30 Jahre Gladbecker Geiseldrama : Als Kidnapper zu Medienstars wurden

Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner in einem in Bremen gekaperten Linienbus.
Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner in einem in Bremen gekaperten Linienbus.

54 Stunden lang hielt das Gladbecker Geiseldrama die Nation in Atem, drei Menschen starben. Ein Rückblick.

shz.de von
16. August 2018, 12:01 Uhr

Gladbeck | Wo Brigitte Gräber in ihrem Blumenladen "Grüne Oase" heute Rosen verkauft, da hat vor 30 Jahren eines der spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit begonnen: das Gladbecker Geiseldrama. 54 Stunden voller Verzweiflung, Sensationsgier, Medien- und Polizeiversagen nehmen am Morgen des 16. August 1988 im nordrhein-westfälischen Gladbeck ihren Anfang.

Mit Maschinenpistolen bewaffnet überfallen Hans-Jürgen Rösner (damals 31) und Dieter Degowski (damals 32) im Stadtteil Rentfort-Nord eine Deutsche-Bank-Filiale und nehmen zwei Angestellte als Geiseln. Wenig später umstellt die Polizei die Filiale. Die Gangster geben ein erstes Telefon-Interview.

Polizist in Unterhose übergibt Lösegeld

Verbunden durch einen Innenhof ragt auf der gegenüberliegenden Seite ein längst leerstehender Wohnblock mit 13 Stockwerken in die Höhe – eine gewaltige Ruine, die bald abgerissen werden soll. Eine Mitarbeiterin des Blumengeschäfts erzählt zögernd, dass sie vor 30 Jahren in diesem Hochhaus lebte. Von ihrem Wohnzimmerfenster aus konnte die mittlerweile 64-Jährige in den Innenhof sehen. "Wir hörten laute Stimmen und haben dann geguckt." Sie habe selbst gesehen, wie ein Polizist nur in Unterhose bekleidet das geforderte Lösegeld vor die Eingangstür legte.

Bodo Wölk betritt den Laden und kauft eine Rose. Auch der 67-Jährige wohnte schon damals in der Nähe. Er habe das Drama im Fernsehen gesehen, "es gab ja eine Live-Übertragung", erzählt er. In einer Wohnung am Ende der Straße, an der das Geschäftszentrum liegt, "saßen wir mit unseren Nachbarn zusammen und haben vom Balkon aus geguckt". Als die beiden Gangster dann am Abend mit ihren Geiseln flüchteten, "standen wir draußen und haben gesehen, wie die vorbeifahren. Das war auch gefährlich, die waren ja bewaffnet." Die entführten Angestellten habe er gekannt. "Ich war ja Kunde."


Die ehemalige Bankfiliale im Geschäftszentrum Nord.
Marcel Kusch/dpa
Die ehemalige Bankfiliale im Geschäftszentrum Nord.


Noch in Gladbeck lassen die Gangster ihre Komplizin Marion Löblich zusteigen. Die Flucht geht Richtung Norden, Polizei und Journalisten bleiben ihnen auf den Fersen. Mehrfach erpressen die Gangster neue Wagen, bevor sie am Mittwochabend an einer Haltestelle in Bremen-Huckelriede einen Nahverkehrsbus mit 32 Fahrgästen kapern. Fünf Geiseln werden noch am Abend wieder freigelassen.

Wenige Stunden später an der Raststätte Grundbergsee dürfen auch die Bankangestellten gehen. Als die Polizei Löblich überwältigt und vorübergehend festhält, tötet Degowski den 15-jährigen Italiener Emanuele de Georgi mit einem Kopfschuss. Auf dem Weg zum Einsatzort verunglückt ein Polizeiwagen. Der 31-jährige Polizeiobermeister Ingo Hagen stirbt, ein weiterer Beamter wird schwer verletzt.

Am frühen Donnerstagmorgen rollt der Bus bei Bad Bentheim über die niederländische Grenze und stoppt etwa fünf Kilometer danach. Im Austausch gegen ein neues Fluchtauto werden fast alle Geiseln freigelassen. Nur mit zwei jungen Frauen setzt das Trio seine Fahrt fort. Am Vormittag erreichen die Verbrecher Köln.

Journalisten fahren in Fluchtauto mit

Im Gespräch mit Journalisten auf offener Straße, mitten in der Fußgängerzone, drohen sie, "zu allem entschlossen" zu sein. Richtung Frankfurt fahren sie am Mittag davon. Für kurze Zeit fährt sogar ein Journalist mit. Auf der A3 bei Bad Honnef dann das Ende: die Polizei rammt das Auto um kurz vor 14 Uhr. Es kommt zu einer Schießerei. Die 18 Jahre alte Silke Bischoff wird dabei von Rösner getötet. Neben der Autobahn erinnert heute eine Gedenkstätte an die junge Frau. In Bremen ist am Busbahnhof Huckelriede ein Erinnerungsort an das Geiseldrama geplant.

Die Grafik zeigt die Fluchtroute der Geiselnehmer und eine Chronologie der Ereignisse.
Die Grafik zeigt die Fluchtroute der Geiselnehmer und eine Chronologie der Ereignisse.
 

Live ausgestrahlte Fernseh- und Radiointerviews des Trios, an seiner Seite Geiseln in Todesangst, hatten die Nation am Verbrechen teilhaben lassen. Schon während der Geiselnahme entbrannte in Deutschland eine heftige Diskussion über Grenzen journalistischer Berichterstattungspflicht. Der Presserat legte später fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf. Der Polizei wurde vor allem vorgeworfen, die Geiselnahme nicht schon viel eher bei mehreren Gelegenheiten beendet zu haben. Die Polizeibehörden überarbeiteten grundlegend ihre Einsatztaktik.

Geiselnehmer Rösner: "Hätte niemals geschehen dürfen"

Heute sagt Rösner als einer der beiden Geiselnehmer in einem schriftlich geführten Interview des Redaktionsnetzwerks Deutschland: "Ein solch heftiges Erlebnis kann man nicht vergessen, es drängt sich auch immer wieder auf und es bereitet mir tiefe Schuldgefühle". Er habe sich aber bei den Opfern der Geiselnehmer bis heute nicht förmlich entschuldigt. "Wenn jemandem sein Kind genommen wird, ist das nicht mit einer läppischen Entschuldigung abgetan", stellte er fest.

Dem Jungen würde Rösner heute sagen, wie stark ihn dessen Tod heute belaste und dass "das" von seiner Seite her niemals hätte geschehen dürfen. "Wenn ich mit Silke sprechen könnte, dann würde ich ihr sagen, dass mir alles sehr leid tut. Weil ich mein Wort, sie und ihre Freundin Ines V. in Frankfurt freizulassen, nicht einhalten konnte", heißt es in dem Interview.

Der Wagen mit den Geiselnehmern wird in Köln von Journalisten umringt.
Hartmut Reeh/dpa
Der Wagen mit den Geiselnehmern wird in Köln von Journalisten umringt.

Rösner lebt nach Angaben der JVA Aachen seit Mai in einer sogenannten Behandlungswohngruppe mit einer intensiven Betreuung. In der offenen Abteilung müssten sich die Inhaftierten mit sich und den anderen Bewohnern auseinandersetzen, wie die JVA-Leiterin Elke Krüger sagte. Es würden Konflikte und Alltagsprobleme besprochen. Das sei als Zeichen für eine positive Entwicklung Rösners zu sehen. Wann allerdings der Zeitpunkt für einen offenen Vollzug sei, könne sie nicht sagen. Rösners Anwalt Rainer Dietz hatte unlängst noch betont, dass der offene Vollzug das Ziel sei.

Das Ladenlokal mit der "Grünen Oase", in dem sich früher die Bankfiliale befand, liegt an der Ecke einer heruntergekommenen Einkaufspassage im "Geschäftszentrum Nord". Früher gab es dort viele Geschäfte, jetzt stehen die meisten Läden leer. Die Bankfiliale wurde sofort nach der Tat geschlossen. "Das ist noch der Originalboden, der damals in der Bank war", sagt Gräber (61) und führt den Reporter zu kleinen Klappen. "Hier gingen die Kabel für die Computerterminals in den Boden." Auch die Deckenelemente und die doppelte Eingangstür stammen noch aus Bank-Zeiten.

Tödlicher Schuss auf Emanuele di Giorgis

Rudolf Esders kann sich gut an das Drama erinnern. Am Landgericht Essen führte er als Vorsitzender Richter den Strafprozess gegen Rösner, Degowski und Löblich. Der mittlerweile 78 Jahre alte Jurist erzählt von dem im August 1989 begonnenen Prozess, als wäre er erst kürzlich zu Ende gegangen und nicht schon im März 1991. Etwa von dem Tod Emanuele di Giorgis, der sich im Bus schützend vor seine Schwester gestellt hatte. "Er war Degowski negativ aufgefallen, weil er nicht unterwürfig genug war." Degowski habe immer gesagt, das sei ein Versehen gewesen. Esders glaubte ihm nicht: Der Schuss wurde aus zehn Zentimetern Entfernung abgefeuert. "Wenn man eine Kanone in der Hand hat, spürt man Macht und will die ausleben. Macht verführt."

Den Fernseh-Zweiteiler "Gladbeck", der im März zum ersten Mal in der ARD lief, habe er sich natürlich angesehen. "Er hat mir gut gefallen. Ich habe sogar einige Dinge gesehen, von denen ich gar nichts wusste." Dass es etwa in Bremen eine Gelegenheit gegeben haben soll, "alle drei Täter auf einmal zu – wie die Polizei immer sagt – neutralisieren". Aber der Bremer Justizsenator habe das untersagt.

Auch der Tod des zweiten Opfers, Silke Bischoff, ist Esders präsent. Aus privaten Gründen fährt er häufiger mit dem Auto nach München – über die A3, an Bad Honnef vorbei, wo die Polizei dem Drama ein Ende bereitete. Denken Sie jedes Mal daran? "Ja, sicher denke ich jedes Mal daran. Ich weiß natürlich noch, wo die Stelle ist."

Belastet hat ihn der Prozess nicht. "Ich führe das darauf zurück, dass ich die Dinge auf mich hab' zukommen lassen und nicht versucht habe, sie abzuwehren. Wenn Sie sich nicht darauf einlassen, ist das Verdrängung. Das schlägt dann irgendwann zurück. Sie haben dann schlechte Träume oder sonst irgendwelche Probleme. Man muss sich darauf einlassen. Man muss es mit allem Schmerz und aller Grausamkeit nachvollziehen." Degowskis lebenslange Haft wurde 2017 zur Bewährung ausgesetzt. Im Februar 2018 wurde er mit neuer Identität aus der Haft entlassen. Rösner, bei dem zusätzlich Sicherungsverwahrung angeordnet worden war, hat ebenfalls einen Antrag auf Entlassung gestellt. Löblich, zu neun Jahren Haft verurteilt, hat ihre Strafe längst abgesessen. Auch sie bekam eine neue Identität.


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