Streik bei Billigairline : Ryanair-Chef: Forderungen deutscher Gewerkschaften "aberwitzig"

Mitarbeiter der Fluglinie Ryanair haben sich zu einem 24 Stunden dauernden Warnstreiks vor dem Check-in Schalter der irischen Fluggesellschaft versammelt haben. Foto: dpa/Silas Stein
Mitarbeiter der Fluglinie Ryanair haben sich zu einem 24 Stunden dauernden Warnstreiks vor dem Check-in Schalter der irischen Fluggesellschaft versammelt haben. Foto: dpa/Silas Stein

Verdi probt den Aufstand: Und glaubt man der Gewerkschaft, muss es nicht bei diesem ersten Streik bleiben.

shz.de von
12. September 2018, 10:55 Uhr

Frankfurt | In Deutschland haben Mitarbeiter der irischen Billigairline Ryanair in der Nacht zum Mittwoch einen 24-stündigen Streik begonnen. Mehrere Maschinen seien am Boden geblieben, sagte eine Verdi-Sprecherin am Mittwochmorgen in Frankfurt am Main. Verdi in Berlin sprach von einer hohen Streikbereitschaft an den Flughäfen Tegel und Schönefeld. Das Flugpersonal folgte einem Aufruf der Gewerkschaften Vereinigung Cockpit (VC) und Verdi. Der Ausstand soll bis Donnerstag um 02.59 Uhr dauern.

Auf den Flugverkehr in Hamburg dürfte der Streik kaum Auswirkungen haben. Bei lediglich 2 von insgesamt 14 geplanten Ryanair-Flügen erwarte man am Mittwoch Ausfälle, hieß es am Mittwochmorgen vom Flughafen. Betroffen sei am Abend je ein An- und ein Abflug von beziehungsweise nach London.

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Der Chef der irischen Billig-Airline Ryanair, Michael O'Leary, hat die Forderungen deutscher Gewerkschaften teilweise als "aberwitzig" bezeichnet. Das sagte der Ryanair-Chef bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in London. Raum für eine Annäherung sah O'Leary trotz des Streiks nicht. Darüberhinaus hat Organisationschef Peter Bellew mit dem Abzug von Flugzeugen und Jobs gedroht. Fortgesetzte Streiks über viele Tage in den kommenden Monaten würden das Geschäft in Deutschland zerstören. Das könnte das Unternehmen dazu bringen, einzelne Flugzeuge aus den kleineren, ertragsschwächeren Standorten herauszunehmen. An die Schließung ganzer Basen sei hingegen eher nicht gedacht.

Streiks in Deutschland

Laut der Pilotengewerkschaft VC soll der Arbeitskampf vor allem die großen Ryanair-Standorte lahmlegen. "Es sind alle zwölf deutschen Basen betroffen, besonders die großen in Frankfurt/Rhein-Main, Hahn und an den Berliner Flughäfe", sagte der Vizechef der Vereinigung Cockpit (VC), Markus Wahl. "Da kommt es verstärkt zu Ausfällen." Bei dem Arbeitskampf geht es um erstmalig abzuschließende Tarifverträge für höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen.

Die Fluggesellschaft hatte nach der Ankündigung 150 von 400 geplanten Flügen von und nach Deutschland gestrichen und nach eigenen Angaben alle betroffenen Passagiere informiert. Die übrigen Flüge fänden statt, hatte Ryanair-Organisationschef Peter Bellew noch am Dienstag versprochen. Eine Liste der gestrichenen Flüge veröffentlichte die Airline zunächst nicht.

Kein Schadenersatz geplant

Die größten Basen in Deutschland sind Frankfurt, Berlin sowie Weeze in Nordrhein-Westfalen. Insgesamt fliegt Ryanair zu 19 Flughäfen in Deutschland, an denen es am Mittwoch zu Ausfällen kommen kann.

Die betroffenen Passagiere können kostenfrei umbuchen oder den Ticketpreis zurückerhalten, wie Ryanair mitteilte. Darüber hinausgehenden Schadenersatz lehnt die Gesellschaft unter Hinweis auf EU-Recht ab und lässt es in dieser Frage auf einen Prozess mit dem Flugrechteportal AirHelp ankommen.

Streikende Mitarbeiter und ihre Plakate in Frankfurt.
dpa/Silas Stein
Streikende Mitarbeiter und ihre Plakate in Frankfurt.

Bei einem ersten Streik der Piloten am 10. August hatte Ryanair von sich aus 250 deutsche Flüge abgesagt und die Kampfbereitschaft der VC-Crews nicht final getestet.

Für Verdi ist es der erste Streik bei Ryanair. Die Gewerkschaft will weitere Arbeitskämpfe folgen lassen, wenn die Fluggesellschaft kein Entgegenkommen zeigt. "Das ist ein erster Warnstreik. Wie es weitergeht, hängt vom Verhandlungsverlauf ab", sagte Vorstandsmitglied Christine Behle am Dienstag in Berlin. Mit der Vereinigung Cockpit sei man zwar nicht immer einer Meinung, versuche sich aber abzustimmen. "Wir wollen zeigen, dass sich beide Berufsgruppen nicht auseinanderdividieren lassen."

Drohungen von Ryanair

Verdi-Verhandlungsführerin Mira Neumaier nannte das Tarifangebot für die Flugbegleiter nach zwei Verhandlungsrunden völlig unzureichend. Das Basisgehalt solle nach dem Ryanair-Angebot über einen Zeitraum von drei Jahren nur um 41 Euro monatlich angehoben werden. Bei den Piloten konnten sich beide Seiten weder auf ein Schlichtungsverfahren noch auf die Person eines Schlichters einigen.

Der Billigflieger kontert die gemeinsamen Crew-Streiks mit Drohungen: Gerade an kleineren Standorten würden fortgesetzte Arbeitskämpfe zu Verlusten führen, die Ryanair nicht tragen könne, sagte Bellew. In ihrem Heimatland Irland hatte die Gesellschaft mit dem Abzug von mehreren Jets nach Polen gedroht. Nach fünf Streikwellen der Piloten und einer Einigung mit der dortigen Gewerkschaft wurde diese Entscheidung wieder zurückgenommen.

Verdi plant harten Schlag

Grundsätzlich wolle man aber in Deutschland seinen Marktanteil von derzeit knapp 10 auf 20 Prozent steigern, kündigte Marketing-Chef Kenny Jacobs an. Dafür wolle das Unternehmen mit den Gewerkschaften Verträge abschließen. Man sei mit der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit nah beieinander gewesen, sagte Bellew. Die VC habe ferner bei der Lufthansa-Tochter Eurowings längst niedrigere Gehälter akzeptiert, als sie nun bei Ryanair fordere.

Die Gewerkschaften wollen die Airline hart treffen. "Es wird für Ryanair am Mittwoch sehr schwierig, noch Flugzeuge aus Deutschland zu bewegen", sagte VC-Sprecher Markus Wahl der Deutschen Presse-Agentur. Man rechne aber damit, dass Ryanair Maschinen und Crews aus anderen Ländern kurzfristig nach Deutschland schicke, wie es bei einem ersten Warnstreik kurz vor Weihnachten geschehen war. Bellew sagte hingegen, dass man auf diese Maßnahme verzichten wolle, um das stramme Flugprogramm im übrigen Europa aufrechtzuerhalten.

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