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Verkehr : Ampel-Jubiläum: 100 Jahre warten bei „Rot“

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Ihre Lichter sind Gesetz: Kaum hinterfragt steuern die Leuchttürme des Straßenverkehrs das Verkehrsverhalten von Milliarden Menschen. Die Ampel wird 100 und ist aus Verkehr und Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken.

shz.de von
erstellt am 05.Aug.2014 | 12:57 Uhr

Hamburg | Der Anfang der Verkehrsampel war schwer und explosiv: 1868 wurden in London versuchsweise Signalarme mit roten und grünen Gaslaternen montiert. Doch die Vorrichtung explodierte und verletzte einen Polizisten schwer. Die mechanische Verkehrsregelung geriet in Vergessenheit, bis 1914 in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio die erste elektrische Ampel in Betrieb ging.

In Deutschland und Schleswig-Holstein dauerte es etwas länger, bis die von vielen verhassten Verkehrssignale an den Start gingen. 1922 stellten die Behörden am Stephansplatz in Hamburg die das erste deutsche Lichtsignal zur Kontrolle des Straßenverkehrs auf. Die Ampel wurde vor Ort per Hand geschaltet. In Kiel sollte es noch bis 1953 dauern, bis die erste Fußgängerampel an der Holstenbrücke in Betrieb ging.

In Deutschland verbringt ein Bürger – rein statistisch – zwei Wochen seines Lebens mit dem Warten an einer roten Ampel. Die „Wechsellichtzeichenanlage“, wie sie im Behörden-Deutsch heißt, steuert weltweit das Leben von Milliarden Menschen, ist ein Stück Hightech mit drei Lichtern und längst auch Symbol für den Nährwert von Lebensmitteln oder politische Koalitionen. Man kann ihr nicht entgehen.

Eigentlich ist das Prinzip Ampel älter, älter als das Auto gar. Nach dem verfehlten Versuch in London dauerte es noch 46 Jahre, bis in Cleveland, Ohio, die erste Ampel leuchtete, wie wir sie im Grundsatz heute noch kennen. Die Idee hat mehrere Väter. Zu ihnen gehören Lester Wire, ein Polizist aus Salt Lake City, und Garrett Morgan, der Sohn eines früheren Sklaven, der noch so unterschiedliche Dinge erfand wie die Gasmaske und ein Haarglättungsmittel.

Heute gibt es in Deutschland nach Angaben des Ampelherstellers Siemens 1,5 Millionen „Lichtsignalanlagen“. Würde man alle abfahren und an jeder eine Minute rot haben, wäre das allein eine Wartezeit von etwa drei Jahren. Auch wenn sich jeder mal über Ampeln ärgert, wird ihren Sinn kaum jemand in Frage stellen. Höchstens ihre Taktung.

„Das ist eine hohe Kunst“, sagt Wilke Reints. Der Ingenieur ist bei Siemens für „Intelligente Verkehrssysteme“ zuständig und träumt nachts manchmal sogar von Ampeln. „Es gibt faszinierende Algorithmen, um den Verkehr zu beeinflussen. Und man kann wahnsinnig viel gestalten“ – nicht immer zur Freude der Autofahrer. „Einige Kommunen lassen den Verkehr fließen, aber andere stören ihn künstlich. Damit sollen die Autofahrer zu Bus und Bahn gedrängt werden.“  Alles Idioten in der Verkehrslenkung, die noch dazu dem Bürgermeister abends eine grüne Welle für den Heimweg programmieren? „Das hört man oft, ist aber Quatsch“, sagt Reints. „Es ist eine Wissenschaft und die Leute, die das machen, sind Profis.“ Je nachdem, welche verkehrspolitischen Ziele von einer Kommune verfolgt werden, kann der Verkehrsfluss erhöht oder gebremst werden. „Den politischen Willen so umzusetzen ist beide Male verkehrstechnisch eine hohe Kunst.“ 

Die eingebaute Vorfahrt haben trotzdem einige. Rettungswagen und Polizei können auf ihrer Strecke alle rot sehen lassen, um schnell helfen zu können. Und manchmal bekommt ein Staatschef grün, um ihn so schnell wie möglich von der Straße zu bekommen – durchaus auch im Sinne der anderen Autofahrer.

Und wofür musste die Ampel alles herhalten: Nach der Wende diskutierten Ost- und Westdeutschland darüber, wie ein Ampelmännchen auszusehen habe und ob ein grüner Blechpfeil an der Ampel sicheren Verkehr oder sicheres Verderben bringt. Auf fettigen Schokoriegeln prangt in einigen Ländern eine große rote Ampel, um vor zu viel Kalorien zu warnen. Und Koalitionen bezeichnen sich als Ampel, weil ihre Parteien die gleichen Farben aufweisen – obwohl die doch nur zusammen leuchten, wenn die Ampel nicht funktioniert.

Ist die Ampel bedroht? Als modern gilt inzwischen die Lenkung über einen Kreisverkehr, der den Autofluss flotter machen soll. „Das funktioniert aber kaum in der Innenstadt“, sagt Reints. „Und außerdem stellen einige Kommunen am Kreisverkehr Ampeln auf – und nehmen ihm damit den ganzen Witz.“  Ausgerechnet Ampelexperte Reints träumt von einer Welt ohne Ampeln. „Weil alle Autos miteinander kommunizieren und selbst den idealen Verkehrsfluss errechnen. Aber es gibt ja noch Radfahrer und Fußgänger. Deshalb bleibt das auf absehbare Zeit wirklich nur ein Traum“, sagt Reints.

Schon in wenigen Jahren wird die Ampel zum Autofahrer sagen: Wir müssen reden! Zum Beispiel über die Zeit, die noch rot ist. „Dann könnte Ihnen die Ampel sagen: Mach' den Motor aus!“ Eines wird bleiben: „Oben rot, dann gelb und grün – das hat sich einfach bewährt, praktisch auf der ganzen Welt.“ In China sollte zwar mal alles umgedreht werden, damit die Farbe des Kommunismus für freie Fahrt steht, das endete aber im Chaos.

So bleibt wohl noch etwas anderes erhalten: Der Ampelflirt. In einer Umfrage sagten vor zwei Jahren 71 Prozent, dass sie die Wartezeit schon einmal für einen Flirt genutzt hätten. Das begeisterte auch einen Verkehrspsychologen: „Denn Flirten entspannt“, sagte damals der Experte vom TÜV Süd, Jürgen Merz. Und wer entspannt ist, fahre sicherer Auto.

Die Ampel bleibt also und auch künftige Generationen können noch den monotonen Gesang verstehen, den Monty Python 1980 anstimmte: „Ich mag Ampeln, ich mag Ampeln, ich mag Ampeln – aber nur bei grün.“

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