Interview mit Politikpsychologe : Frankreichs WM-Erfolg: "Natürlich stinkt das den Rechtsextremen gewaltig"

Bilder wie dieses vom jubelnden Emmanuel Macron gingen nach dem WM-Erfolg der Franzosen um die Welt. Holt der Titel den französischen Präsidenten auch wieder aus dem Umfragetief?
Bilder wie dieses vom jubelnden Emmanuel Macron gingen nach dem WM-Erfolg der Franzosen um die Welt. Holt der Titel den französischen Präsidenten auch wieder aus dem Umfragetief?

Der WM-Titel der Fußballer verschafft auch dem zuletzt oft gescholtenen Präsidenten Macron in Frankreich wieder Luft.

shz.de von
16. Juli 2018, 15:24 Uhr

Hamburg | Es sind Bilder, die hängen bleiben: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in ausgelassener Jubel-Pose neben FIFA-Boss Gianni Infantino und Wladimir Putin auf der Ehrentribüne des Luschniki-Stadions, das "Dab"-Video des Politikers mit Frankreichs Superstar Paul Pogba in der Kabine der "Equipe Tricolore" oder Macrons demonstrativ in die Luft gerissenen Arme neben den mit WM-Pokal posierenden Spielern im strömenden Regen von Moskau. Das Staatsoberhaupt nutzt die Gunst der Stunde zur ausgiebigen öffentlichen Inszenierung – und er weiß, warum.

Die Umfragewerte Macrons lagen zuletzt bei unter 40 Prozent, ihm wird von politischen Gegnern Arroganz und Abgehobenheit unterstellt. Vor allem die hohe Arbeitslosigkeit in Frankreich, die geplante Arbeitsmarktreform, welche eine Lockerung des Kündigungsschutzes vorsieht, damit verbundene Streiks sowie das Thema Rassismus machten ihm in der jüngsten Vergangenheit regelmäßig zu schaffen und sorgten für Schlagzeilen.

Politikpsychologe Prof. Dr. Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal erklärt im Interview, welche Auswirkungen der sportliche Erfolg der französischen Fußballer auf die innenpolitische Lage haben und wie sich Macron diesen zunutze machen kann.

Herr Kliche, inwieweit sind die Fotos von Emmanuel Macron, die während des WM-Finales und danach entstanden sind, bewusst inszeniert?

Prof. Dr. Thomas Kliche: Schon die römischen Kaiser haben ihre Person mit Sport und Spielen verknüpft, also damals allerlei Gemetzel. Sport ist Wettstreit, er verschafft den Fans stellvertretende Erfolgserlebnisse, er gibt das Gefühl einer starken und erfolgreichen Leistungsgruppe, auch wenn man nur Bier vor dem Bildschirm trinkt. Politiker bringen sich damit gerne in Verbindung. Gerade bei guter Stimmung arbeitet das menschliche Hirn oberflächlich, Daten werden eher am Rande und nebenbei verarbeitet, weniger genau geprüft. Steht der Politiker also daneben, wird er mit dem Sport verknüpft. Das mäßigt bei einigen erstmal böse Gefühle gegenüber Macron und verschafft ihm ein wenig Luft.

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Es hat lange gedauert, bis die Franzosen sich von der WM-Stimmung haben mitreißen lassen. Dreht sich die Stimmung im Land jetzt insgesamt ins Positive?

Stimmung ist ja gerade eine sehr oberflächliche Sache. Aus psychologischer Sicht haben verschiedene gesellschaftliche Gruppen ein jeweils besonderes Gefühlsklima. Die Sport-Stimmung mag alle betreffen. Aber daneben gibt es noch das Klima von Zuversicht oder Zweifel bei den wirtschaftlichen Entscheidungsträgern, in den Unternehmen, und da ist dann noch das Klima von Vertrauen oder Blockade gegenüber Reformen bei den Arbeitnehmern, das Klima in den armen Vorstädten, das Klima unter jungen Hochgebildeten und so weiter. Die drehen sich nicht alle gleichzeitig, die muss eine Regierung schon politisch überzeugen.



Rechtsextremismus, Rassismus und Widerstand gegen Flüchtlinge haben in den vergangenen Jahren zu einem Erstarken der Rechten in Frankreich geführt. Auch Emmanuel Macron konnte sich erst in der Stichwahl gegen Marine Le Pen vom Front National durchsetzen. Jetzt gewinnt eine Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft, die für ein vielfältiges Frankreich steht. Welchen Einfluss hat das auf die Stimmung im Land?

Natürlich stinkt das den Rechtsextremen gewaltig, wenn kulturell "buntscheckige Haufen" wie eine Fußballmannschaft richtig was leisten. Der Pokal beweist: Das geht! Aber das ist schnell vergessen, denn es kann auch schief gehen – siehe die deutsche Mannschaft. Die gute Nachricht daran ist: Wir haben inzwischen kapiert, dass Integration viel tiefer geht und mehr fordert als eingekaufte Fußballer, ein paar Dönerbuden oder Pizza in der Tiefkühltruhe. Die war nämlich in den 70er Jahren bitter umstritten, "Deutsche essen schließlich Butterbrot!"

Sie sprechen es an: Zwischen dem Abschneiden der DFB-Elf und der Stimmung hier im Land werden ebenfalls häufig Parallelen gezogen. Wie schätzen Sie das aktuell ein?

Naja, das ist etwas anderes, weil hier der letzte Weltmeistertitel die Messlatte war. Das Menetekel springt ins Auge: Hochmut kommt vor dem Fall. Wer nichts leistet, kann rasch tief fallen. Wir müssen uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten alle gemeinsam anstrengen, raus aus der Schonhaltung und der Selbstgefälligkeit. Wir müssen uns auf Veränderungen und international rasch lernende Konkurrenz einlassen. Wir müssen ehrlich und nüchtern eine Welt sehen, die uns vor große Herausforderungen stellt. Ewig weiter so reicht einfach nicht.

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