Überraschung : Beck ist weg - SPD-Personalkarussell bringt "Münte" zurück

Überraschung: SPD-Vorsitzender Kurt Beck hat sein Amt niedergelegt. Fotos: ddp
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Überraschung: SPD-Vorsitzender Kurt Beck hat sein Amt niedergelegt. Fotos: ddp

Franz Müntefering kommt zurück und wird direkt Chef der SPD - zunächst kommissarisch. Der Vorsitzende der Sozialdemokraten Kurt Beck hat sein Amt niedergelegt. Frank-Walter Steinmeier wird Kanzlerkandidat. Eine Chronologie des Parteitags.

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07. September 2008, 07:48 Uhr

Es sollte ein Bild der Geschlossenheit werden am Schwielowsee in Brandenburg: Für einen Tag wollte die SPD-Spitze in Klausur gehen und eigentlich nur ein Beck/Steinmeier-Papier zum Wahlkampf 2009 beraten. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse, in deren Folge die SPD einen Vorsitzenden verlieren und einen alten zurückgewinnen sollte. Steinmeier, der als Außenminister zum Kanzlerkandidaten seiner Partei gekürt wurde, rutschte als Personalie derweil ganz nach hinten.
Begonnen hatte alles kurz vor 11 Uhr - zufriedene Gesichter noch bei den Spitzengenossen. "Es ist ein guter Tag für die SPD und ein guter Tag für Deutschland", sagte SPD-Fraktionsvize Klaas Hübner in die Kameras. Indirekt bestätigte der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises, was zuvor Medien berichtet hatten: Frank-Walter Steinmeier soll die SPD in den Bundestagswahlkampf 2009 führen.
Beck kam durch den Hintereingang - um gleich wieder zu verschwinden
Doch dann fehlte Steinmeier zum Auftakt der Klausur der Spitzengenossen - genauso wie Beck. Beide hatten sich mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, SPD-Vize Andrea Nahles, Fraktionschef Peter Struck und Generalsekretär Hubertus Heil einige Kilometer weiter in kleiner Runde zurückgezogen. Als sie zwei Stunden später zum angekündigten Termin einer Pressekonferenz wieder in Werder auftauchten, gab es nur lange Gesichter zu sehen. Kein Wort der Erklärung.
Um 12.58 Uhr kam zunächst Steinmeier mit seinem Gefolge. Grüßte kurz und ging ins Haus. Es folgten Struck - in Motorradkleidung - sowie Steinbrück zusammen mit Heil. Nahles hatte eine Trauermiene aufgelegt. Wenig später tauchte ein zerknitterter Kurt Beck auf, der das Gebäude durch den Hintereingang betrat - um kurz darauf wieder zu verschwinden. Spätestens da war klar: Die Klausurtagung läuft schief.
Spekulationen und Hinweise aus "Parteikreisen"
Dann sickerte die Meldung nach draußen, Beck habe sein Amt als Parteivorsitzender nach zweieinhalb Jahren hingeschmissen. Die Sensation war perfekt. Stundenlang fehlte allerdings eine offizielle Bestätigung für diese Personalie, nur "Parteikreise" sagten schon mal Ja zu dieser neuerlichen Hiobsbotschaft für die Sozialdemokraten.
Jetzt lautete die spannende Frage, wer würde Beck beerben? Steinmeier kam genauso ins Gespräch wie Ex-Parteichef Franz Müntefering. Wieder waren es "Parteikreise", die hinter vorgehaltener Hand bestätigten, dass die SPD ihren "Parteisoldaten" Müntefering erneut rekrutieren wolle. Der war derweil in Bonn und noch gar nicht gesichtet worden an diesem historischen Tag der SPD.
"Beck ist weg"
Schließlich ging auch noch das Gerücht um, Steinmeier solle als Interimsvorsitzender die SPD führen, bis Müntefering - von 2004 bis 2005 im Amt - als "Nachnachnachfolger" quasi sich selbst beerben könne. Am frühen Nachmittag hieß es am Schwielowsee dazu lediglich, dass derzeit nur eins klar bestätigt werden könne, nämlich dass Kurt Beck abgereist sei: "Beck ist weg."
Erst gut drei Stunden später trat SPD-Vize Steinmeier gegen 16.20 Uhr kurz vor die Presse und bestätigte höchstselbst alle drei Personalien. Erstens: Ja, Kurt Beck ist zurückgetreten; zweitens: Nachfolger soll Müntefering werden - das habe er selbst vorgeschlagen; drittens: bis zu dessen Wahl werde er kommissarisch auch SPD-Chef sein. Und noch eines: Die Frage der Kanzlerkandidatur, die wochenlang die Schlagzeilen beherrschte, sei auch geklärt. "Ich bin bereit, die SPD als Spitzenkandidat in diese Wahl zu führen." Doch dieser Satz von Steinmeier war fast schon Nebensache.

Zehn Daten zu Frank-Walter Steinmeier
  • geboren am 5. Januar 1956 in Detmold
  • 1974 bis 1976 Wehrdienst
  • 1975 Eintritt in die SPD
  • 1976 bis 1982 Studium der Rechtswissenschaft
  • 1991 Einstieg in die Politik als Referent für Medienrecht in der niedersächsischen Staatskanzlei
  • Später Leiter des persönlichen Büros des Ministerpräsidenten und und der niedersächsischen Staatskanzlei unter Gerhard Schröder
  • 1999 bis 2005 Chef des Bundeskanzleramtes
  • seit November 2005 Außenminister
  • seit Oktober 2007 stellvertretender SPD-Parteivorsitzender
  • seit November 2007 Vizekanzler im Kabinett Merkel
Zehn Daten zu Franz Müntefering
  • geboren am 16. Januar 1940 im sauerländischen Neheim-Hüsten
  • nach Volksschule 1954 bis 1957 Lehre als Industriekaufmann
  • gilt als "Parteisoldat"
  • 1966 Eintritt in die SPD und 1967 Eintritt in die IG Metall
  • 1975 erstmals als Abgeordneter in den Bundestag gewählt
  • 1995 bis 1998 SPD-Bundesgeschäftsführer und 1999 bis 2002 Generalsekretär der SPD
  • 1998/99 Bundesverkehrsminister im Kabinett Schröder
  • September 2002 bis November 2005 Vorsitzender der SPD-Fraktion
  • März 2004 bis November 2005 Vorsitzender der SPD, Rücktritt vom Amt, als der Parteivorstand für die SPD-Linke Andrea Nahles als künftige Generalsekretärin votiert
  • 2005 bis 2007 Bundesarbeitsminister und Vizekanzler im Kabinett Merkel, Rückzug aus der Politik wegen seiner schwerkranken Frau
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