Vermittler in der Partyszene : "Voll Bock auf den Job" – Deutschlands erster Nachtbürgermeister

Hendrik Meier (27) wurde zum ersten Nachtbürgermeister (Night Mayor) in Deutschland gewählt. Vom 1. August an soll er in Mannheim 50 Stunden im Monat bei Konflikten im Nachtleben, etwa zwischen Partygästen und ruhebedürftigen Anwohnern, vermitteln. Foto: dpa/Benedikt Spether
Hendrik Meier (27) wurde zum ersten Nachtbürgermeister (Night Mayor) in Deutschland gewählt. Vom 1. August an soll er in Mannheim 50 Stunden im Monat bei Konflikten im Nachtleben, etwa zwischen Partygästen und ruhebedürftigen Anwohnern, vermitteln.

In Partyvierteln kommt es oft zu Konflikten. In Mannheim soll ein Nachtbürgermeister die Interessen ausbalancieren.

shz.de von
20. Juli 2018, 22:00 Uhr

Mannheim | Um 20.20 Uhr ist es endlich so weit: Nach mehreren Auswahlrunden wird in einem Mannheimer Club am Donnerstagabend der Name des bundesweit ersten Nachtbürgermeisters verkündet - Hendrik Meier, 27 Jahre, Student. Markenzeichen: blonder Dreitagebart und hipper Dutt auf dem Hinterkopf. "Ich habe voll Bock auf den Job", sagt der junge Mann, dem eine Jury und das Publikum im "Chaplin" das neue Amt zutrauen. Bis Ende 2019 wird er nun die Nacht zum Tag machen und zwischen Clubs und Stadtverwaltung sowie zwischen Clubs, Partygängern und Anwohnern vermitteln, die Akteure des Nachtlebens vernetzen und als Anlaufstelle für Beschwerden aller Art dienen.

Im Gegensatz zu etlichen seiner Mitbewerber ist Meier gar kein "Mannemer", sondern Nürnberger und erst vor zwei Jahren in die Quadratestadt gekommen. Aber der Jüngste unter allen acht männlichen Finalisten hat sehr konkrete Ziele für seinen auf 50 Stunden pro Monat begrenzten Job. Im Vordergrund steht für ihn die Sicherheit: So ärgern ihn die Scherben vor den Partylocations, deshalb will er Pfandkisten aufstellen lassen. Den Verkehr vor allem im Vergnügungsviertel Jungbusch möchte er mit einer Blitzeranlage entschleunigen. Ihm schwebt auch ein Nachtticket vor, so dass die Nachtschwärmer für 1,50 Euro sicher nach Hause kommen. Er will auch dafür sorgen, dass leerstehende Räume kulturell genutzt werden. Durstgeplagte Partygänger sollen kostenlos frisches Wasser erhalten.

Bodenständige Ideen und Fachwissen

Der Praxisbezug und seine Jugendlichkeit nahmen die Jury für Meier ein. Auch beim Publikum holte sich der Mann in Sweatshirt, Jeans und Sneakern mit seiner dreiminütigen Präsentation die meisten Stimmen. Seine bodenständigen Ideen sind gepaart mit Wissen um die Materie: An der Popakademie Mannheim verfasst er gerade seine Masterarbeit zum Thema Veranstaltungswirtschaft in der Metropolregion Rhein-Neckar.

Der Begriff Nachtökonomie fällt häufig an diesem Abend. Ein sicheres, störungsfreies Nachtleben ist auch im Sinne der Betreiber von rund 120 Bars und Clubs in der Stadt. Aus Sicht der Industrie- und Handelskammer ist ein vielfältiges kulturelles Angebot ein Wirtschafts- und Standortfaktor, der auch dringend benötigte Fachkräfte anzieht. "Der Night Mayor ist eine Stärkung der Nachtkultur und Nachtökonomie", meint auch Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD). Ziel sei eine bessere Vernetzung der Szene mit der Stadtverwaltung. Auf Meier entfielen nicht alle Stimmen der achtköpfigen Jury: DJ Albert Gerstmeier erhielt zwei Voten, eine Stimme die Grafikerin Annika Rotundo, eine von zwei weiblichen Bewerbern. Ursprünglich hatten sich 40 Männer und Frauen um das mit 1200 Euro brutto entlohnte Amt beworben.

Vorbild Amsterdam

Mit dem "Night Mayor" zieht die "Unesco City of Music", wie sich Mannheim seit 2014 nennen darf, gleich mit New York, London und Zürich. In Amsterdam trat 2012 mit Mirik Milan der erste Nachtbürgermeister weltweit an. Sein Konzept zeigte Wirkung: Während seiner Amtszeit bis Mitte dieses Jahres gingen die alkoholbedingte Gewalt sowie das Wildpinkeln und Grölen im Vergnügungsviertel Rembrandtplein spürbar zurück.

In Mannheim sind die Probleme sicher nicht so groß wie in Amsterdam und auch nicht wie im nahen Heidelberg, wo seit Jahren um Sperrzeiten für Lokale in der lärmgeplagten Altstadt gestritten wird. Gespannt schaut man in der Universitätsstadt jetzt auf den Mannheimer Vorstoß.

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