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Karte der Reaktoren : Befürchtetes Terrorziel: 21 Kernkraftwerke in Frankreich und Belgien

vom
Aus der Onlineredaktion

Offenbar schrecken islamistische Terroristen nicht mehr davor zurück, einen atomaren Gau zu planen.

shz.de von
erstellt am 23.Mär.2016 | 17:33 Uhr

Brüssel/Paris | Nach den Terroranschlägen von Brüssel wird vor allem in den belgischen Medien viel spekuliert, dass Atomkraftwerke ein mögliches Ziel islamistischer Terror-Aktionen werden könnten. Das ist besonders brisant, da in Frankreich und Belgien einige marode Reaktoren älterer Bauart stehen, deren Sicherheit und Standort ohnehin zweifelhaft sind. Die Bedenken schließen sowohl die Widerstandsfähigkeit gegen abstürzende Flugzeuge und Drohnen, als auch die betriebliche Sicherheit ein.

Ein Anschlag auf die Meiler in Frankreich oder Belgien hätte verheerende Auswirkungen und könnte auch deutsche Metropolen unbewohnbar machen. Selbst die Abschaltung der Anlagen bietet keine Sicherheit.

Belgische Medien berichten unlängst von verlässlichen Informationen aus Sicherheitskreisen, wonach Atommeiler bei mutmaßlichen Terroristen auf der Liste möglicher Anschlagsziele stehen. Sie sollen angeblich Atomkraftwerke ausgespäht haben. Laut der Zeitung „DH“ gebe es zudem konkrete Beweise, wonach die Attentäter von Paris auch in ein französisches Atomkraftwerk gelangen wollten, um dort einen atomaren Zwischenfall auszulösen. Kurz nach den Anschlägen im Dezember waren Ermittler bei einer Hausdurchsuchung in Belgien auf eine merkwürdige Filmaufnahme gestoßen, die die Befürchtungen untermauert. Ganze zehn Stunden lang wird in der Video-Datei ein Haus gezeigt, dessen Tür hin und wieder von einem Mann geöffnet wird. Erst als die Behörden die Identität des heimlich Gefilmten feststellen, wird ihnen die mögliche Brisanz ihrer Entdeckung klar: Es handelt sich um den der nationalen Leiter des Forschungs- und Entwicklungsprogramms für Kernenergie.

Geheimdienste und Behörden müssen einen Plan entwerfen, wie Anschläge auf atomare Anlagen unmöglich werden und wie ausgeschlossen werden kann, dass sich Terroristen unter den Mitarbeitern befinden.

Die beiden einzigen Atomkraftwerke Belgiens an den Standorten Doel und Tihange haben ihrerseits auf die Anschläge vom Dienstag reagiert. Das Personal wurde auf die Wochenend-Besetzung reduziert. „Nur wer wirklich da sein muss, bleibt“, sagte ein Sprecher der belgischen Atomaufsicht AFCN, wie die Nachrichtenagentur Belga am Dienstag berichtete. Die von der Atomaufsicht angeordneten Vorkehrungen sollen dem Bericht zufolge das Risiko minimieren, dass Personen, die Böses im Schilde führen, auf das Gelände gelangen. Zuvor hatte Belga unter Berufung auf den örtlichen Polizeichef berichtet, die Anlage sei evakuiert worden. „Etwa tausend Personen arbeiten in solch einer Anlage. Sie werden alle einer genauen Prüfung unterzogen, aber wir gehen kein Risiko ein“, hieß es bei der AFCN. Seit Mittwoch Nachmittag ist die Belegschaft wieder voll integriert.

Dass Belgien 2003 den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen hat, hat gute Gründe: Die von Electrabel betriebenen Doel und Tihange stehen seit Jahren aufgrund von Pannen in den Schlagzeilen und hätten nicht nur aus der Sicht von Greenpeace lange vom Netz genommen werden müssen. Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hatten kurz vor den Anschlägen bei der EU-Kommission Beschwerde gegen den Weiterbetrieb beider Kraftwerke eingelegt.

Der 1982 errichtete, jüngste Reaktorblock 3 des Kernkraftwerkes Doel wurde im August 2012 stillgelegt, da man an einer Heißwasserleitung ein Leck und Risse im Reaktorbehälter entdeckt hatte. Von allen Kernkraftwerken in Europa ist Doel das mit der am dichtesten besiedelten Umgebung. Um die deaktivierte Leistung aufzufangen, sind die acht bis neun Jahre älteren Blöcke 1+2 des Druckwasserreaktors weiter in Betrieb, obwohl sie eigentlich (wegen Unwirtschaftlichkeit) bereits abgeschaltet werden sollten. Das Parlament verlängerte die Laufzeit im vergangenen Jahr bis 2025.

Tihange liegt 70 Kilometer von Aachen entfernt nahe der ostbelgischen Stadt Lüttich. Dort wurden wie auch in Doel 2012 „tausende feine Risse im Reaktorbehälter“ entdeckt. 2015 wurde erneut gezahlt: 3150 Risse waren es und sie hatten sich verlängert. Experten stellten fest, dass viel der Risse schon 1979 während des Baus entstanden sein mussten. Das ab 1969 gebaute Kraftwerk war bereits 2002 durch einen Störfall im Block 2 aufgefallen. Im Mai 2015 kam es erneut zu einer brenzligen Situation nach einem Störfall die Überdruckventile. Kaum wieder am Netz, schaltete sich der älteste Kernreaktor des Landes aus unklaren Ursachen wieder selbst ab. Die „StädteRegion Aachen“ hat im Februar Klage gegen den Weiterbetrieb von Tihange-2 eingereicht.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) erklärte in einer neuen Studie, dass selbst die Abschaltung aller Atomkraftwerke das Terror-Risiko nicht ausschließen. Der hochradioaktive Atommüll müsse dann für weitere Jahrzehnte in Zwischenlagern wie in Deutschland Gorleben, Lubmin und Ahaus verbleiben. Auch wenn dort Nachrüstungen erfolgen, sind die Castoren gegen Luftangriffe bislang nicht geschützt. Die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ist ebenfalls ein mögliches Ziel.

Das Kernkraftwerk Doel.

Das Kernkraftwerk Doel.

Foto: Wwuyts, Wikimedia Commons License cc-by-sa-3.0

Frankreich schwört weiter auf Atomkraftwerke. 58 Reaktoren an 19 Standorten sind noch in Betrieb. Alle davon sind laut UN-Stresstest unzureichend gegen Naturkatastrophen geschützt. Das Ergebnis einem von der EU durchgeführten Stresstest nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima ergab, dass keiner der Meiler in puncto Erdbebensicherheit den Standards der deutschen Anlagen entspricht. Und selbst die deutschen Meiler könnten dem Absturz eines großen Verkehrsflugzeugs laut einem im Auftrag des Anti-Atom-Netzwerks „Ausgestrahlt“ erstellten Gutachten nicht standhalten. Dadurch könnte eine Kernschmelze – ein europäischer Gau – ausgelöst werden.

Das Atomkraftwerk Fessenheim nahe der Grenze zu Baden-Württemberg.
AKW Fessenheim. Foto: dpa

Im Kern der Kritik aus Deutschland steht das Kernkraftwerk Fessenheim, das 1978 in Betrieb genommen wurde und bis 2008 bereits mehrere Hundert Zwischenfälle produzierte, die in Deutschland meldepflichtig wären. 2017 soll das Kraftwerk abgeschaltet werden, das in der Einflugschneise des 34 Kilometer entfernten EuroAirport Basel Mulhouse Freiburg liegt.

Mit dpa

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