Nach Medizinskandal in Bottrop : So kontrolliert Schleswig-Holstein Krebsapotheken

Die Überprüfung der Zytostatika-herstellenden Apotheken in Deutschland ist föderal organisiert. Foto: dpa
Die Überprüfung der Zytostatika-herstellenden Apotheken in Deutschland ist föderal organisiert. Foto: dpa

Das Geschäft mit Krebspatienten ist korrumpierbar – wo Lücken sind und wie Schleswig-Holstein damit umgeht.

shz.de von
10. Juli 2018, 16:33 Uhr

Hamburg | Eineinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind an Krebs erkrankt, eine Viertelmillion kommt jährlich hinzu. Die Behandlung krebskranker Patienten ist ein Milliardengeschäft, das nicht aufhört zu wachsen. Allein die Therapien verschlingen pro Jahr etwa vier Milliarden Euro.

Der Markt teilt sich im Wesentlichen unter ein paar Dutzend Pharmahändlern, 1500 niedergelassenen Onkologen sowie Hämatologen und knapp 300 sogenannten Zytostatika-Apotheken (auch Krebsapotheken genannt) auf. Zytostatikum ist eine Substanz, die die Entwicklung und Vermehrung schnell wachsender Zellen hemmt.

Ein System, das nicht erst seit dem erschreckenden Fall des bottroper Apothekers Peter S. von vielen Seiten kritisch beäugt wird, weil es viel Spielraum für Korruption bietet. Die Investigativ-Journalisten Niklas Schenck und Oliver Schröm nannten diese Strukturen in ihrem Bestseller bereits vor dem Fall "Die Krebsmafia".

"Verschreibungsmacht": Die Abhängigkeit vom Onkologen

Aber wie funktioniert das schmutzige Geschäft mit dem sich skrupellose Ärzte, Apotheker und Pharmahändler auf dem Rücken krebskranker Menschen bereichern können? Grundsätzlich hat jeder Patient in Deutschland das Recht auf freie Apothekerwahl, nicht so in diesem Fall: Denn nach der Krebsdiagnose hat der behandelnde Onkologe zunächst eine gewisse "Verschreibungsmacht", indem er entscheidet, bei welcher der nur knapp 300 Krebsapotheken in Deutschland der Patient seine individuellen Krebsmedikamente erhält.

Hier besteht bereits die erste Anfälligkeit des Systems: Weil die Zusammensetzung der Chemotherapien so komplex ist, ist die Apothekerwahl ganz offiziell Sache des Arztes. Dieses Vorgehen erleichtert allerdings finanzielle Absprachen zwischen Arzt und Apotheker. Der Vorwurf: Pharmahändler choreografieren das Zusammenspiel von Ärzten und Apothekern für ihre meist gewinnorientierten Zwecke.

Dabei wird eine Lücke im Gesetz genutzt, die von Panorama und "Stern" aufgedeckt wurde und folgendermaßen funktioniert: Zwei Apotheker bieten einem Onkologen ein Dreiecks-Geschäft an. Der Arzt soll seine Rezepte künftig bevorzugt bei einem der beiden Apotheker einreichen. Der andere Apotheker gewährt dem Arzt daraufhin ein "Darlehen". Von einer Rückzahlung ist allerdings nie die Rede. Damit soll der Geld-Rückfluss getarnt werden, um das neue Antikorruptionsgesetz zu umgehen – das nur dazu erlassen wurde, um genau solche illegalen Machenschaften zu unterbinden. Entsprechend ist es wichtig, dass das Geschäft von außen nicht nachvollziehbar ist.

Ein zentrales Überwachungsorgan existiert nicht

Dass Handlungsbedarf für die Politik besteht, ist offensichtlich – das Bundesministerium für Gesundheit verweist jedoch an die Bundesländer: "Die Überwachung der Apotheken obliegt den zuständigen Behörden der Länder und richtet sich nach den bereits existierenden bundesweiten Vorschriften des Arzneimittelgesetzes", erklärt eine Sprecherin gegenüber unserer Redaktion. Die zuständige Behörde müsse sich davon überzeugen, "dass die einschlägigen Vorschriften insbesondere des Arzneimittel- und Apothekenrechts beachtet werden".

Auch die Apothekerschaft sowie die Apothekenaufsicht sind nach eigenen Angaben föderal organisiert. Eine zentrales, bundesweites Überwachungsorgan existiere nicht, teilt Dr. Ursula Sellerberg, Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, mit. Und dies, obwohl Krebsapotheken ihre Medikamente häufig in mehrere Bundesländer ausliefern, wie auch der Bottroper Apotheker Peter S. es jahrelang tat. Die Ländervertreter treffen sich zwar zwei- bis drei Mal pro Jahr, um sich über eine Vereinheitlichung der Kontrollen und Regeln zu verständigen, die Verfahrensweisen unterscheiden sich aber dennoch.

Deshalb hat Nordrhein-Westfalen nach dem Fall von Peter S. auf eigene Faust gehandelt, indem das Bundesland die Überwachung der Krebsapotheken per Gesetz verschärfte und beispielsweise unangekündigte Überprüfungen einführte. Bis dahin wurden Krebsmittel herstellende Apotheken nur alle zwei bis drei Jahre kontrolliert – und dies in der Regel nur nach Vorankündigung.

So kontrolliert Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein sind 18 Apotheken für die Zytostatika-Herstellung zugelassen. Diese werden regelhaft alle zwei Jahre untersucht, versichert eine Sprecherin des Ministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren Schleswig-Holsteins. Seit Beginn des Jahres kontrolliere man diese zusätzlich unangekündigt.

"Die Kontrollen sollen bis zum Ende des Jahres abgeschlossen sein. Wenn sich im Verlauf von Prüfungen Anzeichen für Unregelmäßigkeiten ergeben, wird diesen auf geeignetem Wege durch die entsprechende Behörde nachgegangen. Erst nach vollständigem Abschluss derartiger Prüfungen können Aussagen zu den Ergebnissen getroffen werden", erklärt Christine Schulze-Grotkopp , Leiterin des Stabsbereichs.

Die Prüfung der Zytostatika-herstellenden Apotheken werde durch staatliche, qualifizierte GMP-Inspektoren (Good Manufacturing Practice, Standard nach EU-Vorgaben) inspiziert. Die unangekündigten Kontrollen seien eine Konsequenz aus den Verdachtsfällen in Bottrop.

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