Angst vor Krawalltouristen : Vor Ort in Chemnitz: "Ich schäme mich dafür, was hier passiert"

Am Donnerstag kommt Ministerpräsident Kretschmer nach Chemnitz. In unmittelbarer Nähe findet eine Kundgebung der rechten Bürgerbewegung 'Pro Chemnitz' statt. Es besteht die Gefahr einer erneuten Eskalation. Foto: imago/Michael Trammer
Am Donnerstag kommt Ministerpräsident Kretschmer nach Chemnitz. In unmittelbarer Nähe findet eine Kundgebung der rechten Bürgerbewegung "Pro Chemnitz" statt. Es besteht die Gefahr einer erneuten Eskalation. Foto: imago/Michael Trammer

Sachsen macht mal wieder als Hochburg der Rechtsextremen Schlagzeilen. Unser Reporter hat sich vor Ort umgehört.

shz.de von
30. August 2018, 17:12 Uhr

Chemnitz | Die Stadt Chemnitz und ihre Bürger haben in den vergangen Tagen viel erlebt. Die Demonstrationen nach dem mutmaßlichen Totschlag eines 35-Jährigen am vergangenen Sonntag haben verdeutlicht, dass viele Sachsen sich nicht mehr adäquat durch ihre Landesregierung und Polizei vertreten oder geschützt fühlen.

So ist die Stimmung in Chemnitz

Durch die zurückliegenden Tage steht Chemnitz im bundesweiten Fokus. Doch die öffentliche Debatte geht zumeist über die Köpfe der Menschen aus der sächsischen Freistadt hinweg. In den Medien wird dabei oft über den Kampf zwischen Linken und Rechten gesprochen. Jedoch wird diese schwarz-weiß Malerei der Situation in Chemnitz kaum gerecht. Manche Chemnitzer fühlen sich aufgrund der steigenden Kriminalität nicht mehr sicher – sind aber deshalb nicht automatisch rechts. Und andere stellen sich den gewaltbereiten Neonazis, die den Tod eines jungen Mannes für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen, in den Weg – sind deshalb aber nicht gleich links.

Fuat Kilicoglo lebt seit 13 Jahren in Chemnitz. Er hat keine Angst und macht den Ausländern in der Stadt Vorwürfe. Foto: Tobias Bosse
Tobias Bosse
Fuat Kilicoglo lebt seit 13 Jahren in Chemnitz. Er hat keine Angst und macht den Ausländern in der Stadt Vorwürfe. Foto: Tobias Bosse

Vor Ort in Chemnitz sprechen die Bürger über "die schlimmen Ereignisse des vergangenen Tage". So formuliert es eine ältere Frau, die ihren Namen hier nicht lesen will. Sie lebt seit 50 Jahren in der früheren Karl-Marx-Stadt. "Ich schäme mich schon dafür, was hier passiert ist in den letzten Tagen." Sie sagt aber auch: "Es sind aber nicht nur Chemnitzer, die hier Ärger machen. Viele wollen einfach etwas erleben und reisen extra an." Sie hat Angst vor Krawalltourismus.

Fuat Kilicoglo lebt seit 13 Jahren in Chemnitz. Der 41-Jährige arbeitet selbstständig als Fahrer und hat ausländische Wurzeln. Er fühlt sich sicher in Chemnitz. "Hier gibt es zwar Rechte, ja, aber keine Nazis", sagt Kilicoglo. Er schiebt den schwarzen Peter den "Ausländern" zu. "Die trinken Alkohol und gehen klauen", sagt er. Auch die Medien kommen nicht gut weg. Ihnen wirft er Stimmungsmache gegen Chemnitz und dessen Bürger vor.

Frau Klein wohnt seit ihrer Geburt in Chemnitz. Sie hat am Sonntag gesehen, wie eine "radikale Gruppe" ausländisch aussehende Frauen mit kleinen Kindern verfolgt hat. "So extrem hab ich das noch nicht erlebt", sagt sie. Klein ist entsetzt über das Geschehen am vergangenen Wochenende.

Rechtsradikale demonstrieren schon wieder in Chemnitz

Mitten rein in diese aufgeladene Stimmung platzt am Donnerstag das "Sachsengespräch" – eine offene Gesprächsrunde mit dem Ministerpräsidenten Michael Kretschmer – im Stadion des Chemnitzer FC statt, zu der alle Bürger eingeladen sind. Für die rechtspopulistische Bürgerbewegung "Pro Chemnitz" kommt dieser Termin gerade recht.

Bereits am Montagabend hatten es die Verantwortlichen von "Pro Chemnitz" innerhalb weniger Stunden geschafft, mehrere Tausend Demonstranten auf die Straße zu bringen, um gegen die Politik der Landes- sowie Bundesregierung zu demonstrieren. Darunter waren auch zahlreiche gewaltbereite Rechtsradikale. Die Polizei war auf die Auswüchsen dieses Aufmarschs nicht vorbereitet und verlor im Laufe des Abends zunehmend die Kontrolle über die Geschehnisse, in dessen Folge 20 Menschen verletzt wurden.

Bei der 'Pro Chemnitz'-Veranstaltung am Montag gab es bereits Ausschreitungen. Dieses Mal hat die Polizei aufgestockt. Foto: imago/Michael Trammer
Michael Trammer
Bei der "Pro Chemnitz"-Veranstaltung am Montag gab es bereits Ausschreitungen. Dieses Mal hat die Polizei aufgestockt. Foto: imago/Michael Trammer

Nach diesem gefühlten Erfolg für "Pro Chemnitz" hat das rechte Bündnis erneut eine Demonstration bei der Stadt angemeldet – für 500 Personen am Donnerstagabend, direkt gegenüber des "Sachsengesprächs". Der Aufruf zur Demonstration wurde bis Donnerstagmittag mehr als 3000 Mal auf Facebook geteilt. Man wolle dem Ministerpräsidenten einen angemessenen Empfang bereiten, lautet die Beschreibung des Aufrufs.

Die Polizei stockt auf

Doch dieses Mal möchte sich die Polizei nicht in ihrer eigenen Stadt vorführen lassen und hat, nachdem die Hilfe des Landes Niedersachsen zuvor noch dankend abgelehnt wurde, polizeiliche Unterstützung aus benachbarten Bundesländern sowie der Bundespolizei angefordert. Bundesinnenminister Horst Seehofer hatte die Hilfe der Bundesbeamten nach den Ausschreitungen am Montag angeboten.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen