im Sommer wird rund 25 Prozent weniger ferngesehen als in den kühleren Monaten. Das fängt auch die Mediathek nicht auf. Denn die meisten Menschen erreichen wir immer noch über die Erstausstrahlung im linearen Programm. Trotzdem stimmt es nicht, dass wir im Sommer nur Wiederholungen im Programm haben: Auch hier platzieren wir viele Highlights: Wir haben die «Tatort»-Premiere «Tschiller - Off Duty» bewusst vor dem Höhepunkt der Fußball-Weltmeisterschaft an einem spielfreien Sonntag platziert. Der Schweiger-«Tatort» ist eine vielen Menschen sicherlich sehr willkommene Abwechslung vom Fußball-WM-Krimi mit Höchstspannungsgarantie.

Kino im Fernsehen schreiben wir im Sommer im Ersten ganz groß. Das diesjährige SommerKino startet mit der Free-TV-Premiere der Tragikomödie «Ein Mann namens Ove». Die bayerische Krimi-Komödie «Grießnockerlaffäre» feiert ihre TV-Premiere bei uns und auch «Tschick» ist eine voller Witz und Poesie inszenierte ARD-Kinokoproduktion. Insgesamt gibt es dieses Jahr zwölf Fernseh- und Free-TV-Premieren in unserem SommerKino.

Auf ganz andere Art und Weise bewegen wir uns mit unseren neun Erstausstrahlungen im Dokumentarfilmbereich in diesem Sommer: «Die Nummer eins» zum Beispiel, ein Film über Deutschlands große Torhüter passend zur WM, «Life, animated», eine Reise in die fantastische Welt eines Autisten, aber auch politische und gesellschaftlich brisante Stoffe wie «Sklavinnen des IS» oder «Das Versprechen» über einen Deutschen, der seit 30 Jahren in einem amerikanischen Gefängnis inhaftiert ist. Brandneue intensiv recherchierte Reportagen gibt es im Sommer auch in unserer Reihe «Exclusiv im Ersten».

Frage: Mit welchen Stoffen will die ARD ihre Seriendominanz am Dienstag halten? Auffällig ist, dass vor allem altbewährte Serien wie «Um Himmels Willen» oder «In aller Freundschaft» die meisten Zuschauer haben, neuere eher weniger...

Antwort: Da muss ich Ihnen widersprechen: Denken Sie nur an «Charité» mit durchschnittlich 7,48 Millionen Zuschauern im letzten Jahr. Und über die Resonanz der derzeit laufenden, neuen Hauptabendserie «Falk» freuen wir uns auch sehr. Ich bin der festen Überzeugung, dass es die Mischung ausmacht: Aus liebgewordenen traditionellen Geschichten und neuen Serien, die auch Eventcharakter haben können, so wie in diesem Jahr «Weissensee» und natürlich «Babylon Berlin». Ab 4. September steht auch schon die zweite neue Serie dieses Jahres mit sechs Folgen auf dem Programm: «Die Heiland - Wir sind Anwalt», in deren Mittelpunkt eine blinde Anwältin steht. Pamela Pabst, die Berliner Rechtsanwältin, war übrigens das Vorbild unserer Serie.

Frage: Lohnen sich Dokufilme zur besten Sendezeit? «Das Mädchen und der Flüchtling hatte am vergangenen Montag um 20.15 Uhr unter zwei Millionen Zuschauer...

Antwort: Selbstredend wünschen wir uns ein noch größeres Publikum für aktuelle und relevante Dokumentationen, wie wir sie am Montag um 20.15 Uhr unter dem Titel «Was Deutschland bewegt» gezeigt haben und bis einschließlich nächsten Montag auch noch zeigen. Wir waren und sind überzeugt, dass diese Filme auf einen Primetime-Platz gehören, abseits aller Quotenerwartungen. Und wir freuen uns über die große Reputation, die diese Stücke erworben haben - unisono von den Kritikern gelobt zu werden, das gibt es ja auch nicht alle Tage.

Frage: Ist die große Familienshow inzwischen Geschichte und im Fernsehen von heute nicht mehr machbar?

Antwort: Eine Neuentwicklung ist die Eurovisionsshow «Ich weiß alles!». Gemeinsam mit ORF und SRF präsentieren wir im Herbst drei Ausgaben am Samstag um 20.15 Uhr. Die beiden Quizonkels der Nation, Jörg Pilawa und Günther Jauch, gemeinsam in einer Sendung - das verspricht Spannung und erstklassige Unterhaltung. Mit «Klein gegen Groß» und «Verstehen Sie Spaß?» haben wir zwei Familienshows im Programm, die quer durch alle Altersgruppen sehr erfolgreich sind. Auch einem echten Event wie dem «ESC» gelingt es, Jung und Alt in großer Zahl vor den Fernseher zu locken. Mit unseren Samstagabendshows haben wir klar die Nase vorn. Die Zeiten, als es zwei Fernsehprogramme gab und «Einer wird gewinnen» die Straßen fegte, sind aber Geschichte.

Frage: Sind die European Championships im August ein kleines Trostpflaster für die, die den großen Sport - außer Olympia, Fußball-EM und -WM - im Ersten oder ZDF missen?

Antwort: Das sehe ich anders: Die European Championships sind ein attraktives Zusatzangebot neben WM, EM, Bundesliga, DFB-Pokal, Länderspielen, Olympischen Spielen und vielem anderen mehr. Die zeitgleiche Austragung der Europameisterschaften von sieben Olympischen Sportarten bietet kompakt jede Menge Höhepunkte und garantiert Spannung vor den Bildschirmen.

ZUR PERSON: Volker Herres (60) ist seit zehn Jahren ARD-Programmdirektor. Seine TV-Karriere begann der Journalist beim ZDF, bevor er zum Norddeutschen Rundfunk wechselte. Der gebürtige Cuxhavener wohnt in München, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert