Auch in Hamburg deutliche Zunahme : So viele Nachtflüge wie noch nie in Deutschland – woran liegt das?

Die Halbjahresbilanz 2018 zeigt, dass immer mehr Fluggesellschaften das Nachtflugverbot am Hamburger Airport missachten.
Die Halbjahresbilanz 2018 zeigt, dass immer mehr Fluggesellschaften das Nachtflugverbot am Hamburger Airport missachten.

Die Zahl der Nachtflüge hat einen neuen Rekordstand erreicht. Für Anwohner sind die nächtlichen Flüge eine Belastung.

shz.de von
09. Juli 2018, 16:57 Uhr

Berlin | Nachdem das Jahr 2017 schon mit 3,2 Millionen Flügen im deutschen Luftraum einen Rekord verbuchte, setzt sich der Trend 2018 fort: Nie gab es mehr Flüge in einem Halbjahr wie in dieser ersten Jahreshälfte, meldete vor einigen Tagen die Deutsche Flugsicherung (DFS). Jetzt steht fest, auch die Zahl der Nachtflüge hat deutlich zugelegt. Fragen und Antworten zur Entwicklung im Überblick:

Wie kommt der Flugrekord zustande?

Für den Rekord ist hauptsächlich der Anteil der Überflüge verantwortlich, also Maschinen, die nicht in Deutschland starten oder landen. Seit Jahren steigt ihre Zahl, da im europäischen Ausland immer mehr Verbindungen angeboten werden. Im ersten Halbjahr 2018 waren rund 40 Prozent (618.510 Flüge) des Flugaufkommens über Deutschland Überflüge. Zugenommen hat auch der Anteil der Starts und Landungen an den 16 von der DFS kontrollierten Flughäfen: Er macht rund 50 Prozent des Verkehrsaufkommens (807.720 Flüge) aus – ein Zuwachs um 1,4 Prozent im Vergleich zu 2017. Die übrigen zehn Prozent entfallen auf innerdeutsche Verbindungen (163.770 Flüge). Ihr Anteil stagniert laut der DFS.

Zu welchen Zeiten dürfen Flugzeuge starten und landen?

An vielen deutschen Flughäfen gelten unterschiedliche Nachtflugbeschränkungen. Sie setzen zwischen 22 und 23:30 Uhr ein und enden zwischen fünf und sechs Uhr. Es gibt jedoch Ausnahmeregelungen, etwa wenn eine Maschine verspätet ist, oder wenn ein Flugzeug die strengste Lärmschutzordnung erfüllt.

Der Hamburger Airport verfügt über eine Betriebsgenehmigung, die zwischen 6 und 23 Uhr planmäßige Flüge zulässt. Von 23 Uhr bis Mitternacht dürfen nur unvermeidbar verspätete Flüge gegen Lärmentgelt abgewickelt werden. Um zwischen 0 Uhr und 6 Uhr zu verkehren, sind kostenpflichtige Ausnahmegenehmigungen fällig. 2017 gab es nach Angaben der Stadt rund 8400 Flüge nach 22 Uhr, darunter 143 zwischen 0 und 6 Uhr. Das sind 63 Prozent mehr als noch 2011.

Wie entwickelt sich die Zahl der Nachtflüge?

2017 gab es in Deutschland so viele Nachtflüge wie noch nie: 215.843 Starts und Landungen an den 16 internationalen deutschen Verkehrsflughäfen – das ist Rekord. Im Vergleich zu 2016 entspricht das einem Plus von rund 14.000. Das hat die "Rheinische Post" am Montag berichtet, die sich auf eine ihr vorliegende Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion bezieht. 2007 lag die Zahl der Nachtflüge demnach mit 193.434 noch unter der 200.000-Marke.

Der Bundesverband der deutschen Fluggesellschaften verweist dabei auf international wettbewerbsfähige Betriebszeiten an deutschen Flughäfen sicherzustellen.

Wie kommt es zu der Verlagerung in die Nachtstunden?

Nach einer Analyse der Grünen wurden viele Flüge vor allem in den vergangenen fünf Jahren in die Nachtstunden verlagert. Dass die Nachtflüge zunehmen, liege zum einen am Wachstum im Luftverkehr insgesamt, zum anderen daran, dass die Behörden gegen Verspätungen und Verfrühungen nicht genug unternähmen. Der Hamburger Flughafen betont dagegen, dass oft schon eine kleine Verzögerung reiche, zum Beispiel durch ein Unwetter, eine technische Störung oder einen medizinischen Notfall, um eine Verspätung herbeizuführen.

Wieso sind Nachtflüge ein Problem?

Für Bewohner in der Einflugschneise sind die nächtlichen Flüge eine Belastung. Lärm während der Nachtruhe kann zu gesundheitlichen Problemen führen. Im Jahr 2018 sind daher bislang fast 30.000 Beschwerden über Fluglärm eingegangen, berichtet der Hamburger Senat in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Dennis Thering.

Wie reagieren die Fluggesellschaften?

Um die Nachfrage zu decken, setzten viele Airlines vermehrt größere Flugzeuge, in die mehr Passagiere passen. Auf der einen Seite reduziert das die Anzahl der Starts und Landungen deutlich. Auf der anderen Seite haben die größeren Flugzeuge eine höhere Lärmklasse. "Weniger Flüge haben mehr Lärm erzeugt", fasst der Umweltverband BUND das Dilemma in seinem Fluglärmreport 2017 zusammen.

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