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Tatort-Schauspielerin : Andrea Sawatzki im Interview: Kinder, Hunde, Chaos

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die PerfektionistenAndrea Sawatzki über ihre Filme, Bücher und das Familienleben.

shz.de von
erstellt am 31.Aug.2014 | 11:11 Uhr

Frau Sawatzki, Sie haben drei Hunde – Mops, Boxer, Dogge. Welcher ist für Jogger der gefährlichste?
Der Mops. Coco versucht, Jogger in die Füße zu beißen, höher kommt sie nicht. Aber ich habe sie mit Leckerli überlistet, knistere mit einem Tütchen und dann bleibt sie bei mir. Das ist die einfachste Methode der Hundeerziehung, aber es funktioniert.

Sie haben also keine Angst vor Schlagzeilen wie „Sawatzki-Dogge zerfleischt Jogger beim Wadenkrampf“?
(lacht) Nee. Gustav, also die Dogge, joggt ja immer mit mir, der kennt das und findet andere Jogger uninteressant. Der interessiert sich eigentlich nur für Hunde seiner Größe oder zumindest solche, die ihm bis zur Schulter reichen. Die jagt er ganz gerne.

Gab’s denn schon mal richtig Ärger mit Joggern?
So richtig nicht. Ich glaube, einer ist mal hingefallen, aber der wollte sich dann auch nicht helfen lassen. Er war wohl ziemlich sauer, aber seitdem passe ich auch auf.

Aber Sie lassen die Hunde schon frei laufen, oder?
Nur auf dieser Seite des Sees, auf der anderen muss man sie anleinen. Ich renne dann lieber durch den Wald, da begegnet man niemandem außer den Wildschweinen. Das ist angenehmer.

Wenn Sie mit allen Hunden gleichzeitig spazieren gehen – könnte es auch passieren, dass die Hunde mit Ihnen spazieren gehen?
Damit habe ich aufgehört, weil der Boxer und die Dogge zusammen einen ziemlichen Jagdtrieb entwickeln. Jetzt gehe ich getrennt mit den Hunden, auch wenn es ziemlich viel Zeit kostet. Also einmal mit Mops und Boxer, und dann mit der Dogge allein, weil ich Gustav erziehen muss. Er hat ja eine tragende Rolle bei der Verfilmung meines letzten Buchs. Dafür mache ich ganz viele Übungen mit ihm, da würden die anderen beiden nur stören.

Was muss Gustav denn lernen?

Er muss unter anderem mit dem achtjährigen Mats in einer Badewanne sitzen und voller Schaum sein. Dann muss er auf Befehl heulen, dass kann er schon. Er muss alles auffressen, das kann er auch. Und er muss Leute umrennen, das kann er auch. Wir sind also schon ziemlich weit, nur die Badewanne bereitet mir noch Magenschmerzen.

Stört es Sie, wenn Möpse von Hundeexperten als Qualzucht bezeichnet werden?
Ich verstehe das Argument, auf der anderen Seite haben Möpse so einen tollen Charakter. Außerdem ist Coco ein ausgesprochener Sport-Mops und rennt immer allen davon. Und sie hat ein etwas größeres Näschen als andere Möpse.

Vom Typ her hätte ich bei Ihnen eher Katzen vermutet als Hunde.

Wir haben es mal versucht – zu der Zeit, als ich mich langsam an die Hunde herangearbeitet habe. Aber als der Boxerwelpe kam, wurden die Katzen derart eifersüchtig, dass sie nicht mehr stubenrein waren und sich nicht mehr anfassen ließen. Das war ihre Art der Rebellion. Diese Dominanz der Katzen wurde mir irgendwann zu viel. Ich hatte Angst, nach Hause zu kommen, weil die Katzen die Wohnung quasi in Besitz genommen hatten.

Im Gegensatz zu Ihren „Bella“-Filmen sind Sie keine alleinerziehende Mutter, sondern leben als singende und schreibende Schauspielerin zusammen mit drei Hunden, zwei Söhnen in der Pubertät und einem Schauspieler als Ehemann – das klingt nach viel Alarm unterm Dach.
Nö, das ist nicht so schlimm. Das Singen habe ich aus Zeitgründen erst mal zur Seite geschoben, meine Filme drehe ich glücklicherweise meistens hier in Berlin und schreiben kann ich zu Hause. Wenn die Kinder dann kommen und irgendwas brauchen, bin ich ja da. Mittlerweile sind sie auch in dem Alter, in dem sie glücklich sind, wenn das Haus voll ist mit Freunden oder sie selbst zu Freunden gehen. Da werde ich nicht mehr rund um die Uhr gebraucht. Es ist zwar oft sehr chaotisch bei uns, aber es herrscht keine schlechte Stimmung. Ich finde das lustig und lasse mich von jedem Tag neu überraschen. Dabei hätte ich mir früher nie vorstellen können, überhaupt mal eine Familie zu haben.

Wieso?
Ich dachte immer, ich sei der geborene Einzelgänger und müsste immer alles unter Kontrolle haben. Aber das hat sich mit der Zeit total geändert, das finde ich richtig schön.

Den Hang zur Perfektion haben Sie wohl zwangsläufig ein bisschen zurückstellen müssen.
Auf jeden Fall. Es hat ein paar Jahre gedauert, aber mittlerweile ist es nicht mehr das Wichtigste, stattdessen bin ich ziemlich entspannt.

Haben Sie...
...eine Therapie gemacht? (lacht) Ich glaube, das kam durch meine Gespräche mit Christian. Ich habe schon manchmal gesagt, ich schaffe das alles nicht mehr, wie machen das denn die anderen? Er hat mir dann klargemacht, dass das auch gar nicht alles sein muss und es viel mehr darum geht, dass man sich gut und wohlfühlt. Irgendwann konnte ich mir auch mal eine Auszeit nehmen, etwas liegen lassen und stattdessen zehn Seiten lesen. Gerade wenn man eh schon viel Arbeit hat, muss man zu Hause nicht gleich alles aufräumen, waschen und sich einen Riesenstress machen, sondern vielleicht erst mal mit den Hunden eine Runde durch den Wald drehen. Und wenn ich merke, dass ich nervös werde, räume ich sehr gerne Schränke aus und versuche, die äußere Leere auf mein Inneres zu übertragen. Das ist noch ein Relikt aus der Vergangenheit und tut mir sehr gut, gerade wenn’s am Wochenende mal regnet und düster ist.

Haben Sie Ihren Mann bei der Arbeit kennengelernt?

Ja, vor über 16 Jahren. Bei den Dreharbeiten zu dem ZDF-Thriller „Tod auf Amrum“. Wir haben damals ein Ehepaar gespielt und hatten beide eigentlich überhaupt keine Lust darauf, weil wir beide gerade aus gescheiterten Beziehungen kamen. Uns stand beiden nicht der Sinn danach, jemanden kennenzulernen, am allerwenigsten einen Schauspieler. Und dann ist es eben doch passiert.

Was hat Ihnen an ihm gefallen?

Es hat mich fasziniert, dass er so belesen war. Wir haben in einer Villa am Strand gedreht, und in den Umbaupausen hat er sich nicht unterhalten, sondern sich in eine Ecke zurückgezogen und gelesen. Irgendwie hat mich das gereizt, ich fand das irre: Der muss ja gar nicht mit mir reden, der liest ja nur.

Das hat Sie gereizt?
Ich fand das total spannend. Er hat mir dann bei einem Strandspaziergang erzählt, was er so liest, das war damals Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Das hat mich umgehauen.

Vielleicht sollte man das männliche Balzverhalten mal grundsätzlich überdenken.

(lacht) Ja, einfach nur in die Ecke setzen, lesen und niemanden groß beachten, das zieht bestimmt bei so einigen Frauen. Allerdings gab es auf Amrum damals eine Diskothek namens „Seepferdchen“. Da ging es immer total ab. Da habe ich dann relativ schnell Christians andere Seite kennengelernt...

Sie haben mal gesagt, Ihr Mann sei Ihre erste ernsthafte längere Beziehung gewesen.
Ja, das stimmt. Davor war eigentlich nur Chaos. Das kommt wohl unweigerlich, wenn man selbst nicht das Kind einer glücklichen Familie ist und das Gefühl hat, eine Beziehung könne eigentlich gar nicht gut funktionieren. So etwas nimmt man mit in sein Leben und stellt es sich unglaublich schwer vor, eine gut funktionierende Beziehung auf die Beine zu stellen, dann auch noch Kinder in die Welt zu setzen, die Verantwortung dafür zu übernehmen und zu sagen: Wir bleiben jetzt zusammen.

Haben Sie deshalb so lange mit dem Heiraten gewartet?
Ich hatte schon eine gewisse Scheu. Ausschlaggebend waren dann auf jeden Fall die Kinder, die sich das sehr gewünscht haben. Wir hatten es auch immer schon mal ins Auge gefasst, aber dann kamen wieder irgendwelche Termine dazwischen. Vor acht Jahren hatten wir sogar schon mal um die hundert Leute zu einer Hochzeit eingeladen, die dann nicht stattfand, weil wir nicht den richtigen Ort dafür gefunden haben.

Und dann?
Haben wir uns vor drei Jahren eine Deadline gesetzt und im September gesagt: Wir müssen dieses Jahr noch heiraten, und zwar im Dezember, basta! Es war dann zwar ein Riesenstress, aber auch wahnsinnig schön, wir haben drei Tage lang hier in Berlin mit 150 Freunden durchgeheiratet.

Sie sind vorgestern aus dem Urlaub zurückgekommen – ich hoffe, es war nicht so chaotisch wie der Familienurlaub in Ihrem neuen Buch. Und vermutlich auch nicht auf Norderney, oder?

Wir sind immer in einem kleinen Dorf in Andalusien, wo es sonst keine Deutschen hin verschlägt. Es ist ziemlich karg da und oft stürmisch, das muss man schon lieben. Für uns ist es aber längst eine zweite Heimat geworden.

Kinder, Hunde, Chaos – es gibt durchaus einige Parallelen zwischen Ihrer Familie und der Familie Bundschuh im Buch. Was sagt Ihr Mann, wenn Sie sich einen Sonderling wie Gerald als Ehemann für Gundula Bundschuh ausdenken?

Der findet ihn zum Brüllen komisch. Gerald ist ja schon im ersten Buch so angelegt, dass er immer Zeitung liest, nie hilft, heimlich Schlager singt und nicht wirklich erwachsen geworden ist. Da gibt’s also keine Parallelen zu Christian.

Ihr neuer Film „Bella Casa“ hat Luxussanierung und Entmietung zum Thema, kommt aber im Gewand einer Komödie daher. Passt das zusammen?
Es ist keine Komödie, sondern das, was man heute Dramödie nennt. Das Thema ist ja auch nicht lustig und hier in Berlin allgegenwärtig. Gerade wird Neukölln groß aufgerüscht, da entstehen absolute Luxuswohnungen und die bisherigen Mieter müssen sehen, wo sie bleiben. Der Film will den Zuschauer damit konfrontieren, ohne dass er gleich in ein tiefes Loch fällt.

Trotz des Erfolgs beim Publikum ist Ende September der sechste zugleich der letzte „Bella“-Film. Warum?

Sechs Teile sind genug. Bellas Geschichten sind jetzt schön rund und bunt, da sollte man einen Schlussstrich ziehen. Wir überlegen, jetzt, etwas Neues aufzuziehen.

Empfinden Sie so etwas wie Trennungsschmerz, wenn Bella uns verlässt?
Nein. Der Abschied vom Team und von den Kollegen war schmerzhaft. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass man sich bei einem anderen Projekt wieder über den Weg laufen wird. Und sei es in fünf Jahren. Wirklichen Trennungsschmerz hatte ich bei Charlotte Sänger vom „Tatort“. Da ist ein bisschen was von mir weggebrochen. Die mochte ich schon sehr. Aber man sollte aufhören wenn es am schönsten ist. Sonst wendet sich das Blatt irgendwann von selbst .

Werden Sie in Zukunft wieder mehr reisen müssen, um zu drehen, oder achten Sie weiter darauf, „familiennah“ zu arbeiten?

Dieses Jahr war wieder ein echtes Berlinjahr. Für nächstes Jahr stehen auf jeden Fall zwei Projekte in Berlin an. Und es wird eine Fortsetzung meiner Lieblingsminiserie geben, die wird in meiner alten Heimat München gedreht. Das ist auch toll. Dieses Jahr habe ich aber etliche Lesereisen für meinen dritten Roman. Da bin ich dann auch erst mal weg.

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