Umstrittener Autor : Neues Islam-Buch: SPD-Politiker wollen Thilo Sarrazin loswerden

Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines neuen Buchs.
Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines neuen Buchs.

Thilo Sarrazin hat ein neues Buch über den Islam geschrieben, das nicht nur in der SPD für Kritik sorgt.

shz.de von
30. August 2018, 12:43 Uhr

Berlin | Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert fordert ein neues Parteiausschlussverfahren der SPD gegen den Publizisten Thilo Sarrazin wegen dessen ausländer- und islamfeindlicher Thesen. "Die Jusos sind klar für einen neuen Versuch, Sarrazin rauszuwerfen", sagte der Chef der SPD-Nachwuchsorganisation der "Rhein-Neckar-Zeitung" (Donnerstag). "Herr Sarrazin hat mit den Grundwerten der SPD schon lange nichts mehr zu tun."

Der frühere Berliner Finanzsenator stellt an diesem Donnerstag sein neues Buch vor, in dem er vor einer "feindlichen Übernahme" Deutschlands durch den Islam warnt. Der Wille in der gesamten SPD sei groß, nach der Veröffentlichung des Buches einen neuen Anlauf für ein Parteiausschlussverfahren zu nehmen, sagte Kühnert. Mit zwei Anläufen war die SPD allerdings schon gescheitert.

Kritik an Sarrazins Buch

Der Islamwissenschaftler Mathias Rohe hält die Kernthese des Buches für nicht haltbar. Sarrazin gehe fälschlicherweise davon aus, dass muslimische Zuwanderer ihre Einstellungen nicht veränderten, "dass sie sich gar nicht auf die deutsche Gesellschaft einlassen", sagte Rohe in Berlin.

Eine breit angelegte Untersuchung habe jedoch beispielsweise ergeben, dass die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unter Türken in der Türkei höher sei als unter türkischstämmigen Migranten in Deutschland. Auch ignoriere Sarrazin in seinen Prognosen zum künftigen Anteil der Muslime an der Bevölkerung Daten, die zeigten, dass die Geburtenrate muslimischer Zuwanderer durch Zugang zum Bildungssystem in den Folgegenerationen sinke.

Nicht nachvollziehbar findet Rohe folgende Aussage Sarrazins: "Vieles deutet darauf hin, dass im Islam eine Tendenz zum Beleidigtsein und zum Sich-angegriffen-Fühlen angelegt ist, die mit unseren Begriffen von Meinungsfreiheit und Demokratie schwer vereinbar ist." Kritikwürdige Verhaltensweisen wie ein falscher Ehrbegriff und Elemente einer "Machokultur" würden hier auf die Religion zurückgeführt. Dabei finde man diese teilweise auch bei Nicht-Muslimen in Indien oder Russland.

Seiten voller "Angstmache"

Sarrazin spannt in seinem Buch einen Bogen vom islamischen Propheten Mohammed bis hin zum Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Abu Bakr al-Baghdadi. Er schreibt: "Den vom IS ausgeübten Terror sehen er (al-Baghdadi) und seine Anhänger als den neuen Dschihad. Historisch und religionsphilosophisch schließt sich hier ein Kreis." Aus Sicht von Rohe übernimmt Sarrazin damit die Koran-Auslegung der Terroristen. Der Islamwissenschaftler kommentierte nicht ohne Ironie: "Herr Sarrazin wäre eine wunderbare Besetzung für's Kuratorium des Salafisten-Verbandes."

Das Buch sei auf "Angstmache" angelegt, erklärte der Rechts- und Islamwissenschaftler von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Einschätzungen zum Islam zeugten von einem für Sarrazin üblichen "Dilettantismus". Sarrazin wirft Rohe in seinem Buch seinerseits vor, er verschleiere und verharmlose "Missstände im deutschen Islam". Rohe hat unter anderem zum islamischen Recht ("Scharia") und zur Paralleljustiz unter muslimischen Migranten geforscht. Er berät als Experte den Verfassungsschutz.

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