Kunstfreiheit in Deutschland : Verbot gekippt: Hakenkreuze in Computerspielen ab sofort erlaubt

Bisher wurden Hakenkreuze in Computerspielen für den deutschen Markt meist entfernt, wie dieses Artwort aus der Neuauflage von 'Wolfenstein' zeigt. Foto: Bethesda
Bisher wurden Hakenkreuze in Computerspielen für den deutschen Markt meist entfernt, wie dieses Artwort aus der Neuauflage von "Wolfenstein" zeigt. Foto: Bethesda

Die USK ändert ab sofort ihren Umgang mit verfassungsfeindlichen Symbolen in Computerspielen.

shz.de von
09. August 2018, 15:11 Uhr

Hamburg | Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) kann künftig in Einzelfällen trotz der Darstellung verfassungsfeindlicher Symbole – etwa Hakenkreuze oder SS-Runen – in Computerspielen eine Altersfreigabe erteilen – auch rückwirkend. Grund ist eine veränderte Rechtsauffassung der zuständigen Obersten Landesjugendbehörde, die den aktuellen rechtlichen Bewertungen Rechnung trägt. Damit werden 20 Jahre alte Gerichtsentscheidungen zum "Präzedenzfall Wolfenstein" hinfällig.

Seit wann sind Hakenkreuze in Computerspielen in Deutschland verboten?

"Wolfenstein" dürfte nicht nur Computerspielern ein Begriff sein. Die Spielereihe hat ihren Ursprung 1992, als "Wolfenstein 3D" in den USA auf den Markt kam. Es geht um einen fiktiven amerikanischen Soldaten, der der Nazi-Gefangenschaft auf Burg Wolfenstein entkommen will. Das Spiel war einer der ersten Ego-Shooter und steht damit für ein Stück Videospiel-Geschichte; in Deutschland obendrein für ein Stück Justiz-Geschichte, die am Donnerstag wohl ihr Ende fand.

Die PC-Version von "Wolfenstein 3D" durch das Amtsgericht München am 25. Januar 1994, also zwei Jahre nach Erscheinungsdatum, bundesweit beschlagnahmt (Az. 2 Gs 167/94). Das Spiel wurde von der Bundesprüfstelle indiziert, ausdrücklich aber nicht, weil Nazi-Symbole wie Hakenkreuzflaggen auftauchten oder als Titelmelodie das nationalsozialistische Horst-Wessel-Lied ertönte. "Ausschlaggebend für die Indizierung war vielmehr die spielimmanente Verherrlichung des Selbstjustizgedankens sowie die positive Bewertung und Gewichtung anreißerisch gestalteter Todesszenarien", hieß es damals.

Kunstfreiheit nicht geprüft

Es herrschte Rechtsunsicherheit, einige Spiele erschienen deshalb selbstzensiert. 1998 musste "Wolfenstein 3D" vom Oberlandesgericht Frankfurt wegen seiner verfassungsfeindlichen Inhalte neu beurteilt werden. Der zuständige Richter entschied, dass Spiele nach Paragraph 86a des Strafgesetzbuches (StGB) keine verfassungsfeindlichen Symbole zeigen dürfen.

Ob die Sozialadäquanzklausel des StGB, vereinfacht gesagt "Kunstfreiheitsklausel", gelte, wurde gar nicht erst geprüft und erwähnt. Die Entscheidung wurde später so ausgelegt, dass die Ausnahme bei Spielen wohl nicht gelte, obwohl das Gericht dies nicht konkretisiert hatte.

Die Nazi-Schergen in 'Wolfenstein – The New Colossus' tragen keine Hakenkreuze.
Bethesda
Die Nazi-Schergen in "Wolfenstein – The New Colossus" tragen keine Hakenkreuze.

Umstrittene Rechtsauffassung in Deutschland

Daraus ergab sich für Deutschland die – umstrittene – Rechtsauffassung, dass auch in Spielen wie "Wolfenstein 2 – The New Colossus" (2017), die wie ihre Vorgänger inhaltlich klar gegen Faschismus und das Dritte Reich positioniert sind, keines der genannten Symbole gezeigt werden darf. Gelegentlich kam es sogar vor, dass Spiele, in deren deutscher Version ein einziges Hakenkreuz übersehen wurde, vollständig vom deutschen Markt zurückgezogen und überarbeitet wurden.

Das ändert sich nun: Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) hat ihre Praxis geändert. Ab sofort kann die Sozialadäquanzklausel durch die USK-Gremien bei der Prüfung von Computerspielen mit einbezogen werden. Damit können Spiele eine Altersfreigabe erhalten, in denen die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen von den USK-Gremien als sozialadäquat beurteilt wird. Am grundsätzlichen Verbot dieser Zeichen hat sich jedoch nichts geändert. Geprüft wird weiterhin im Einzelfall.

"Eine richtige Entscheidung"

Die Geschäftsführerin der USK, Elisabeth Secker, sagt dazu: "Durch die Änderung der Rechtsauffassung können Spiele, die das Zeitgeschehen kritisch aufarbeiten, erstmals mit einem USK-Alterskennzeichen versehen werden. Dies ist bei Filmen schon lange der Fall und auch im Hinblick auf die Kunstfreiheit richtigerweise jetzt auch bei Computer- und Videospielen.“ Und auch Wolfgang Hußmann, Vorsitzender des Beirats der USK und Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz, begrüßt die Entscheidung: "Das Zusammenwachsen der Mediensysteme macht es erforderlich, dass der Jugendmedienschutz nach vergleichbaren Regeln gewährleistet wird. Es ist eine richtige Entscheidung, dass die USK nun auch solche Inhalte in der Prüfung berücksichtigen kann, bei denen im Einzelfall die Sozialadäquanz abzuwägen ist.“

Lob für die Entscheidung gibt es auch vom Verband der deutschen Games-Branche (game): "Die veränderte Rechtsauffassung zur Sozialadäquanz ist ein wichtiger Schritt für das Kulturmedium Games in Deutschland", sagt Felix Falk, game-Geschäftsführer. "Als Games-Branche sehen wir mit Sorge die Tendenzen zu Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung. Viele Spiele von engagierten und kreativen Entwicklern behandeln schwierige Themen wie die Zeit des Nationalsozialismus und gehen damit sehr verantwortungsvoll, kritisch und zum Nachdenken anregend um.“

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