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Peter Wüsts Castor-Logbuch : Barrikaden aus Feuer und Chaos am Gleis

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Es war der teuerste Castor-Transport bisher: 15.000 Demonstranten versuchten, den Transport aufzuhalten - zum Teil mit Gewalt. shz.de-Videoreporter Peter Wüst war am Ort und schildert Szenen aus dem Wendland in seinem Video-Logbuch.

Es war der bisher längste und größte Castor-Transport. Tausende Demonstranten protestierten in ungewöhnlich scharfer Form gegen den Transport des strahlenden Materials nach Gorleben. Über achttausend Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet versuchten, den geplanten Ablauf des Transportes sicherzustellen.
Die "Großfamilie Widerstand" hatte sich schon monatelang vorher im Wendland auf den bevorstehenden Castortransport vorbereitet. Überall "strahlte" das gelbe X der Castor-Gegner von Hauswänden und Verkehrsschildern oder leuchtete am Straßenrand. Neben der Bürgerinitiative Gorleben, der Bäuerlichen Notgemeinschaft, den Umweltorganisationen Greenpeace und Robin Wood waren auch Spontan-Gruppen tage- und vor allem aber nächtelang aktiv. Bereits am Freitag, als der Transport noch in La Hague auf seine Abfahrt wartete, begannen die Demonstranten mit den ersten Aktionen.
Protest in der Hängematte

Beim Thema Atomenergie geht Robin-Wood-Aktivist Peter Schwarz in die Luft - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Sieben Meter über der Straße zwischen Gorleben und dem Zwischenlager baumelte er zusammen mit zwei weiteren Aktivisten in einer Hängematte. Sie hatten in luftiger Höhe ein Anti-Atom-Transparent aufgehängt und sagten: "Die Endlagerung des Atommülls ist ungeklärt, deshalb darf die Atomenergie keine Zukunft haben". Die schwindelfreien Robin-Wood-Aktivisten harrten an ihrem unkonventionellen Platz in der Hängematte solange aus "... bis dass die Polizei uns scheidet!" Mit einem Seil hievten wir das shz.de-Funkmikrofon nach oben und machten unser erstes Interview.
Barrikaden aus Feuer an der Landstraße

Während der Castor-Zug durch Deutschland rollte, wurden lichterloh brennende Barrikaden an der Castorstrecke von besorgten Anwohnern entdeckt. Über 100 Demonstranten hatten bei der Ortschaft Metzingen die Bundesstrasse 216 blockiert und nahe der Bahnstrecke zwei große Barrikaden aus Holz und alten Autoreifen angesteckt.. Durch diese Aktion wurde die Hauptverbindungsstraße zum Verladebahnhof Dannenberg neben der Zugstrecke komplett blockiert und damit auch die Zufahrt für die Einsatzkräfte der Polizei.
Alle Nebenstrecken hatten die Demonstranten zuvor durch umgestürzte Bäume ebenfalls unpassierbar gemacht. Eine Einsatzhundertschaft der Polizei aus Hamburg beendete den nächtlichen Spuk und löste die nicht angemeldete Versammlung mittels zweier Wasserwerfer auf. Während der Aufräumarbeiten blieb die Ortsdurchfahrt von Metzingen für längere Zeit gesperrt.
Karneval gegen den Castor

Die Nachricht über die nächtliche Feuerblockade wurde vom Großteil der friedlichen Demonstranten verurteilt, viele distanzierten sich deutlich. Protest solle ideenreich sein und nicht “dumpf”, hieß es. Ihre Idee für gewaltfreien Widerstand zeigte eine Demonstrantengruppe in Harlingen bei Dannenberg. In bunten Kostümen und mit Pappnasen zog das Demo-Volk über die Landstraße in Richtung der Bahnstrecke, auf der der Castorzug im Anrollen war.
Natürlich hatte die Polizei den Zugang dorthin lange vorher schon gesperrt. Deshalb lenkte die Clowngruppe die Polizeibeamten mit Singspielen und Tänzen ab, versuchte so die Sperre zu umgehen. Die Polizei ließ sich abernicht in die Irre führen und beendete das Katz-und-Maus-Spiel. Es kam zu Rangeleien.
Versteckt im Unterholz

Am späten Sonntagnachmittag hatte eine Gruppe von etwa 200 Demonstranten bei Tollendorf den Weg durch den Wald hinauf zum Bahndamm geschafft. Im Gebüsch und dem dichten Unterholz des Waldes blieben sie von der Polizei zunächst unentdeckt. Es gelang ihnen auch, das Gleis in Richtung Verladestation Dannenberg zu besetzen. Gegen die Kälte hatten sie sich warme Getränke und Strohsäcke als Sitz-Unterlage mitgebracht. Lange konnten sie aber dort nicht sitzen, denn die Polizei griff ein.
Als die Castorgegner der dreimaligen Aufforderung sich zu entfernen nicht folgten, ordnete der Einsatzleiter die sofortige Räumung an. Wohl mehr zur Einschüchterung ritt dabei eine Reiterstaffel der Polizei aus Niedersachsen an den Demonstranten vorbei. Beamten einer Polizei-Hundertschaft aus Schleswig-Holstein trugen schließlich die Demonstranten von den Schienen weg. Beide Seiten verhielten sich besonnen - zu Gewalt kam es hier nicht.
In Betonpyramiden festgekettet

Acht Landwirten der "Bäuerlichen Notgemeinschaft" gelang am Montag ein aus ihrer Sicht fast schon symbolischer Widerstand gegen den Castortransport - zumindest im Hinblick auf die Dauer der Blockade. Je vier Männer und Frauen hatten sich an zwei großen Betonpyramiden angekettet und die Transportstrecke für über elf Stunden lang blockiert. Durch diese Aktion gelang es den Protestlern, den elften Transport der insgesamt elf Castorbehälter, ob rein zufällig oder gezielt, solange hinauszuzögern, dass die Castoren am 11.11. erst am Zielort eingetroffen sind.
Die Polizei hatte große Mühe, die Blockadeaktion aufzulösen. Die je vier Demonstranten hatten sich im Inneren der großen selbst konstruierten Betonpyramide aneinander gekettet. Die Polizisten untersuchten zunächst die Konstruktion unter dem Einsatz von Minikameras und gingen dann mit schwerem Gerät vor. Mit Betonbohrern öffneten sie vorsichtig die Pyramide, um dann jeden einzelnen Demonstranten mit einem Winkelschleifer freizuschneiden. Es handelt sich dabei um die längste Verzögerung in der Geschichte der Transporte.
Sicherungszaun gestürmt

Mit dieser Ausdauer und Proteststärke hatten die Verantwortlichen der Polizei wohl nicht gerechnet. Die Straßenstrecke vom Verladebahnhof in Dannenberg bis zum Zwischenlager in Gorleben war den ganzen Tag über blockiert. Hunderte hatten die Straße mit Sitzblockaden unpassierbar gemacht, andere sich in Betonblöcken angekettet und damit eine sehr aufwändige Aktion ausgelöst.
Erst kurz vor Mitternacht war die Strecke durch einen massiven Polizeieinsatz geräumt worden. Um 23.15 Uhr schließlich setzte sich der LKW-Konvoi in Bewegung. Schon gleich an der ersten Kreuzung, an der der Transport auf die kurzfristig festgelegte Südstrecke abbog, gab es erste Tumulte. Demonstranten stürmten den Sicherungszaun und durchbrachen die Polizeiabsperrung in Richtung Castor, Polizisten nahmen die Demonstranten fest.
Insgesamt aber spricht die Polizei von einem friedlichen Verlauf des Transportes.

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erstellt am 11.Nov.2008 | 07:55 Uhr

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