Vorhang auf! Antigone

Von Wolfgang Plenio | 13.10.2008, 06:33 Uhr

Zeitlos ist der Stoff des antiken Dramas Antigone. In Sophokles Tragödie dreht sich alles um die Unvereinbarkeit von humanitärem Denken und politischem Handeln.

Die berühmte Tragödie des großen attischen Tragikers aus der Glanzzeit Athens (um 440 v. Chr.) wirkt neben König Ödipus trotz befremdlicher antiker Eigenheiten bis heute nach. Die Konfliktsituationen, die das Wesen der Handelnden offenbaren, sind im Grunde die gleichen geblieben.
Der Prolog skizziert die Vorgeschichte. Im siegreich beendeten Krieg sind die beiden feindlichen Brüder gefallen. Kreon, der neue Machthaber der Stadt Theben, hat für den Landesverteidiger ein Staatsbegräbnis veranstaltet, während der Landesfeind unbestattet den Raubvögeln überlassen werden soll. Die beiden Schwestern, Töchter des unglückseligen Ödipus, reagieren auf das Verbot verschieden: Antigone will den Bruder unter Lebensgefahr wenigstens symbolisch bestatten, Ismene dagegen sich dem Herrscherbefehl fügen.
"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da"
In seiner Thronrede stellt sich ihr Onkel Kreon als wahrer Vertreter der Staatsinteressen mit Absolutheitsanspruch dar. Das berühmte Chorlied von der Größe und Ohnmacht des menschlichen Geistes ist als Warnung vor Überheblichkeit zu verstehen: "Viel des Schrecklichen lebt, doch nichts, das noch schrecklicher als der Mensch."
Beim Versuch, den Bruder zu bestatten, wird Antigone verhaftet. Im Dialog mit dem Machthaber beruft sie sich furchtlos auf die ewigen ungeschriebenen Gesetze. Ihr Grundsatz, "Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da", klingt fast christlich. In der folgenden Szene zwischen Kreon und seinem Sohn Haimon, der mit Antigone verlobt ist, eskaliert der Vater-Sohn-Konflikt; der Seher prophezeit kommendes Unheil, das sich unerbittlich vollzieht: Antigone, die auf ihrem Todesgang nun doch sehr menschliche Todesfurcht zeigt und ihr unerfülltes Frauenleben beklagt, wird lebendig eingemauert und erhängt sich; Haimon ersticht sich angesichts der toten Braut, die Mutter macht ihrem sinnlosen Leben ein Ende, und der verblendete Tyrann, der zu spät seine Verfehlung erkennt, bleibt vernichtet auf der Bühne zurück.
Eine Frau protestiert gegen starrsinnige Freund-Feind-Ideologie
"Antigone" ist ein Thema mit vielen, sogar realen Variationen. Erstmals in der Geschichte des Theaters protestiert hier eine Frau kompromisslos aus humanitärem Gewissen gegen starrsinnige Freund-Feind-Ideologie. Die psychologische Durchdringung des Geschehens blieb im 20. Jahrhundert dem französischen Dramatiker Jean Anouilh vorbehalten. Er verzichtete auf den religiösen Grund und stellte das Drama in den Kontext der Résistance (1943). Seine Antigone, die entschiedene Nein-Sagerin, wendet sich gegen den bürgerlichen Opportunismus ihres Onkels. Eine ebenbürtige Antigone hat der Widerstand gegen den menschenverachtenden Nazi-Terror in Sophie Scholl hervorgebracht. Man darf gespannt sein, in welches politische bzw. humanitäre Spannungsfeld die Neuinszenierungen die Antigone des Sophokles stellen werden, wie das Thema aktualisiert wird, damit die Stimme des griechischen Dichters uns über zweieinhalb Jahrtausende hinweg erreicht.

Sophokles (496 – 406 v. Chr.)

Der aus einer wohlhabenden Familie stammende Dramatiker wurde schon als junger Schauspieler gefeiert; als Dramatiker erntete er hohen Ruhm. Überdies verwaltete er hohe Staatsämter (u. a. als Schatzmeister des attischen Seebundes), diente als Militär und war zeitweilig Mitglied der Regierung Athens. Von seinen 130 Stücken sind nur sieben Tragödien und ein Satyrspiel erhalten. Sophokles löste die Tragödie aus dem ursprünglichen Dionysos-Kult, führte den dritten Schauspieler ein und rückte den Dialog ins Zentrum des Dramas, den Chor an den Rand. Seine eigentliche Leistung besteht in der Konzentration auf die vom Charakter bestimmten Verhaltensweisen der handelnden Personen.

Antigone hat am 21. August Premiere im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg, am 2. November im Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Schleswig.