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Prostituiertenschutzgesetz : Aufruhr im Rotlichtviertel: Die Wirtschaftsmacht in Hamburg und SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Widerstand gegen das von Schwarz-Rot geplante Prostituiertenschutzgesetz formiert sich. In Hamburg und Schleswig-Holstein hat sich das Sexgewerbe längst fest etabliert.

shz.de von
erstellt am 06.Mär.2016 | 11:04 Uhr

Hamburg/Kiel | In ihrem Domina-Studio im Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg hat Undine de Rivière ein ganzes Arsenal an Fesseln und Peitschen und sogar ein Streckbett. Wie ein Arsenal von Folterwerkzeugen erscheint ihr auch das Prostituiertenschutzgesetz, das die Bundes-Koalition aus Union und SPD jetzt plant. „Das Gesetz ist ein Rieseninstrumentarium, um Sexarbeit zu verdrängen und die ganze Branche unter Kontrolle zu haben. Es ist kein Prostituiertenschutzgesetz sondern ein Prostituiertenkontrollgesetz.“

Die Arbeit für Prostituierte soll sicherer werden. Mit Regelungen und Genehmigungen sollen Menschenhandel und Fremdbestimmung eingedämmt werden. Auch die Gesundheit von Prostituierten und Freiern steht im Fokus des Gesetzes. Doch es gibt massive Kritik an den Plänen.

Ähnlich negativ äußern sich Hilfsorganisationen, Verbände, Beratungsstellen und Wissenschaftler, vom Bundesverband der Fachberatungsstellen über die Diakonie bis zur Aids-Hilfe. Ungeachtet dessen soll der Gesetzentwurf mit Anmelde-, Beratungs- und Kondompflicht Ende März ins Kabinett.

Der Hamburger Kiez mit der Reeperbahn zählt zu den bekanntesten Rotlichtvierteln des Landes, dazu kommt das Bahnhofsviertel St. Georg. Hier im Viertel ist das „ragazza“ (ital. Freundin), hier arbeitet Gudrun Greb. Die Beratungsstelle für „drogenkonsumierende und sich prostituierende Frauen“ ist oft die einzige Anlaufstelle für die Frauen auf dem Straßenstrich. In kleinen Körben liegen verschiedene Kondome – „oral“ oder „vaginal/anal“. In zwei Bücher schreiben die Prostituierten Warnungen vor aggressiven Freiern. „Prostitution ist für die Behörden dann ein Problem, wenn es um die Sichtbarkeit geht, also vor allem die Frauen auf der Straße“, sagt Greb. „Darum sind die Frauen auch die Zielgruppe des Gesetzes. Mehr als 70 Prozent der Sexarbeiterinnen sind Migrantinnen.“ Und St. Georg ist eigentlich Sperrbezirk. Dennoch: „Auf dem Straßenstrich in St. Georg stehen Frauen sieben Tage die Woche, manchmal bis zu 20 Stunden am Tag, bis sie etwas verdient haben“, sagt Greb. „Und es gibt Frauen, die sich einmal im Monat hier hinstellen, weil ihr Hartz IV nicht reicht, die Waschmaschine kaputtgegangen ist. Manche stehen hier nur in den Sommerferien, die kommen aus anderen Ländern und verdienen sich so ihr Studium.“

Zahlreiche Vorschläge aus der Politik machen Greb sprachlos. Mit den geplanten Pflichten wie Anmeldung und Beratung werde das jahrelang mühsam aufgebaute Vertrauensverhältnis zu den Prostituierten gefährdet. „Warum glaubt man denn, dass Einrichtungen wie das ragazza, die viele, viele Stunden auf dem Straßenstrich unterwegs sind, dass die die Situation schlechter einschätzen können?“ Auch Undine de Rivière, „Bizarr-Lady“ und Sprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen, ist empört. „In Österreich gibt es diese Meldepflicht schon. In den letzten Jahren waren alle Opfer des Menschenhandels ordnungsgemäß registriert.“

Der Nachweis der Anmeldung als Prostituierte gefährde das Inkognito: „Ein Hurenausweis wäre eine Katastrophe, wenn ich den immer in der Tasche tragen muss.“ Das erinnere an den „Bockschein“, den es früher gab. Und die Kondompflicht werde nicht viel bringen, ist sich de Riviére sicher. „Sie ist nicht unter menschenwürdigen Bedingungen überprüfbar.“ Außerdem sei sie überflüssig, weil die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten unter Prostituierten nicht höher sei, als im Rest der Bevölkerung. „Im Schnitt arbeiten wir gesünder und sicherer als jemand, der sich am Wochenende betrunken durch die Discos vögelt und dabei die Kondome vergisst.“

Im Land der Horizonte hat sich das horizontale Gewerbe fest etabliert. Laut Bericht der Landesregierung zur Auswirkung des Prostitutionsgesetzes gibt es in Schleswig-Holstein rund 100 Bordelle oder bordellähnliche Betriebe und weitere 300 Modellwohnungen. Besonders häufig leuchte die rote Laterne in den Städten Flensburg, Lübeck und Kiel. Landesweit verkaufen knapp 14.000 Frauen ihren Körper. Allerdings: Nur 107 von ihnen haben sich als selbstständig tätige Prostituierte bei den Behörden gemeldet, eine weitaus höhere Anzahl vermuten Justiz- und Steuerbehörden unter der Gewerbekennziffer für „sonstige Dienstleistungen, Massagepraxen und Saunabetriebe“.

Bundesweit bedienen zwischen 400.000 und 500.000 Frauen die Nachfrage von Freiern, die sich aus allen gesellschaftlichen Schichten rekrutieren. Bei einem durchschnittlichen Hurenlohn von 100 Euro geht Manfred Paulus, Erster Kriminalhauptkommissar a. D. und einer von Deutschlands führenden Experten für Rotlicht- und Organisierte Kriminalität, bei 1,5 Millionen Freier-Prostituierten-Kontakten täglich von einem Umsatz im bundesdeutschen Milieu von 150 Millionen Euro aus. Für Schleswig-Holstein bedeutet dies über 52.070 Bordellbesuche am Tag und einen Umsatz von mindestens 5,2 Millionen Euro. „Das sind Umsätze, wie sie sonst wohl nur von weltweit tätigen Unternehmen getätigt werden und bei denen so manche treusorgende Ehefrau ins Grübeln kommen könnte“, schreibt Paulus in einem Aufsatz für die Zeitschrift der Polizeigewerkschaft. Allerdings kommen jährlich nur zwischen vier und 20 Verfahren in Schleswig-Holstein wegen „Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“ vor Gericht, verzeichnet die polizeiliche Kriminalstatistik nur zwischen vier und 42 Straftaten „Ausbeutung von Prostituierten“ beziehungsweise Zuhälterei.

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