Sommerfilm : «303»: Romantisches Roadmovie von Hans Weingartner

Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde) treffen sich an einer Raststätte. Alamode Film
Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde) treffen sich an einer Raststätte. Alamode Film

Berauschte Diskussionen, Champagner und romantische Landschaften, zwei wunderbare Hauptdarsteller, ein so betagtes wie tüchtiges Wohnmobil: Aus diesen Ingredienzien zaubert Hans Weingartner einen betörenden Sommerfilm.

shz.de von
14. Juli 2018, 13:58 Uhr

Hans Weingartner gehört nicht zu den Regisseuren, die im Jahrestakt einen neuen Film lancieren. In seinem, bald zwei Dekaden währenden Filmschaffen hat Weingartner bisher gerade einmal vier Spielfilme in die Kinos gebracht.

Los ging’s 2001 mit «Das weiße Rauschen», drei Jahre drauf folgte das bisher bekannteste Werk des Österreichers: «Die fetten Jahre sind vorbei» mit Daniel Brühl und Julia Jentsch. Jetzt bringt der 1970 geborene Filmemacher, der einst in Köln studierte, mit «303» seinen fünften Langfilm heraus: Weltpremiere feierte das schwärmerische Roadmovie im zurückliegenden Winter bei den Filmfestspielen in Berlin. Es spielen Mala Emde und Anton Spieker.

Beide sind sie 24, beide studieren sie in Berlin. Jule ist just durch ihre Biochemie-Prüfung gerasselt, Politikstudent Jan hat das von ihm ersehnte Stipendium nicht erhalten. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Beide zieht es in den Süden Europas. Jule möchte zu ihrem Freund, der in Portugal an seiner Doktorarbeit sitzt; Jan endlich in Spanien seinen leiblichen Vater kennen lernen. An einer Raststätte begegnen sich Jan und Jule erstmals, sie bietet ihm einen Platz an in ihrem großen, alten Wohnmobil, einem Mercedes Hymer 303. Schnell gerät man ins Diskutieren, es geht um Selbstmord und die Frage, wie egoistisch so ein Suizid ist. Dass die hitzige Auseinandersetzung Auftakt sein könnte für eine wunderbare Liebesgeschichte, das freilich können die beiden da noch nicht ahnen.

Ein Film wie dieser, der zwar mit manch pittoresker Reise-Impression aufwartet, indes in großem Maße von seinen Dialogen lebt, funktioniert nur, wenn die Schauspieler ins Bild passen. Mala Emde als Jule und Anton Spieker als Jan passen mit ihrer jugendfrischen Verve tatsächlich ganz wunderbar in diesen sommerseligen, diesen lebensgierigen Film. Was umso erstaunlicher ist, als man von beiden bisher kaum etwas gesehen hat im Kino. Emde, die zur Zeit des «303»-Drehs 19 Jahre alt war, agierte in «Wir töten Stella» (2017) an der Seite von Matthias Brandt und Martina Gedeck; Spieker hatte eine Hauptrolle inne in «Von jetzt an kein zurück». Nach 145 Kinominuten jedenfalls lässt sich für diesen sonnendurchfluteten Liebesfilm schwerlich ein anderes, ein glaubwürdigeres Darstellerduo denken.

Weingartner selbst sagt über seinen neuen Film: «303 ist sozusagen der Anti-Tinder-Film. Statt drei Sekunden Wisch-und-Weg, die langsame Annäherung zweier Seelen». Wenn man so will, dann handelt es sich bei «303» tatsächlich um eine, in bester Hinsucht konservative, eine gänzliche unmoderne Geschichte. Zwar spielt Jans Handy eine nicht unwichtige, die Handlung in Gang setzende Rolle; ansonsten aber hat die Digitaltechnik kaum etwas zu melden: Da ist das altertümlich anmutende Wohnmobil, das Jan und Jule anstandslos bis nach Südeuropa trägt. Ab und zu zwar telefoniert Jule mit ihrem Freund in Portugal; keineswegs aber starren die Hauptfiguren unentwegt auf ihr Smartphone. Anstelle eines Navigationsgerätes, man mag es kaum glauben, ist es eine zerknitterte Landkarte, die den Frischverliebten den Weg weist gen Atlantik.

Hans Weingartner gilt als politischer Kopf; man denke an seinen kapitalismuskritischen Film «Die fetten Jahre sind vorbei», den kulturpessimistischen «Free Rainer» (2007). In den, nur hie und da etwas zu ausformuliert anmutenden Diskussionen zwischen Jule und Jan geht es denn auch immer wieder um Politik; den Gegensatz etwa von Kooperation und Konkurrenz oder darum, inwiefern Charles Darwins Ideen von den Kapitalisten missbraucht wurden. Auch wenn die große Anziehungskraft des Films im angeregten, kaum jemals abebbenden Austausch der Protagonisten mitbegründet liegt, so handelt es sich bei «303», diesem in Berlin, Brandenburg, Frankreich, Spanien und Portugal eingefangen Road-Trip, doch vor allem um einen wunderschönen Liebes-, einen so eindringlichen wie romantischen Sommerfilm.

303, Deutschland 2018, 145 Min., FSK ab 12, von Hans Weingartner, mit Anton Spieker, Mala Emde, Jörg Bundschuh

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