Nervengift Nowitschok ausgesetzt : Politiker: Britisches Paar wohl kein gezieltes Anschlagsopfer

Ein Polizeiauto steht vor einer Boots Apotheke nahe des Barcroft Medical Centre in Amesbury. Einige Bereiche in Salisbury sowie in der Stadt Amesbury wurden demnach vorsichtshalber abgesperrt.
Ein Polizeiauto steht vor einer Boots Apotheke nahe des Barcroft Medical Centre in Amesbury. Einige Bereiche in Salisbury sowie in der Stadt Amesbury wurden demnach vorsichtshalber abgesperrt.

Das in Südengland lebensbedrohlich erkrankte Paar ist womöglich versehentlich mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet worden.

shz.de von
05. Juli 2018, 11:39 Uhr

Salisbury | Das mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftete Paar aus Südengland ist vermutlich nicht Opfer eines gezielten Anschlags geworden. Das berichtete der britische Sicherheitsstaatssekretär Ben Wallace am Donnerstag dem Sender BBC. Experten halten es für möglich, dass der Mann und die Frau mit einem kontaminierten Gegenstand in Kontakt kamen, der beim Anschlag auf die Skripals genutzt worden war.

Der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal (67) und seine Tochter Julia (33) waren vor vier Monaten bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury entdeckt worden. Nach langem Koma und Therapie leben sie inzwischen an einem geheimen Ort.

Parallelen zum Skripal-Fall

"Das damals verwendete Nowitschok war sehr rein – und das erhöht die Lagerfähigkeit", sagte der Chemiewaffenexperte Ralf Trapp der Deutschen Presse-Agentur. Die bei den Skripals verwendete Substanz war Trapp zufolge ein hochgereinigter Kampfstoff aus einem Labor, der noch viele Jahre wirksam sein könnte. Daher sei es durchaus denkbar, dass im neuen Fall das Paar etwa mit Nowitschok-Resten an einem Transportgefäß unabsichtlich in Berührung gekommen sei.

"Bislang ist das aber nur ein Szenario. Es fehlen noch Fakten", betonte der Toxikologe und Chemiker, der als unabhängiger Berater unter anderem für die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) und die Vereinten Nationen arbeitete. Für Panik in der südenglischen Region gebe es keinen Grund.

Der vor dem Anschlag auf die Skripals verwendete Behälter zur Aufbewahrung des Nervengifts sei bis heute nicht gefunden worden, berichtete die Nachrichtenagentur PA unter Verweis auf eine Regierungsquelle. Das in Lebensgefahr schwebende Paar liegt in derselben Klinik der Stadt Salisbury, in der die Skripals behandelt wurden. Als Reaktion auf den neuen Fall trat der Sicherheitsrat der Regierung, das Cobra-Komitee, am Donnerstag zu einer Krisensitzung zusammen.

Russland nach neuem Fall besorgt

Russland hat mit Besorgnis auf den neuen Vergiftungsfall in Großbritannien reagiert. "Das ist eine sehr beunruhigende Nachricht. Natürlich löst sie große Sorge aus", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag in Moskau. Bislang habe man in Moskau keine Informationen bekommen, dass in dem neuen Fall der Kampfstoff Nowitschok oder eine andere Substanz eingesetzt wurde.

Peskow betonte abermals, dass Russland nicht in den Fall Skripal verwickelt sei. Moskau habe angeboten, den Fall gemeinsam mit den britischen Behörden zu untersuchen, sagte er der Agentur Interfax zufolge. Der Vorschlag sei jedoch unbeantwortet geblieben.

Die russische Botschaft in den Niederlanden erklärte, dass Russland zweifellos nicht hinter dem Vergiftungsfall in Amesbury stecken kann. «Glauben sie eigentlich wirklich, dass Russland so dumm ist, "nochmal" das sogenannte "Nowitschok" einzusetzen ausgerechnet während der Fußball-Weltmeisterschaft?", twitterte die Vertretung.

In Russland kursierten nach dem neuen Fall weitere Theorien, wie das Paar vergiftet worden sein könnte. Ein psychisch labiler Mitarbeiter des Forschungslabors im nahe gelegenen Porton Down könnte den Kampfstoff in der Region verbreitet haben, sagte der Ex-Geheimdienstchef Nikolai Kowaljow der Agentur Interfax. Der Mitarbeiter könnte dies nach einer Entlassung aus Rache veranlasst haben. Ein weiterer ehemaliger FSB-Chef sagte, das Labor habe wohl Probleme mit der Lagerung der Substanzen.

Aufregung in Salisbury

Nowitschok war in der früheren Sowjetunion hergestellt worden. Das Attentat löste eine schwere internationale Krise aus. Zahlreiche westliche Staaten, auch Deutschland, wiesen Dutzende russische Diplomaten aus. Moskau reagierte mit ähnlichen Maßnahmen. Die Skripals leben inzwischen an einem unbekannten Ort.

Nach dem jüngsten Vorfall wurden einige Bereiche in Salisbury und in dem Wohnort des Paares, Amesbury rund 13 Kilometer weiter nördlich, vorsichtshalber abgesperrt. Die Gesundheitsbehörde ging nicht von einer "bedeutenden Gesundheitsgefährdung" für die Öffentlichkeit aus. Das Paar soll unter anderem eine Familienveranstaltung in einer Kirche besucht haben, bevor es am Samstag erkrankte.

Die Beamten seien zunächst davon ausgegangen, dass die beiden möglicherweise verunreinigtes Heroin oder Crack-Kokain eingenommen haben könnten und sich daher im kritischen Zustand befinden.

Das Forschungslabor für Chemiewaffen im nahe gelegenen Porton Down war mit in die Untersuchungen einbezogen worden. Dort war auch das Nervengift Nowitschok im Fall Skripal identifiziert worden. Unabhängige Untersuchungen der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) bestätigten damals das Ergebnis.

Amesbury liegt ganz in der Nähe des Unesco-Weltkulturerbes Stonehenge. Bewohner des Ortes waren verunsichert und forderten mehr Informationen von den Behörden. "Uns hat die Polizei nichts erzählt", zitierte die Nachrichtenagentur PA Justin Doughty. "Wir wissen einfach nicht: Hat das nun mit Salisbury zu tun oder mit Drogen?"

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