Todesschüsse vor 25 Jahren : Bad Kleinen: Eine Stadt schließt mit dem Terror ab

Der Terror der Roten Armee Fraktion erreichte selbst die Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern.
Der Terror der Roten Armee Fraktion erreichte selbst die Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Polizei verfolgte in der mecklenburgischen Kleinstadt zwei RAF-Terroristen, der Einsatz endete mit zwei Toten.

shz.de von
27. Juni 2018, 12:31 Uhr

Bad Kleinen | Der 27. Juni 1993, Bad Kleinen, ein Provinzbahnhof zwischen Schwerin und Wismar: Die Spezialeinheit GSG 9 stürmt in eine Tunnelunterführung. Die Elite-Polizisten sollen auf dem Bahnhof die mutmaßlichen RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams festnehmen. Doch die Aktion geht komplett daneben und liefert Stoff für Verschwörungstheorien. Es kommt zum Tumult, Schüsse fallen, am Ende sind zwei Menschen tot: Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella.

Der damalige Bürgermeister des 3500-Seelen-Orts, Hans Kreher, war ganz in der Nähe, als die Schüsse fielen, wie er erzählt. „Das hörte sich an wie Maschinengewehrfeuer“, erinnert er sich. Kurz darauf seien Hubschrauber gekommen. Als er sich ein Bild der Lage machen wollte, sei am Bahnhof bereits alles abgesperrt gewesen.

Die Ereignisse vor 25 Jahren katapultierten den mecklenburgischen Ort in die Schlagzeilen, erschütterten das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat und stürzten die damalige Bundesregierung und die Sicherheitsbehörden in eine Krise.

Nach und nach kam ans Licht, was alles schief gelaufen war. Die Polizei hatte mit rund 100 Beamten Stellung bezogen. Zwar gelang es ihnen, Hogefeld zu überwältigen. Doch der ebenfalls gesuchte RAF-Terrorist Grams floh. Er stürmte aus einer Unterführung auf den Bahnsteig, eröffnete das Feuer, traf den Ermittlungsakten zufolge den Polizisten Newrzella und wurde schließlich selbst von mehreren Kugeln niedergestreckt. Tödlich war ein Kopfschuss, den sich der damals 40-jährige Grams selbst gesetzt haben soll.

Bad Kleinen schließt langsam ab

„Gar nichts“ erinnere mehr an diesen Schusswechsel, erzählt Kreher. Es habe immer wieder Anträge gegeben, einen Gedenkort einzurichten. Dies sei aber nie umgesetzt worden. Und auch der letzte stumme Zeitzeuge ist mittlerweile passé. Die Unterführung, in der Hogefeld festgenommen wurde, gibt es nicht mehr. Gleis vier, auf dem Grams damals angeschossen lag, ist gesperrt. Bagger fahren über die Baustelle, Arbeiter renovieren den Bahnhof.

<p>Die Bauarbeiten gehen am Bahnhof in Bad Kleien voran. Das Gleis auf dem die Schießerei stattfand, existiert nun nicht mehr.</p>
Marek Majewsky/dpa

Die Bauarbeiten gehen am Bahnhof in Bad Kleien voran. Das Gleis auf dem die Schießerei stattfand, existiert nun nicht mehr.

 

„Jetzt kommen die aus dem Westen und laden ihre Probleme auf uns ab“, sei der Tenor gewesen, der damals herrschte, sagt Kreher. Heute werde innerhalb des Ortes kaum noch darüber gesprochen.

„Davon weiß ich nichts, ich bin zugezogen“, sagt auch Brigitte Wramp. Seit zehn Jahren lebe sie hier. Ja, von dem Einsatz gehört habe sie natürlich, aber Thema sei das nicht mehr. Der amtierende Bürgermeister will gar nicht darüber sprechen. Ihn ärgere, dass Bad Kleinen in Deutschland nur mit diesem Tag in Verbindung gebracht werde, erzählt er kurz am Telefon.

Einsatz rief Verschwörungstheoretiker auf den Plan

Während und nach dem Einsatz kam es den späteren Untersuchungen zufolge zu mehreren Pannen: Die GSG 9 trug keine schusssicheren Westen, die Kommunikation untereinander war unzureichend, ein Notarzt nicht vor Ort. Zudem soll die Leiche von Grams vor der Sicherung von Schmauchspuren gewaschen worden sein. Reisende fanden Tage später am Bahnhof Geschossteile. Hinzu kam eine chaotische Informationspolitik in den Tagen nach dem Einsatz.

Damalige Medienberichte befeuerten die Verschwörungstheorien. So tauchten Zeugenaussagen auf, wonach ein Polizist dem schwer verletzten Grams die Waffe abgenommen und ihn dann mit einem gezielten Kopfschuss umgebracht haben soll. Eine Exekution durch staatliche Hand? Dieser These glaubte Kreher damals schon nicht, weil er eine Zeugin nach eigener Aussage kannte. Einige Zeit seien sie Nachbarn gewesen. „Sie lag ängstlich in ihrem Kiosk und hatte sich alles mögliche zusammenfantasiert“, ist sich Kreher sicher.

Der damalige Generalbundesanwalt Alexander von Stahl überstand die Krise nicht und musste seinen Posten räumen. Bundesinnenminister Rudolf Seiters trat dagegen aus eigenen Stücken ab: Wenige Tage nach der Schießerei erklärte der CDU-Mann überraschend seinen Rückzug.

Eine Stadt als Symbol für das Ende des Terrors

Die Aufarbeitung des Juni-Tages in Bad Kleinen dauerte lange. Die Schweriner Staatsanwaltschaft verweist stets darauf, dass der Fall gründlich geprüft worden sei, die Ermittlungsergebnisse 31 Aktenordner füllten. Für Spekulationen über eine „Hinrichtung“ von Grams durch die GSG 9 habe sich kein haltbarer Beleg finden lassen, hieß es. Gründe, die Akten wieder zu öffnen, seien nicht erkennbar.

Heute erinnern nur noch Jahrestage wie dieser daran, dass der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) auch Bad Kleinen erreichte. Die Gruppe löste sich zwar erst 1998 komplett auf, doch fielen rund drei Jahre nach der Wende hier die letzten Schüsse zwischen der RAF und der Polizei. Ein Kapitel, das die Menschen im Ort endlich geschlossen sehen möchten. „Eigentlich ist Bad Kleinen das Symbol für das Ende des roten Terrors“, sagt Kreher.

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