Kampf gegen "Kopenhagenerei" : Ab aufs Land: Warum Dänemark reihenweise Regierungsbehörden in die Provinz verlegt

Dafür ist Dänemark bekannt: Weiter Himmel, Dannebrog, Dünen. In den Genuss der schönen Landschaft sollen auch mehr und mehr Bedienstete des Staates kommen - die Regierung siedelt Behörden zwangsweise aus Kopenhagen um. Foto: Colourbox/Oliver Hopf
Dafür ist Dänemark bekannt: Weiter Himmel, Dannebrog, Dünen. In den Genuss der schönen Landschaft sollen auch mehr und mehr Bedienstete des Staates kommen - die Regierung siedelt Behörden zwangsweise aus Kopenhagen um. Foto: Colourbox/Oliver Hopf

Mit dem Programm „Gleichgewicht“ will Dänemark Folgen der politischen und sozialen Konzentration auf Kopenhagen begegnen.

shz.de von
07. Juli 2018, 06:00 Uhr

Kopenhagen | Heiß und strahlend hell ist an diesem Mittwochabend im Juni die neue Heimat von Andreea Tibuleac. Das silberne Wasser im Sund schwappt gegen die weißen Rümpfe der Segelyachten. Die bunten Häuser am Sonderburger Hafen leuchten mit dem Himmel um die Wette. Vor dem Kai am Schloss drehen zwei Paddler ihre Runden.

Die 31-jährige Tibuleac ist eine der wenigen, die ihrem staatlichen Arbeitsplatz mit ihrem Mann in die Provinz gefolgt ist. In Kopenhagen war das Wohnen teuer, nun lebt Tibuleac in einem Haus mit Garten und genießt die Natur. „Neulich haben wir einen Straßenflohmarkt veranstaltet. Ich empfinde das Miteinander hier auf dem Land als verbindlicher“, erzählt sie, hat aber ebenfalls bereits bemerkt, dass die Menschen hier beträchtlich neugieriger sind als in der Großstadt – „auf eine liebevolle Weise“, wie die Geografin betont.

Neu in der Kleinstadt: Die Geografin Tibuleac zog ihrer Behörde nach Sonderborg hinterher. Die meisten ihrer Kollegen blieben in der Hauptstadt. Foto: Sara Wasmund
Sara Wasmund
Neu in der Kleinstadt: Die Geografin Tibuleac zog ihrer Behörde nach Sonderborg hinterher. Die meisten ihrer Kollegen blieben in der Hauptstadt. Foto: Sara Wasmund

Sie ist glücklich, aber eine Ausnahme. Sonderborgs Zuzugsbeauftragte Tatjana Rode schätzt die Zahl der behördlichen Umzügler auf maximal zehn Prozent. Die übrigen Stellen, die aus Kopenhagen nach Jütland verlegt worden sind, mussten oder konnten, je nach Sichtweise, mit Bewerbern aus der Region besetzt werden – und es waren viele Stellen. Rund 380 neue Arbeitsplätze sind durch die Verlegung der Landwirtschaftsbehörde in der Kommune im äußersten dänischen Süden entstanden. Diesen Sommer ziehen weitere 20 Jobs der IT-Behörde um.

Sonderburg investierte in Weiterbildungskurse. Rund 80 Bürokräfte der Behörde waren in der Kommune vorher arbeitssuchend gemeldet. Zudem sind Mitarbeiter aus anderen Regionen nach Sonderborg mit seinen 27 000 Einwohnern gezogen. „Alles in allem hat uns die Dezentralisierungsstrategie viel gebracht. Vor allem, weil wir nun weitaus mehr Arbeitsplatzvielfalt zu bieten haben, als zuvor“, sagt Rode.

Vater des Programms ist der rechtsliberale Regierungschef Lars Løkke Rasmussen. Foto: imago/ZUMA Press
Maxym Marusenko
Vater des Programms ist der rechtsliberale Regierungschef Lars Løkke Rasmussen. Foto: imago/ZUMA Press

Als Dänemarks rechtsliberaler Regierungschef Lars Løkke Rasmussen im Jahr 2015 ankündigte, knapp 4000 staatliche Arbeitsplätze aus der Hauptstadt Kopenhagen auf den Rest des Landes zu verteilen, brachen zwar weder Jubelstürme noch Massenproteste aus – das ist schlicht nicht die dänische Art. Doch die Reaktionen waren gespalten. Sie zeigten, wie tief der Keil zwischen Stadt und Land in der dänischen Volksseele sitzt.

Von reinem Populismus mit dem Ziel, den Wählern der konservativen Regierungspartei Genugtuung zu verschaffen, war in den Meinungsspalten der linksliberalen Hauptstadtpresse zu lesen. Von längst überfälligen Maßnahmen gegen die abgehobene „Kopenhagenerei“ schrieben die konservativen Blätter in Jütland.

Dort, auf dem Festland, sitzt das Zentrum der dänischen Agrar- und Industrieproduktion. Und während die Städte und Dörfer dieses Landstrichs ausbluten, drängeln sich die Staatsbeschäftigten und Intellektuellen in Kopenhagen, wo die Wohnkosten kaum noch Grenzen kennen.

Das Motto: Gleichgewicht

Inzwischen wurde bereits die zweite Welle der Dezentralisierung von Behörden angekündigt. „Gleichgewicht“, lautet das Motto. Insgesamt geht es inzwischen um rund 5800 Arbeitsplätze der Verwaltung, die im boomenden Kopenhagen abgebaut werden und andernorts entstehen. Auch beim zweiten Mal war der mediale Aufschrei groß. Im Fernsehen wurden Behördenmitarbeiter gezeigt, die sich nach der Bekanntgabe der Entscheidungen schluchzend fragten, wie sie es nur schaffen sollten, mit der ganzen Familie und ihrer Arbeit in die Provinz überzusiedeln.

Oppositionspolitiker warfen der Regierung vor, vor allem solche Behörden auszulagern, die der Regierungspolitik ein Dorn im Auge seien – zum Beispiel das Institut für Internationale Studien, das die Regierung – meistens kritisch – außenpolitisch berät. Nun arbeiten die Experten regional im Nirwana. Oder der Fall Billund: Die Stadt ist Heimat des berühmten Spielzeugherstellers Lego. Daher, so befand die Regierung, ist sie zugleich auch der ideale Sitz des Kinderschutzbundes „Børnerådet“. Aber wie, fragten dessen Mitarbeiter, sollten sie im 270 Kilometer und zwei Belt-Brücken entfernten Kopenhagen künftig politisch Einfluss nehmen?

Idyllisch, aber zuletzt auf dem absteigenden Ast war Sonderborg. Durch die Verlagerung der Agrar- und der IT-Behörde entstanden 400 neue Arbeitsplätze. Foto: Colourbox/Halfdan Skjerning
{Halfdan Skjerning}
Idyllisch, aber zuletzt auf dem absteigenden Ast war Sonderborg. Durch die Verlagerung der Agrar- und der IT-Behörde entstanden 400 neue Arbeitsplätze. Foto: Colourbox/Halfdan Skjerning

In den begünstigten Kommunen war und ist die Freude dagegen groß. Das Argument, dass die Expertise etwa für Landwirtschaft in den grenznahen Städtchen Tondern und Sonderburg größer sei als in Kopenhagen, nehmen die Bürgermeister bei jeder Gelegenheit in ihre Reden auf und freuen sich, etliche neue Arbeitsplätze entstehen zu sehen. „Die Regierung hat die Klagegesänge aus der Provinz vernommen“, meint Sonderburgs Bürgermeister Erik Lauritzen. Die Dezentralisierung habe den Randbezirken zu neuem Leben verholfen. „Wir werden plötzlich wieder attraktiv“, stellt der Kommunalpolitiker freudig fest.

Der Staub legt sich

Nach dem Abschluss der ersten Verlegungen legt sich langsam der Staub. Ein Befund lautet, dass nur sehr wenige Behördenmitarbeiter aus Kopenhagen umgezogen sind. Der Aufwand der Verlagerung liegt daher über dem erwarteten Maß, weil etliche neue Kollegen eingearbeitet werden müssen. Und während Kopenhagen Tausende Jobs verloren hat, haben die Orte in den ländlichen Räumen jeweils nur selten mehr als eine Handvoll neuer Jobs erhalten. Zu groß war die Streuung als Folge des Versuchs, es allen Recht zu machen.

Eine dritte Sicht der Dinge brachte kürzlich der Schriftsteller Knud Romer ins Spiel. Der Sohn eines Dänen und einer Deutschen wurde mit seinem Roman „Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod“ auch in Deutschland bekannt – und drischt in einem viral gegangenen Interview-Video auf die Politik und deren seiner Ansicht nach völlig verfehlten Prämissen ein.

Stephan Weil: Alles dummes Zeug

Romer macht die Kommunalreform von 2007 mitverantwortlich, die 271 Gemeinden zu 98 verschmolz und 5 von 13 Regionen übrig ließ. Zugleich werde das Bild einer verfallenden Provinz gemalt, das durch die ständige Problematisierung selbstverstärkend wirke. „Sowohl das Kopenhagen- wie auch das Provinz-Bashing sind zwei Seiten derselben Medaille“, wütet der Autor. Der Kampf zwischen Stadt und Provinz – Romer fordert ihn zu beenden: „Es gibt nur ein Land. Kümmert Euch drum!“

Akademiker zwangsweise aufs Land zu schicken: Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) sieht darin Populismus und fühlt sich an die Kulturrevolution unter Mao tse-Tung erinnert. Foto: dpa
dpa
Akademiker zwangsweise aufs Land zu schicken: Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) sieht darin Populismus und fühlt sich an die Kulturrevolution unter Mao tse-Tung erinnert. Foto: dpa

Behörden nach dänischem Vorbild in die Fläche zu verlagern, halten auch die norddeutschen Ministerpräsidenten als Vertreter dieser Fläche für keine gute Idee. „In der Kulturrevolution unter Mao Tse-tung sind Akademiker aufs Land geschickt worden, um mal richtige Arbeit kennenzulernen. Es ist interessant, dass dänische Populisten in dieselbe Richtung denken“, urteilt scharf der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil. „So zu tun, als seien Großstädter automatisch jenseits des wirklichen Lebens unterwegs, während man das wahre Leben nur im ländlichen Raum kennenlernt, ist ähnlich dämlich wie die umgekehrte These, man könne nur in der Großstadt richtig schlau sein“, befindet der Sozialdemokrat und sagt: „Das ist alles dummes Zeug.“

Daniel Günther: Dänen selbst schuld

Daniel Günther (CDU) aus Kiel weist gegenüber unserer Redaktion darauf hin, dass die Dänen eine andere Struktur des öffentlichen Dienstes hätten als Deutschland. „Sie müssen Behörden nur deshalb verlagern, weil sie darunterliegende Strukturen nicht mehr hatten.“ Davon sollte Deutschland nicht lernen. „In einem föderal strukturierten Staat gibt es starke dezentrale Verwaltungsstrukturen und damit mehr Bürgernähe, als es in Dänemark der Fall war“, sagt der Ministerpräsident, in dessen Bundesland auch eine dänische Minderheit lebt.

Neue Behörden in den Osten - das war bei der Deutschen Wiedervereinigung verabredet worden, woran SPD-Vize Manuela Schwesig erinnert. Foto: dpa/Jens Büttner
Jens Büttner
Neue Behörden in den Osten - das war bei der Deutschen Wiedervereinigung verabredet worden, woran SPD-Vize Manuela Schwesig erinnert. Foto: dpa/Jens Büttner

Ein klein wenig anders sieht Manuela Schwesig die Dinge, die in Mecklenburg-Vorpommern regiert. „Aus ostdeutscher Perspektive besteht die Forderung, dass das, was während der deutschen Einheit beschlossen worden ist, nämlich neue Behörden bevorzugt in den neuen Ländern anzusiedeln, endlich eingehalten wird“, erinnert die SPD-Politikerin an Verabredungen aus der Wendezeit. „Man kann jetzt sicher nicht das Verteidigungsministerium nach Demmin verlagern. Aber unsere Erwartung ist, dass bei der Neuansiedlung von Behörden und Einrichtungen wie dem Bundesfernstraßenamt oder dem neuen Kompetenzzentrum Holz, die ostdeutschen Länder berücksichtigt werden.“

'Wir werden plötzlich wieder attraktiv': Bürgermeister Lauritzen empfiehlt das dänische Vorgehen als Vorbild. Foto: Karin Riggelsen
Karin Riggelsen
"Wir werden plötzlich wieder attraktiv": Bürgermeister Lauritzen empfiehlt das dänische Vorgehen als Vorbild. Foto: Karin Riggelsen

Bürgermeister Lauritzen kennt zudem die Argumente der Kritiker. Sie befürchten beispielsweise, dass es durch die Umzüge der Behörden zu Verzögerungen bei der Bearbeitung von Projekten kommt. Sie fragen auch nach der Qualifikation und Einarbeitungszeit der neuen Beschäftigten. „Es gibt Kommunen, wo weiterhin Angestellte fehlen und es zu Lücken kommt“, gesteht Lauritzen ein, aber: „Alles in allem wird die Strategie dem ganzen Land mehr nützen als schaden.“

Sonderborg selbst nutzte das Programm in einer schwierigen Zeit. Die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 kostete die Kommune nicht nur Arbeitsplätze in beträchtlicher Zahl, sondern auch Einwohner. Zwischen 2007 und 2008 kippte die Zugbilanz ins Negative, 2010 gab es 3100 Wegzügler, aber nur 2850 Zuzügler. 2016 zählte die Gemeinde dann 3300 Neubürger – 200 mehr, als der Gemeinde den Rücken gekehrt hatten.

„Generell wäre es gut daran zu denken, landesweit aktive Organisationen und Verbände dezentral zu platzieren“, empfiehlt Lauritzen mit Blick auf andere Behörden und Regionen. „In einer digitalisierten Welt fällt es sehr viel leichter, über Distanzen hinweg zu kommunizieren“, so der Verwaltungsfachmann.  

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