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Versatel in Flensburg : Bei den Netten geht die Angst um

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Wie geht es mit dem größten Standort von Versatel in Flensburg weiter? Die Anspannung ist groß, entschieden ist noch nichts.

shz.de von
erstellt am 11.Jun.2012 | 10:21 Uhr

Flensburg | Sie waren "die Netten" und liefen einst der großen Deutschen Telekom den Rang ab - zumindest bei der Kundschaft in Flensburg und Umgebung, wo Ende der 90er Jahre die damalige Stadtwerke-Tochter Komtel mit ihrem charmant-regionalen Slogan "Wir sind die Netten" eine echte Erfolgsgeschichte schrieb. Manch einer der Versatel-Kundschaft ist bis heute stolz darauf, dass seine E-Mail-Adresse auf @foni.net endet, obwohl das Versanet.de seit fast einem Jahrzehnt in der früheren Komtel-Zentrale an der Flensburger Nordstraße die Strippen zieht.
Dass weder Berlin noch Stuttgart, Frankfurt oder die heutige Zentrale Düsseldorf, sondern immer noch Flensburg Versatels größten deutschen Standort beherbergt - das hat immer noch mit jener Erfolgsgeschichte zu tun, an der hier einst bis zu 440 Mitarbeiter mitschrieben. Es war die Zeit, als die Komtel entlang der Autobahn A7 eigene Telefonleitungen plante.
192 Arbeitsplätze gestrichen
Und heute? Fast die komplette verglaste Hafenseite des freundlichen Bürokomplexes in Flensburg steht leer, bis auf die oberste Etage: "Wenn du hier durchgehst, ist das schon gespenstig", sagt ein Mitarbeiter, der nicht genannt werden möchte. Bei den Netten geht längst die Angst um.
Was ist passiert? Die einstige Versatel-Nord-Zentrale mit Blick auf den Flensburger Hafen ist gemeinsam mit der Düsseldorfer AG in schwierigeres Fahrwasser geraten. Der Markt um die Telefonie- und Internet-Kunden gilt als beinhart. Vor mittlerweile mehr als einem Jahr hat der US-amerikanische Finanzinvestor KKR (Kohlberg Kravis Roberts) das Kommunikationsunternehmen von United Internet ("1&1") übernommen. Zu diesem Zeitpunkt war die Belegschaft im Konzern und in Flensburg bereits auf Schrumpfkurs: 186 der damals 427 Flensburger Arbeitsplätze sollten bis zu diesem Jahr wegfallen. Der Prozess war noch nicht abgeschlossen, da verordnete der neue Eigentümer das nächste Streichkonzert. Das Frühjahr 2012 besiegelte das Aus für die nächsten 30 Stellen - womit noch rund 235 Arbeitsplätze blieben. Das ist derzeit nach wie vor der Stand.
"Die ersten Aufhebungsverträge sind bereits unterzeichnet"
Doch im Interessenausgleich, zwischen Geschäftsleitung und Betriebsräten in diesem Frühjahr ausgehandelt, ist fixiert, dass die Ausgliederung weitergehen wird. Auf 56 Seiten und ein paar angehängten Organisationsdiagrammen ist nachzulesen, wohin es mit den verbleibenden Versatelstandorten gehen soll, nachdem die beiden kleinen Ost-Standorte Jena und Chemnitz komplett geschlossen sind: Arbeitsverdichtung, Outsourcing, Auflösung von Bereichen und reichlich organisatorische Verlagerungen: Bis zu 100 der verbliebenen 235 Flensburger Arbeitsplätzen könnten von der Ausgliederung betroffen sein. Oder aber doch nicht? Denn das Papier ist derart mit verschlüsselten Jobumschreibungen verfasst, dass meist nur die Betroffenen selbst ahnen, worum es sich handelt. Und: An den Ausschreibungen können sich sowohl die internen Abteilungen als auch externe Unternehmen beteiligen. Viele Mitarbeiter tappen im Dunkeln.
Was sie einzig feststellen: "Du bekommst ständig mit, dass irgendjemand geht", sagt einer, der nach Lage der Dinge demnächst selbst seinen Hut nehmen dürfte: "Die ersten Aufhebungsverträge sind bereits unterzeichnet." Und manch einer brütet darüber, ob seine Zukunft anderswo rosiger aussehen könnte. Der Grund ist einfach: "Wer schnell geht, bekommt Prämien." Das Positive daran: "Mir ist kein Fall bekannt, dass jemand in die Arbeitslosigkeit geschickt wird. Es ist mehr oder weniger ein Freiwilligenprogramm geworden", sagt ein anderer.
"Die werden den Laden filettieren"
Das Privatkundengeschäft ist bei der neuen Führung nicht mehr im Fokus. Geschäftskunden sollen Umsatz und Gewinn bringen. Doch ganz konsequent scheint die Strategie noch nicht umgesetzt zu werden. Auch manch ein langjähriger Privatkunde bekommt regelmäßig telefonisch neue Verträge angeboten - von einem externen Callcenter. Und zu Hause wird schließlich manch ein Geschäftskunde auch zum Privatkunden.
Am 21. Juni ist mal wieder Betriebsversammlung bei Versatel in Flensburg: "Turnusmäßig", heißt es in der Düsseldorfer Pressestelle dazu. Steht schon wieder eine Hiobsbotschaft bevor? "Die werden den Laden filettieren", glaubt einer. Anfang Juli soll der neue Konzernchef von Telefonica kommen.

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