Medienpädagoge im Interview : Whatsapp und Co.: Was Eltern bei der Smartphone-Nutzung beachten sollten

Papa und Sohn am Smartphone: Eltern müssen ihren Kindern zeigen, wie positive Vernetzung funktioniert.
Papa und Sohn am Smartphone: Eltern müssen ihren Kindern zeigen, wie positive Vernetzung funktioniert.

Kinder sollten nicht jede Nachricht lesen und Eltern mal eine Handypause machen, meint Medienpädagoge Moritz Becker.

shz.de von
30. Juni 2018, 08:20 Uhr

Hamburg | Der Blick aufs Smartphone stört laut einer aktuellen Studie die Eltern-Kind-Beziehung. Die gute Nachricht: Es gibt Vermeidungs-Strategien. Der Medienpädagoge Moritz Becker aus Hannover sagt im Interview, wann Eltern das Smartphone ruhig mal zur Seite legen sollten, warum Whatsapp-Gruppen ein besonderes Problem sind und wie Kinder vor anstößigen Nachrichten geschützt werden können.

Herr Becker, welche Apps sollten Eltern von ihren Smartphones verbannen?

Die größte Ablenkung kommt nach meinem Gefühl derzeit durch Whatsapp. Sprechen wir übers Verbannen, dann dürften Eltern aber eigentlich gar keine Apps auf ihrem Smartphone installieren, über die sie per Push-Benachrichtigung erreichbar sind. Das ist aber nicht zielführend.

Gibt es elterntaugliche Apps beziehungsweise Filtermöglichkeiten?

Eine Abschaltung der blauen Häkchen bei Whatsapp, also der Lesebestätigung von Nachrichten, kann entstressen. Der Nutzer umgeht dann eine Erwartungshaltung beim Empfänger. Allerdings sieht er nach Abschalten der Häkchen auch nicht mehr, ob jemand seine Nachrichten gelesen hat. Deshalb verzichten viele Smartphone-Nutzer auf diese Einstellung. Für Android-Nutzer bietet sich ein Homescreen-Widget an. Dieses zeigt alle ungelesenen Nachrichten auf dem Bildschirm an, ohne dass sie dabei als gelesen markiert werden. Das Widget ist damit eine Nachrichten-Vorschau, in der zum Lesen längerer Nachrichten auch über die Chats gescrollt werden kann.

Sollten Eltern Push-Benachrichtigungen für Nachrichten oder E-Mails aktivieren?

Einige Smartphone-Nutzer schalten ihr Gerät bewusst auf stumm. Manchmal empfiehlt es sich sogar, das Smartphone während eines Spielplatzbesuches einfach mal Zuhause zu lassen.


Viele Eltern treibt dann aber die Sorge um, dass sie im Notfall nicht zu erreichen sind…

Auch für Eltern sollte es möglich sein, sich mal ein Stunde rauszuziehen und die Zeit auf dem Spielplatz zu genießen. Wenn währenddessen etwas passiert, ist das so. Diese Einstellung halte ich für durchaus gesund und vertretbar.

Es gibt noch mehr Probleme mit Whatsapp – etwa wenn sich Eltern von Schülern in Gruppen „verbünden“. Sollten sie das?

Schwierig wird es, wenn Eltern in einer Klasse sind, die kein Whatsapp installiert haben. Diese Eltern können bei Diskussionen schnell außen vor sein und sich dadurch gekränkt fühlen. Das kann soweit gehen, dass sich ganze Elternschaften aufspalten. Darüber muss bei einem Elternabend diskutiert werden. Haben die Eltern Datenschutzbedenken wäre eine praktikable Lösung auf andere Messenger umzusteigen.

Welche Chancen und Risiken die vernetzte Elternschaft mit sich bringt, lesen Sie auch auf der Webseite von smiley - Verein zur Förderung der Medienkompetenz, in dem Artikel "Vernetzt gegen die Lehrkraft".

Diese Messenger haben dann aber wiederum andere Eltern nicht…

Mich persönlich nervt es auch manchmal, wenn Bekannte einen bestimmten Messenger nicht benutzen und ich sie deshalb anderweitig kontaktieren muss. Wir sind hier an einem Punkt, an dem wir auch noch lernen müssen. Noch gibt es bei sozialen Medien keine Tradition in der Nutzung.

Lenken sich Eltern mit ihrem Smartphone von ihren Kindern ab?

Eltern sollten Kindern klare Ansagen geben. Falsch ist es, sich beim Schaukeln plötzlich durch das Handy ablenken zu lassen, weil Kinder sich dann nicht mehr wahrgenommen fühlen und enttäuscht sind.

Also dürfen Eltern vor allem die Erwartungshaltung des Kindes nicht enttäuschen?

Wenn ich als Elternteil dem Kind das Gefühl gebe, es sei gerade das Wichtigste und dann aber das Handy raushole, läuft etwas schief. Eltern müssen auch sofort zur Stelle sein, wenn das Kind nach ihnen ruft und dürfen nicht erst zu Ende chatten.

Wieviele Minuten Smartphone-Nutzung am Stück sind unbedenklich, wenn ein Kind dabei ist?

Bei Säuglingen entsteht bereits bei einem kurzen Augenkontakt eine Bindung zwischen Eltern und Kind. Das Smartphone kann beim Kinderwagen schieben diese Bindung stören. Das gleiche würde aber auch für ein Buch gelten. Wichtig ist, über die eigene Handynutzung offen mit den Kindern zu sprechen. Gerade ältere Kinder müssen auch verstehen lernen, dass Eltern Zeit für sich brauchen – und dazu gehört auch das Handy.

Demnach könnte es verstörend auf Kinder wirken, wenn Eltern also nur mal „eben schnell“ eine Nachricht beantworten?

Es gibt einen Teufelskreis: Eltern schauen aufs Handy, sind dabei genervt vom Kind und abgelenkt. Das Kind verlangt aber gerade in diesem Moment besonders viel Aufmerksamkeit, was bei den Eltern noch mehr Stress verursacht. Dann kann sich eine frustrierende Situation entwickeln. Außer meiner Sicht hat ein Kind, das Aufmerksamkeit haben möchte, Priorität und nicht eine Nachricht, die noch zu Ende geschrieben werden muss.
Wie können Eltern ihre Smartphone-Nutzung optimal auf ihren Nachwuchs einstellen?

Eltern könnten nach ihrem Bauchgefühl gehen. Das machen gerade diejenigen, die in den 1990ern noch ohne soziale Medien groß geworden sind. Sie stellen sich etwa die Frage, wann es in Ordnung ist, den Fernseher einzuschalten oder ein Buch zu lesen. Das Bauchgefühl kann aber auch zum Problem werden. In vielen Haushalten liegt das Handy dann beim Essen auf dem Tisch. Ist das richtig? Mein Bauchgefühl sagt mir, hier medienfrei zu bleiben.

Wann sollten Eltern mit ihren Kindern noch unbedingt medienfreie Zeit verbringen?

Gerade für Kinder im Alter bis zur Grundschule muss es feste Rituale geben. Das ist in Familien ganz häufig beim Zu-Bett-Bringen und beim Vorlesen der Fall. Dann sollte das Handy am besten in einem anderen Raum liegen. Auch beim Windeln wechseln oder beim Baden sollte das Handy nicht in greifbarer Nähe sein. Schön wäre aus meiner Sicht, wenn ein Smartphone auch auf dem Weg zum Kindergarten, bis das Kind in der Gruppe verschwunden ist, in der Tasche bleibt. Zum Thema Stillen möchte ich mir als Mann keine Meinung erlauben – da gibt es unterschiedliche Auffassungen.

Müssen Eltern ihren Kindern den Umgang mit digitalen Medien vertraut machen oder ist das die Aufgabe der Schule?

Medienerziehung müssen Eltern von Anfang an vorleben. Ein Kind bekommt schon im Alter von einem Jahr mit, wie seine Eltern das Smartphone nutzen und daran nimmt es sich ein Vorbild. Wenn Eltern erst merken, dass sie zu viel Zeit am Smartphone verbringen, wenn ihr Nachwuchs fünf Jahre alt ist, ist es zu spät. Auch inhaltlich müssen Eltern agieren, um zu zeigen, wie positive Vernetzung funktioniert. Etwa in dem sie vorher ankündigen, wenn sie eine Sprachnachricht von Oma abhören.

Sollten Eltern nach Informationen nur auf dem Smartphone suchen oder auch hin und wieder noch ein Lexikon zur Hand nehmen?

Haben Sie ein Lexikon Zuhause?

Nein.

Wie soll ich Ihnen dann raten, ein Lexikon zu benutzen? Ich denke es ist wichtig, Kindern zu vermitteln, dass Laptop, Smartphone und Tablet nicht nur Spielzeuge sind, sondern auch Arbeitsgeräte.

Wie wichtig sind Bücher für Kinder?

Bücher als Wissensquelle müssen in der Schule weiterhin genutzt werden. Beim Buch-Tablet-Vergleich gewinnt für mich beim abendlichen Vorlesen das Buch. Auch weil man es beim Kind lassen kann, es kann darin weiterblättern und damit einschlafen. Diesen unter anderem haptischen Effekt gibt es beim Tablet nicht. Das Buch als Unterhaltungsmedium hat für mich lange noch nicht ausgedient.

Dürfen Eltern ihren Kindern das eigene Smartphone überlassen?

Das größte Problem sehe ich dabei in Whatsapp-Gruppen. Dort werden Nachrichten verschickt, die nicht immer kindgerecht sind. Ein Beispiel: Neulich hörte ich von einem Vater, das sein Sohn ganz entsetzt ankam, ihm das Handy zeigte und meinte: „Papa, du hast ja Pornos auf dem Handy!“ Was war passiert? Der Sohn hatte eine Nachricht aus der Doppelkopfrunde geöffnet und dort wurden dann hin und wieder schon mal Nachrichten verschickt, die, ich sage mal, im Grenzbereich von Erotik und Humor liegen.

Wie können Eltern solche Peinlichkeiten umgehen?

Beim iPhone gibt es eine Möglichkeit, die ich dafür ideal finde. Das ist der geführte Zugriff. So kann ich eine App öffnen, beispielsweise ein Spiel, drücke dreimal auf den Home-Button, dann lässt sich die App nur noch beenden, wenn die Pin-Nummer eingegeben wird. Das funktioniert übrigens auch bei Whatsapp-Chats. Bei Android-Geräten ist die App-Lock-Funktion vergleichbar. Darüber können Apps mit einem zusätzlichen Passwort gesperrt werden. Überdies lassen sich auf vielen Smartphones auch mehrere Benutzerkonten anlegen, das ist für die Nutzung aber eher umständlich.

Sollten Kinder ein eigenes Smartphone besitzen?

Kinder sollten schon im Grundschulalter auch Zugang zu Messenger oder anderen Apps haben. Dafür brauchen sie aber kein eigenes Smartphone, sondern eher ein Familiengerät.

Und wie ist es mit ausgeschalteten Geräten – gehören die in Kinderhände?

Kinder wollen spielen und sie ahmen dabei nach, was Erwachsene machen. Mit einem ausrangierten Smartphone kann das Kind rumspielen, telefonieren oder einfach auf dem ausgeschalteten Display rumdrücken – es passiert nichts. Das Spielgerät kann auch ein pädagogisches wertvolles aus Holz sein, die Kinder lernen: das Smartphone ist ein Alltagsgegenstand.

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