Türkische Gemeinde : Vor dem NSU-Urteil: Die Wunden sind nicht verheilt

Die Opfer des NSU: (oben, v.l.) Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic und die Polizistin Michele Kiesewetter, sowie (unten, v.l) Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik und Halit Yozgat.
Die Opfer des NSU: (oben, v.l.) Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic und die Polizistin Michele Kiesewetter, sowie (unten, v.l) Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik und Halit Yozgat.

Die Mord- und Anschlagserie des NSU hat Narben bei Betroffenen hinterlassen. Opfer seien zu Tätern gemacht worden.

shz.de von
10. Juli 2018, 22:39 Uhr

Köln/München | Unmittelbar vor dem Münchener Urteil im NSU-Prozess haben Betroffene vor einem Schlussstrich gewarnt und weitere Aufklärung angemahnt. Die Kölner Initiative "Keupstraße ist überall" kritisierte am Dienstag: "Es bleiben mehr Fragen als Antworten". Mit einem Urteil gegen Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte sei die Aufarbeitung der Verbrechen des NSU ("Nationalsozialistischer Untergrund") nicht abgeschlossen. Die Initiative plant für Mittwoch ein Programm "gegen das Vergessen" sowie eine Live-Schalte nach München, wo Überlebende und Vertreter der Keupstraße den Ausgang des fünfjährigen Verfahrens vor Gericht verfolgen wollen.

In der türkisch dominierten Kölner Keupstraße hatte im Juni 2004 eine Nagelbombe 22 Menschen verletzt, einige sehr schwer. In Dortmund wurde im April 2006 der Kioskbesitzer Mehmet Kubasik erschossen. Dessen Tochter Gamze Kubasik verlangte weitere Untersuchungen zum rechtsextremen Terrornetzwerk. In München sagte sie, Mörder hätten Unterstützer vor Ort gehabt. "Ich möchte, dass alle Helfer, die man kennt, angeklagt werden."

In der türkisch dominierten Kölner Keupstraße hatte im Juni 2004 eine Nagelbombe 22 Menschen verletzt, einige sehr schwer.
dpa/Federico Gambarini
In der türkisch dominierten Kölner Keupstraße hatte im Juni 2004 eine Nagelbombe 22 Menschen verletzt, einige sehr schwer.

Rechtsanwalt Sebastian Scharmer, der Kubasik im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht vertritt, bezeichnete die These vom "abgeschotteten, isolierten NSU-Trio", das allein für alle zehn Morde verantwortlich sein solle, als "Mythos". Helfer und womöglich weitere Mittäter "laufen auch heute noch frei herum", vermutete Scharmer.

Auch viele Jahren nach den Morden und Anschlägen des NSU seien die Wunden nicht verheilt, sagte Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), der Deutschen Presse-Agentur. Opfer und Familienangehörige seien über Jahre hinweg wie Täter behandelt worden.

Die Taten des NSU.
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Die Taten des NSU.

Die Ermittler vermuteten auch in Köln in der "Türkenstraße" lange eine Tat im kriminellen Milieu – Schutzgelderpressung oder eine Familienfehde. Gerade im Betroffenen-Umfeld in der Keupstraße hätten sich viele Menschen enttäuscht zurückgezogen und sich nicht mehr geäußert. Die Ermittler hätten sie nur deshalb lange verdächtigt, weil sie türkische Wurzeln haben, kritisierte Sofuoglu. "Andere versuchen bis heute Antworten zu bekommen: warum mein Ehemann, warum mein Vater?"

"Es darf mit dem Urteil keinen Schlussstrich geben"

Das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden sei beschädigt, was auch ein "normales" Zusammenleben zwischen Deutschen und Türkeistämmigen erschwere, betonte der TGD-Chef. Er mahnte: "Es darf mit dem Urteil keinen Schlussstrich geben." Es blieben noch viele offene Fragen und Lücken, längst nicht alle Verantwortliche seien zur Rechenschaft gezogen.

Den Ermittlungen zufolge hatten die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit Zschäpe lange im Untergrund gelebt, zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordet und zwei Sprengstoffanschläge verübt. Mundlos und Böhnhardt töteten sich 2011. Das Urteil gegen Zschäpe soll am Mittwoch fallen.

Die Angeklagten im NSU-Prozess.
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Die Angeklagten im NSU-Prozess.


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