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Deutschland & Welt

23. September 2017 | 04:15 Uhr

CDU-Kanzler der Einheit : Altkanzler Helmut Kohl ist tot

vom
Aus der Onlineredaktion

Helmut Kohls Name wird immer mit der Deutschen Einheit in Verbindung bleiben. Die lange politische Karriere eines großen Staatsmannes mit schwarzen Koffern, verbitterten Söhnen und dem Mauerfall.

shz.de von
erstellt am 16.Jun.2017 | 17:17 Uhr

Helmut Kohl ist tot. Der Altkanzler starb im Alter von 87 Jahren, wie sein Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner mitteilte. Seit einem Sturz und Schädel-Hirn-Trauma 2008 war Kohl schwer krank und saß im Rollstuhl. 2015 hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert, nach monatelangem Klinikaufenthalt kam er aber wieder zu Kräften. Im April 2016 hatte er zuhause in Oggersheim Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban empfangen.

Kohl hat Deutschland von 1982 bis 1998 als Bundeskanzler regiert - 16 Jahre, so lange wie bisher niemand vor und nach ihm. Er war Wegbereiter der Europäischen Union und einer gemeinsamen Währung.

Als sein größter Erfolg gilt die deutsche Wiedervereinigung. Kohl erkannte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989, dass das Fenster für die deutsche Einheit nur kurz geöffnet sein würde. Unter Hochdruck handelte er mit den Staats- und Regierungschefs der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens, Frankreichs sowie den Verantwortlichen der Europäischen Union die Modalitäten dafür aus.

Auch nach seiner eigenen politischen Karriere sind seine Einflüsse sichtbar: Anfang der 90er Jahre war Kohl Ziehvater von Angela Merkel in Bundesregierung und Partei. Wegen einer Spendenaffäre, in die Kohl maßgeblich verwickelt war, forderte Merkel Ende der 90er Jahre als damalige CDU-Generalsekretärin die Partei zur Loslösung vom Übervater auf. Ihr Verhältnis zu Kohl blieb bis zuletzt belastet.

Der junge Doktor

<p>Helmut Kohl als Siebenjähriger hoch zu Ross.</p>

Helmut Kohl als Siebenjähriger hoch zu Ross.

Foto: imago/Dieter Bauer

Helmut Kohl wird 1930 in Ludwigshafen geboren. Als jüngster von drei Geschwistern wächst er in Stadtteil Friesenheim auf. Es geht katholisch-konservativ zu im Hause Kohl. Der frühe Tod seines Bruders Walter belastet ihn, er fiel bei einem Tieffliegerangriff. Per Kinderlandverschickung erhält Helmut als Hitlerjunge eine vormilitärische Ausbildung. In den Krieg muss er nicht mehr. Später wird Kohls Ausspruch, er habe bezüglich der Nazis und des Krieges „die Gnade der späten Geburt“ gehabt, weltberühmt (Der Satz selbst stammt von Günter Gaus). Ab 1950 studiert er in Frankfurt/Main Jura, 1958 promoviert er am Alfred-Weber-Institut in Heidelberg – mit einem Geschichtsthema. Der Titel: Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945.

 

Der Weg in die Politik

<p>Wahlkampftour im offenen Cabriolet mit Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger (l.) 1969 in Stuttgart.</p>

Wahlkampftour im offenen Cabriolet mit Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger (l.) 1969 in Stuttgart.

Foto: imago/Sven Simon

CDU-Mitglied ist Kohl bereits seit 1946, ein Jahr später hilft er bei der Gründung der Jungen Union in Ludwigshafen. Seine politische Arbeit kommt auch während seiner Studienzeit nicht zu kurz. Der Fleiß wird mit Macht belohnt: 1955 wird er Mitglied des Landesvorstandes der CDU Rheinland-Pfalz, 1959 erstmals Abgeordneter im Landtag. Den Landesvorsitz der CDU erkämpft er sich 1966.

Ministerpräsident mit 39

Foto: Imago

Bis Kohl allerdings zur Ehre eines ersten politischen Spitzenamts kommt, muss er beharrlich und geduldig sein. Peter Altmeier besetzt 22 Jahre am Stück das Ministerpräsidentenamt von Rheinland Pfalz (Rekord) und macht seinen Platz erst 1969 frei: Für Helmut Kohl, der der neue Landesvater ist.

 

Der junge Vater

<p>Helmut Kohl um 1970 mit Ehefrau Hannelore und den Kindern Walter (7) und Peter (5).</p>

Helmut Kohl um 1970 mit Ehefrau Hannelore und den Kindern Walter (7) und Peter (5).

Foto: imago/Rolf Hayo

1960 heiratet Kohl Hannelore Renner, die ihn bis zu ihrem Tod begleiten wird. Die Söhne Walter und Peter Kohl kommen 1963 bzw. 1965 zur Welt. Die Kohls leben ein intaktes Familienleben vor, welches sie in langen Urlauben auch öffentlich zelebrieren. Der erstgeborene Sohn Walter wird später ein Buch über das Zerwürfnis der Söhne mit dem Vater schreiben. Das Familienbild sei nichts als eine Inszenierung. Der Vater sei kaum für die Kinder da gewesen und habe – wenn zu Hause – seine Mahlzeiten meist im Arbeitszimmer eingenommen: „Seine wahre Familie heißt CDU, nicht Kohl“.

<p>Fußballkick in Oggersheim.</p>

Fußballkick in Oggersheim.

Foto: imago/Sven Simon

Der Aufstieg in der CDU-Bundespartei

Foto: imago/Sven Simon

Die politische Karriere setzt sich steil fort. Allerdings geht es der Bundes-CDU schlecht. Sie ist ab 1969 erstmals zur Opposition verdammt. Die Neuerfindung der Christdemokraten dauert über ein Jahrzehnt und wird getragen vom Helmut Kohl. Parteivorsitzender der Bundes-CDU ist der rheinland-pfälzische Ministerpräsident ab 1973 – und ab dann 25 Jahre lang bis 1998. Als Kanzlerkandidat seiner Partei erreicht er 1976 48,6 Prozent der Stimmen – das bis dahin zweitbeste Resultat in der Geschichte. Es reicht jedoch nicht zur absoluten Mehrheit und damit nicht zur Machtübernahme. Die Rot-Gelbe Koalition unter Helmut Schmidt hat eine Mehrheit und setzt ihre Arbeit fort. Kohl tritt als Ministerpräsident ab und wird Oppositionsführer – für vier Jahre, wie er denkt.

<p>Wahlkampf 1976: „Bergmann“ Kohl sucht die Nähe zum Volk und kommt mit vom Kohlenstaub rußgeschwärztem Gesicht aus der Zeche.</p>

Wahlkampf 1976: „Bergmann“ Kohl sucht die Nähe zum Volk und kommt mit vom Kohlenstaub rußgeschwärztem Gesicht aus der Zeche.

Foto: imago/Sven Simon

Der Führungs-Streit mit Franz-Josef Strauß

Foto: imago/Heiko Feddersen

Die Union hat einen weiteren Machtmenschen in der Führungsriege, der sich mit Kohl heftige Auseinandersetzungen leistet: Der wortgewaltige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) scheut sich nicht, seinem Kontrahenten aus Oggersheim bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Kompetenz abzusprechen. Kohl macht in der Situation das wohl einzig richtige: Er lässt einem anderen bei nächsten Bundestagswahl den Vortritt. Der von ihm favorisierte niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht wird jedoch nicht Spitzenkandidat, sondern der CSU-Patriarch Strauß. In einem polarisierenden Wahlkampf – zum Teil wie in Bremen mit gewaltsamen Ausschreitungen. Das Ergebnis der CDU/CSU fällt sehr schlecht aus. Obgleich Helmut Schmidt dadurch Bundeskanzler bleibt, kann Helmut Kohl einen Punktsieg verbuchen, der ihn parteiintern beinahe unangreifbar macht.

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Foto: imago/Sven Simon

 

Koalitionsbruch und Beginn der Kanzlerschaft

Foto: imago/bonn-sequenz

Darauf hat Kohl gewartet: Die FDP verweigert der SPD aufgrund inhaltlicher Querelen die Gefolgschaft. Die Regierung Schmidt zerbricht am 17. September 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum. FDP und CDU finden zueinander und Kohl kann ohne Neuwahlen am 1. Oktober 1982 Kanzler werden. Um einen sauberen Schnitt hinzukriegen stellt Kohl seinerseits die Vertrauensfrage. Der fragwürdige Schritt gelingt: Kohl verliert das Vertrauen des Bundestages und gewinnt die Neuwahlen.

Neuer Kanzler: Kohl beim Treffen der G7. Das mühsam erarbeitete Vertrauen zu François Mitterrand (4.v.l) und Margaret Thatcher (2.v.r.) wird ihm noch nutzen.
Neuer Kanzler: Kohl beim Treffen der G7. Das mühsam erarbeitete Vertrauen zu François Mitterrand (4.v.l) und Margaret Thatcher (2.v.r.) wird ihm noch nutzen. Foto: imago/ZUMA Press

Der Handschlag mit dem neuen Freund

Kohl setzt den NATO-Nachrüstungsbeschluss durch, setzt in den Folgejahren auf Kooperation und die europäische Idee. Eine Schüsselszene dieser Jahre ist der Händedruck mit dem der französischen Staatspräsident François Mitterrand. Am 22. September 1984 treffen sich Kohl und Mitterrand vor dem Gedenkstein zur Schlacht um Verdun. Sie gedenken gemeinsam der vielen Toten und Gefallenen der beiden Weltkriege – Hand in Hand. Die Bilder werden zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung.

 

Das andere Deutschland kommt zu Besuch

Foto: imago/Hans-Günther Oed

Ein neuer Wind weht in der Sowjetunion, das zeigt sich ab 1986 auch in den deutsch-deutschen Beziehungen. Direkt nach seiner Wiederwahl 1987 empfängt Kohl den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Es ist das erste Mal, dass ein DDR-Staatsoberhaupt die BRD offiziell besucht – im Nachhinein ein wichtiger Schritt für die zukünftigen Entwicklungen. Die DDR freut sich über die „Anerkennung“ ihrer Existenz und lädt zum Gegenbesuch ein, den es 1988 geben wird. Kohls Forderung nach einer Beseitigung von Mauer und Schießbefehl bleibt unkommentiert. Nicht wenige Zeitungen bezeichnen das „Treffen auf Augenhöhe“ als einen Triumph des Ostens.

Der Kanzler der Einheit

Das Blatt wendet sich für den innerparteilich kriselnden Kohl genau zur rechten Zeit. In der maroden DDR bildet sich eine systemkritische Bewegung, Ungarn öffnet seine Grenzen. Am 9. November 1989 bröckelt die Mauer nicht mehr nur in den Gedanken. Was Kohl zum „Kanzler der Einheit“ macht, ist sein beherzter Zugriff auf die für die meisten noch nicht zu erkennenden Zeichen der Zeit. Ohne vorherige Absprache mit dem Koalitionspartner und den westlichen Bündnispartnern legt er keine drei Wochen nach dem Mauerfall im Bundestag ein „Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“ vor. Es geht um die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. In einer Fernsehansprache im Juli 1990 verspricht er „blühende Landschaften“.

In den Zwei-plus-Vier-Gesprächen mit den Besatzermächten wird der Plan zur Wiedervereinigung konkret. Kohl und seinem Außenminister Hans Dietrich Genscher gelingt es, die Regierungschefs der vier Staaten, zunächst George Bush sen., dann Michael Gorbatschow und schließlich auch Margaret Thatcher und François Mitterrand zu einem Einlenken zu bewegen. Am 12. September 1990 wird in Moskau der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet: Deutschland ist ab 3. Oktober 1990 vereint und souverän.

Foto: imago/ITAR-TASS

Der Eierwurf

Halle am 10. Mai 1991, ganze zehn Monate nach den „blühenden Landschaften“: Unruhestifter bewerfen den schwersten Regierungschef der Geschichte mit Eiern. Der Kanzler der Einheit gerät in Rage, so hat man ihn noch nie gesehen. Er stürmt an seinen Bodyguards vorbei auf das Absperrgitter und sucht die Konfrontation mit dem Querulanten. Er sieht beinahe so aus, als wollte Kohl tatsächlich Schläge austeilen. Die Security hat Mühe und Not, den 1,93-Meter-Mann aufzuhalten.

 

Der Euro

Foto: imago/Dieter Bauer

Am 2. Mai 1998 beschließt Kohl mit anderen Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union die Einführung des Euro. Die Idee dazu entstand konkret in der Zeit der Wiedervereinigung. „In einem Fall war ich wie ein Diktator, siehe Euro“, bekennt der Alt-Kanzler in einem 2002 geführten Interview. Die Währungsunion solle eine neue Stufe der Integration bedeuten, als Teil der Kohlschen Idee von Europa.

Die Abwahl

Foto: imago/Rainer Unkel

Im selben Jahr verliert Kohl nach 16 Jahren seine Kanzlerschaft. Massenarbeitslosigkeit, Kündigungswellen, kaputte soziale Sicherungssysteme, der überteuerte, aber dennoch stockende Aufbau Ost und zu Teilen auch das Durchboxen des Euros – es entsteht eine politische Wechselstimmung im Land. Der innerparteilich isolierte Kohl sieht die Schmach nicht kommen und tritt trotzdem als Spitzenkandidat an. Die SPD koaliert mit den Grünen und stellt die Regierung, Gerhard Schröder wird Bundeskanzler. Für die CDU landet nach 16 Jahren Kohl nur noch die Oppositionsbank.

Die schwarzen Koffer

Es folgen „Horrorjahre“, wie der Kohl-Biograf Hans-Peter Schwarz schreibt. Kohl weigert sich strikt, in der Parteispendenaffäre die Namen von Millionen-Spendern zu nennen und legt seine politische Lebensleistung in Schutt und Asche. Sein „Ehrenwort“ ist ihm wichtiger. Die Partei hat es in dieser Zeit schwer, sich neu aufzustellen, denn der lange Schatten des Machtmenschen Kohl liegt über ihr. Den Bruch der Partei mit dem Altkanzler vollzieht 1999 die damalige Generalsekretärin Merkel in einem folgenschweren Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Zitat: „Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft auch ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich oft selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen“, schrieb sie. Kurz darauf legt Kohl auf Druck der krisengeschüttelten CDU den Ehrenvorsitz in der Partei nieder. Unabhängig seiner politischen Leistungen: Ein unbefangener Umgang mit ihm wird nie mehr möglich und in die Rolle des weisen Altkanzlers wird er nicht mehr schlüpfen können. In den Jahren danach tritt nur noch selten öffentlich auf.

2001 nimmt sich Kohls Frau Hannelore mit einer Überdosis Schlaftabletten einsam das Leben. Nach offizieller Version litt sie an einer Lichtallergie, die sie jahrelang dazu zwang, im Dunkeln zu leben. Kohl spricht später von unerträglichen Schmerzen, die sie durchleiden musste.

 

Die zweite Ehefrau und die Tonbänder des Heribert Schwan

Foto: imago/epd

In letzten Jahren gehören die Kohl-Schlagzeilen weniger in das Politik-Ressort als in den Boulevard. Für öffentliche Aufmerksamkeit sorgt zum Bespiel die Diskussion über den Einfluss seiner zweiten Ehefrau Maike Richter. Kohls früherer Ghostwriter Heribert Schwan erklärt Maike Kohl-Richter offen zu seinem „Feindbild“. Sie habe seine Arbeit mit Kohl beendet und strebe die „Deutungshoheit“ über seine Kanzlerschaft an, sagt Schwan.

Heribert Schwan im Bundesgerichtshof in Karlsruhe.
Heribert Schwan im Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Foto: Uli Deck

Schwan sitzt 2001 und 2002 mehr als 600 Stunden mit Kohl zusammen und nimmt dessen Erzählungen für die Memoiren des Altkanzlers auf Band auf. 2014 veröffentlicht Schwan aber sein eigenes Buch „Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle“ - mit saftigen, von Kohl nicht freigegebenen Zitaten über Angela Merkel („Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen“), Heiner Geißler, Rita Süssmuth und anderen. Kohl klagt mit Erfolg auf Herausgabe der Bänder und gegen die Verwendung von 115 Zitaten. Die Revision scheitert.

(mit dpa)

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