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Liedermacher und Country-Sänger : 80 Jahre Kris Kristofferson: Singend in Dekade IX

vom
Aus der Onlineredaktion

„Feeling Mortal“ war einmal: Kris Kristoffersons vermeintliche Demenz erwies sich als heilbar. Seine kommende Tour führt ihn nach Aarhus.

New York | „Freedom's just another word for nothing left to lose“ – Freiheit ist also nur das, was übrig bleibt, wenn man bereits alles verloren hat. Wer wie Kris Kristofferson solche Zeilen entwirft, der taugt nicht zum Politiker, auch wenn seine Mutter ihm das Einmischungs-Gen mitgab. Als Literaturwissenschaftler in Militäruniform ging der zur Tugend erzogene Mann aus Texas wie vom Blitz getroffen nach Nashville – eben so als hätte er nichts zu verlieren. Der Rest der Geschichte ist Country, Hollywood und Rock 'n' Roll.

Musiklegenden wie Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, Joan Baez, Willie Nelson, Janis Joplin und Ray Charles haben seine Lieder gesungen: Kris Kristofferson gilt als einer der Größten in der Songwriter-Gilde der Vereinigten Staaten.


Nun haben die hölzernen Knochen des markanten Rebellen 80 Jahresringe angesetzt. Zum Geburtstag macht sich der Song-Poet selbst das größte Geschenk: Ein neues Album namens „The Cedar Creek Session“ kommt auf den Markt – gefolgt von einer Tour. Bis Ende des Jahres wird die Songwriter-Legende in ganz Nordamerika und Skandinavien – der Heimat seiner Vorfahren väterlicherseits – auftreten. Dazu gehört am 10. September auch ein Auftritt im Musikhuset Aarhus

Seinen 80. Geburtstag am 22. Juni feiert Kristofferson bei einem Konzert in Lawrence im US-Bundesstaat Kansas. Wenn er nicht auf der Bühne stehe, mähe er am liebsten den Rasen seines Anwesens auf Hawaii, sagte Kristofferson jüngst dem US-Radiosender NPR. „Das ist meine Therapie. Auf meinem Rasentraktor kann mir keiner was.“

Zitat Kris Kristofferson: „Man schwimmt nicht gegen Strom, sondern rudert mit ihm. Und wenn du irgendwann gut darin bist, wirfst du die Ruder einfach weg.“

 

Der Musiker ist zurück. Jahrelang hatte Kristofferson gegen Gedächtnisverlust gekämpft, sich selbst als senil abgestempelt, darüber geschrieben und sein vermeintlich letztes Album „Feeling Mortal“ (auf Deutsch etwa: Ich fühle mich sterblich) genannt. Dann diagnostizierte endlich ein Arzt Borreliose und behandelte die durch Zecken übertragbare Krankheit. „Auf einmal war er wieder da“, sagte Kristoffersons Frau Lisa dem „Rolling Stone“. „Es gibt immer noch schlechte Tage, aber an manchen Tagen ist er ganz normal und es ist einfach zu vergessen, dass er da gegen etwas gekämpft hat.“

Seine Konzerte beginnt Kristofferson nach wie vor immer mit dem Song „Shipwrecked in the 80's“. Aus Aberglauben. Das Lied soll ihm Glück bringen. Dass er überhaupt selbst als Sänger mit seinen Songs tourt und Hallen füllt, überrascht wohl ihn selbst am meisten. „Jeder Künstler, der meine Songs gesungen hat, hat das besser gemacht als ich“, sagte Kristofferson einmal. „Ich singe wie ein Frosch.“ Die „New York Times“ sah das ähnlich: „Mr. Kristofferson ist über drei Akkorde nie hinausgekommen.“ Trotzdem lieben ihn die Fans, für die der singende Poet mit seiner Gesellschaftskritik und Melancholie das gebrochene Lebensgefühl der Vietnam-Generation verkörpert.

Zitat: „Sollte Gott jemals etwas besseres als Frauen geschaffen haben, hat er es für sich behalten“
 

Geboren wurde der Enkel schwedischer Einwanderer 1936 in Brownsville ganz im Süden von Texas. Mit einem Stipendium für Hochbegabte studierte er im britischen Oxford und wollte zunächst Schriftsteller werden. Als er damit keinen Erfolg hatte, wurde er Hubschrauberpilot beim US-Militär und war von 1962 bis 1965 in Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) stationiert.

Danach sollte er an der berühmten Militärakademie West Point bei New York Literatur unterrichten, doch er folgte seinem Herzen und ging nach Nashville. Der Country-Musik wegen, die für ihn „der Blues des weißen Mannes“ ist. „Die ganze Sache verblüfft mich immer noch“, sagte Kristofferson dem „Rolling Stone“ zu diesem Sprung auf die Straße. „Ich war auf dem Weg in ein komplett anderes Leben. Und plötzlich habe ich meine ganze Zukunft, meine Familie und alles andere dem untergeordnet. Das war ziemlich angsteinflößend.“

Seine Mutter war entsetzt und sprach jahrelang kein Wort mehr mit ihrem Sohn. „Sie hat gesagt, dass ich eine Schande für die Familie bin. „Ich habe ihnen stolze Momente gegeben, zum Beispiel mit meinem Stipendium, aber sie sagte: 'Das wird niemals die riesige Enttäuschung aufwiegen, die du schon immer warst'. Warum sagt man so etwas zu seinem Kind?“ Auch Kristoffersons erste Ehe zerbrach an Nashville.

Dort scheuerte er zunächst im Studio die Böden, während Bob Dylan Aufnahmen machte. Um Johnny Cash von seinem Talent zu überzeugen, landete Kristofferson mit einem Hubschrauber in dessen Garten. „Ich wusste eine lange Zeit nicht, ob ich jemals Songs verkaufen würde. Ich habe mir dann gesagt, dass ich es für mich mache und für all die Befriedigung, die ich daraus ziehen kann. Aber irgendwann konnte ich dann doch davon leben.“ Bald steht Kristofferson neben Dylan auf der Bühne und schreibt einen Hit nach dem anderen, darunter „Sunday Morning Coming Down“ und „Help Me Make It Through the Night“. „Schließlich stand ich mit all meinen Helden auf der Bühne. Es war unglaublich.“ Zudem wurde er zum gefeierten Filmstar.

Drei Jahre nach der Scheidung von seiner zweiten Frau Rita Coolidge heiratet Kristofferson 1983 die Anwältin Lisa Meyers, mit der er bis heute zusammen auf Hawaii lebt. Gemeinsam haben sie fünf Kinder und Pflegekinder. „Er lässt sich nicht managen“, sagt seine Frau über ihn. „Sogar wenn ihm jemand sagt, dass er einen guten Tag haben soll, antwortet er: 'Sag mir nicht, was ich machen soll'.“

Für seinen Abschied irgendwann hat Kristofferson vorgesorgt und sich drei Songzeilen eines anderen Poeten auserkoren, den er einst im New Yorker Greenwich Village kennen lernte und der auch mit über 80 noch tourt. Diese Zeilen aus Leonard Cohens „Bird on a Wire“ sollen irgendwann auf seinem Grabstein stehen.
„Like a bird on the wire,
like a drunk in a midnight choir,
I have tried in my way to be free.“

„Wie ein Vogel hoch auf dem Draht,
wie ein Volltrunkener im Chor der Nacht,
habe ich mich auf meine Art an der Freiheit versucht.“
 
 
 

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erstellt am 21.Jun.2016 | 15:47 Uhr

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