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„Zappelphilipp-Syndrom“ : ADHS: Modekrankheit oder gesellschaftliches Symptom

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung wird immer häufiger diagnostiziert. Das könnte an einer Zunahme von Erziehungsmängeln und unzeitgemäßen Schulen liegen.

shz.de von
erstellt am 02.Nov.2014 | 17:46 Uhr

27 Jahre lang saß ich einmal in der Woche am Erziehungs- und Schulsorgentelefon. 90 Prozent der Anrufer waren Mütter. Die häufigste Frage: „Welche Schule ist gut für mein Kind?“ Die zweithäufigste: „Soll ich meinem Kind Nachhilfeunterricht organisieren?“ Und die dritthäufigste: „Hat mein Kind AD(H)S, oder ist es vielleicht hochbegabt?“ Die letzte Frage lässt sich am Telefon nicht gut beantworten, aber man kann das Problem schon mal einkreisen: Hochbegabte und AD(H)S-Kinder sind meist – aber keineswegs immer – früh sprachlich weit, stellen schon mit drei Jahren Fragen, die Mama nicht mehr ohne weiteres beantworten kann (zum Beispiel: „Warum fällt der Mond nicht auf die Erde?“), sie haben oft ein geringeres Schlafbedürfnis, sie sind langsam und umständlich, wenn es um das Begreifen von Zusammenhängen geht, weil sie mit vielen gleichzeitigen Assoziationen für das Verarbeiten mehr Zeit benötigen, während sie Einzelheiten schneller als andere Kinder lernen, und sie haben oft keine Freunde, weil die es nicht gut mit ihnen aushalten.

Laut einer aktuellen, noch unveröffentlichten Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hat sich die Zahl der Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (beziehungsweise -Störung) (ADHS) von 2006 bis heute von 2,3 auf mehr als 4,6 Prozent erhöht – also mehr als verdoppelt. Übergeordnet spricht man vom Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), von dem etwas mehr Mädchen als Jungen betroffen sind. Etwa 25 Prozent der ADS-Kinder haben das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) – darunter doppelt so viele Jungen wie Mädchen.

Die Mütter bekommen bei der Diagnose zunächst oft einen Schreck, weil sie das „D“ hören, was ja nun mal Defizit heißt. Sie denken dann, ihr Kind habe etwas zu wenig, in Wirklichkeit hat es jedoch etwas zu viel, es nimmt nämlich zu viel wahr. In der Schule ist es zwar geneigt, sich auf das Wort der Lehrerin zu konzentrieren, es kann aber nichts dagegen tun, dass es gleichzeitig mitbekommt, dass weit entfernt ein Auto bremst oder eine Amsel singt und dass Annegret heute einen neuen Pullover trägt.

Noch vor 15 Jahren dachten viele Menschen, den hochbegabten und ADS-Kindern würde es an Neurotransmittern (Botenstoffen) im Hirnstoffwechsel mangeln, und dann hat man ihnen eine Droge gegeben, die im Bundesbetäubungsmittelgesetz steht und nur von wenigen Ärzten verschrieben werden darf: Methylphenidat, was zum Beispiel in Psychopharmaka wie Ritalin oder Medikinet enthalten ist. Diese Droge stellt den Körper ruhig, engt den Blickwinkel ein, so dass nicht mehr ganz so viel wahrgenommen wird, erhöht die Konzentration und lässt die Schulnoten besser werden. Deshalb bekamen zunehmend auch Kinder überehrgeiziger Eltern diese Medikamente, die weder hochbegabt noch hyperaktiv waren, nur damit die Schulleistungen besser werden.

Heute weiß man, dass hochbegabte und ADS-Kinder genauso viele Neurotransmitter für ihren Hirnstoffwechsel zur Verfügung haben wie alle anderen Menschen auch; ihr Problem ist jedoch, dass sie deutlich mehr pro Tag wahrnehmen und deshalb mehr Neurotransmitter zur Verarbeitung der Reize, die meist nachts stattfindet, benötigen. Zusätzliche Neurotransmitter werden aber nicht nur durch Methylphenidat zur Verfügung gestellt, sondern auch durch Bewegung und durch Musikmachen.

Inzwischen bekommt bereits jeder zehnte Junge zwischen neun und elf Jahren in Deutschland (in den USA sind es deutlich mehr) die Diagnose ADHS. Viele (aber keineswegs alle) dieser „Zappelphilipp-Syndrom“-Kinder sind überdurchschnittlich begabt, sie scheitern aber wie auch die Hochbegabten besonders häufig in der Schule. Sie können nicht lang stillsitzen, sie weichen in Träume aus, gehen während des Unterrichts über Tische und Bänke, spielen den Klassenkasper, und weil sie sich nicht konzentrieren können, machen sie viele Fehler. Auch mangelt es ihnen meist an Freunden, weil die es nicht gut mit ihnen aushalten und sich für Anderes interessieren. Während die hochbegabten Kinder mit einem Intelligenzquotienten über 130 sich oft über lange Zeit mit einem Spezialthema vertiefend beschäftigen, nehmen die AD(H)S-Kinder eher schlaglichtartig in schnellem Wechsel ganz viel oberflächlich wahr; sie können sich nicht sehr lange auf ein Thema konzentrieren. Da sie aber sprachlich früh weit sind, werden sie meist schon mit fünf Jahren eingeschult. Deshalb stellt Helmut Schröder, der Autor der AOK-Studie, fest, dass es vor allem die jüngsten ABC-Schützen sind, die ganz oft eine ADHS-Diagnose bekommen, weil sie zwar sprachlich weit, aber von ihrer Gesamtentwicklung her eigentlich noch nicht schulreif sind.

Über die Ursachen von ADHS weiß man nicht viel. Es gibt Theorien, die von erblichen Stoffwechselbesonderheiten ausgehen oder die um zuckerreiche Ernährung, um Konservierungsstoffe in Lebensmitteln, um Reizüberflutung durch Medien, um mütterlichen Stress oder Medikamentenkonsum während der Schwangerschaft, um Paracetamol-Folgen, um streitreiche Familiensituationen oder um die Tatsache kreisen, dass bei allen Menschen ADHS ausbrechen kann, aber nicht muss, und um vieles andere mehr. Neuerdings wird auch behauptet, dass AD(H)S nur eine Erfindung der Pharma-Industrie sei, die auf Fortbildungskongressen für Erzieherinnen, Lehrkräfte, Eltern und Ärzte mit „Experten“ ihre Produkte bewerbe.

Jüngst kann man sogar vernehmen, dass es AD(H)S in Wirklichkeit gar nicht gibt, dass es sich dabei nur das Symptom von Erziehungsdefiziten in einer sehr komplex gewordenen Welt voller Meinungs- und Wertevielfalt handeln würde. Denn warum wird AD(H)S in Zeiten großer Not und in Kriegsgebieten eher gar nicht beobachtet?

Wir alle haben zumindest ein wenig ADS, denn sonst würden wir gar nichts wahrnehmen. Es gibt nämlich alle Grade von ganz wenig bis ganz viel ADS. Vor 20.000 Jahren war ADS ein Überlebensvorteil: Wenn mehrere Männer zusammen auf die Jagd gingen und einer von ihnen plötzlich rief: „Ich glaube dort hinter dem Busch ist ein Elch“, konnte der Jäger mit ADS sagen: „Einer? Hier sind im Umkreis vier Elche!“

Mittlerweile werden die AD(H)S-Kinder nicht mehr wie vor Jahren noch zu den Behinderten gezählt, sondern zu etwas Besonderem in der Bandbreite des Normalen. Die Hochbegabten zählen wir aber noch zu den Behinderten, und zwar nicht, weil sie behindert sein würden, sondern weil sie ständig während ihrer komplexen Lernweisen behindert werden. Als Faustregel sagen wir heute: Allenfalls bei den etwa fünf bis zehn Prozent der schwierigsten AD(H)S-Fälle sollte man ein Medikament geben, also nur, wenn ansonsten die Ehe der Eltern wegen diese Kindes auseinander zu brechen droht. Man gibt ja auch keinem mehrfach Körperbehinderten eine Droge, sondern hilft ihm, mit seiner Besonderheit besser klar zu kommen.

Wenn man Kindern Methyphenidat verabreicht, hören sie mit der Einnahme meist selbst im Alter von etwa 13 Jahren wieder auf, obwohl Mama weiterhin glaubt, sie würden es nehmen. Denn sie spüren zunehmend, dass sie nicht sie selbst sind, wenn sie dieses Medikament in sich haben, sie merken, dass sie stets irgendwie neben sich stehen. Und wenn sie es dann nicht mehr nehmen, müssen sie übrigens mit ihrer Persönlichkeitsentwicklung dort weitermachen, wo sie vor Jahren aufhörten, als ihnen das Medikament zum ersten Mal verabreicht wurde.

Hochbegabte und AD(H)S-Kinder haben durchweg eine höhere Lernmotivation als andere Kinder, aber sie wollen nicht unbedingt das lernen, was die Lehrerin gerade erwartet. Wenn man Kinder nach Geburtsjahrgängen in Klassen unterbringt, wie es heute noch vorherrschend ist, ist die Lehrerin geneigt, alle vor ihr sitzenden Kinder gleich zu behandeln, was die hochbegabten und die AD(H)S-Kinder meist mit Langeweile und ihrem gleichzeitigen Langsamsein überfordert. Wenn Kinder stattdessen in jahrgangsübergreifenden Lernfamilien arbeiten, wenn sie selbst mit ganz vielen Lernmaterialien voneinander lernen dürfen, wenn sie ihre Körperposition beim Lernen selbst bestimmen und sich dabei bewegen dürfen (denn fünf 45-Minuten-Einheiten auf einem Stuhl sitzen zu müssen, ist für unter 14-Jährige unerträglich), wenn sie im Rahmen einer Wochenplanarbeit selbst entscheiden dürfen, in welcher Reihenfolge, mit welcher Methode und ob allein oder zu zweit sie den Stoff bewältigen wollen, vor allem aber wenn sie ganz allein entscheiden können, was sie gerade lernen wollen, dann sind sie im allgemeinen gar nicht mehr schwierig, jedenfalls gilt das für etwa 80 Prozent der „verhaltensoriginellen“ AD(H)S-Kinder. Deshalb machen die skandinavischen Lernwerkstätten, die Montessorischulen, die Schülerschulen und die Freinetschulen, vor allem aber die betroffenen Kinder selbst und ihre Eltern, so gute Erfahrungen mit diesem ganz anderen, zeitgemäßeren Lernen der ganz anders in ihrem Hirn vernetzten Bildschirm- und Smartphone-Generation unserer Tage. Und wenn man die Kinder auf diese Weise voneinander und mit vielen Materialien lernen lässt, dann sind auch noch gleichzeitig die Lehrkräfte so entlastet, dass sie sich einzelnen Kindern, die etwas noch nicht verstanden oder die ein Verhaltensproblem haben, individueller zuwenden können.

Da wir heute immer mehr durch ihre Eltern früh geförderte Kinder und zugleich noch wesentlich mehr erzieherisch vernachlässigte Kinder in unserer Gesellschaft haben, müssen wir statt mit sechs künftig mit fünf Jahren einschulen, denn die Entwicklungspsychologen sagen uns, dass Fünfjährige über Rituale lernen, Sechsjährige aber nicht mehr unbedingt. Zu den ritualgeprägten Eigenschaften gehören aber auch Ordnungsliebe und Anstrengungskultur; an beidem mangelt es vor allem den Hochbegabten und den AD(H)S-Kindern, weil ihnen anfangs alles zufiel. Und weil es diesen Kindern meist an Freunden mangelt, muss man nur dafür sorgen, dass mehrere von ihnen in einer Lernfamilie sind, damit sie wenigstens einen Freund unter Gleichgesinnten finden...


Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

 

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