Die Stimmung im Land kippt : Merkel und Löw vor dem Aus? Deutschland, eine Sommerdepression

Deutschland in der Depression? Angela Merkel ist seit 2005, Jogi Löw seit 2006 im Amt. Folgt bald ihr Ende? Foto: dpa
Deutschland in der Depression? Angela Merkel ist seit 2005, Jogi Löw seit 2006 im Amt. Folgt bald ihr Ende? Foto: dpa

Kein Sommermärchen. Plötzlich steht Deutschland für politische Instabilität – und die DFB-Elf scheidet bei der WM aus.

shz.de von
28. Juni 2018, 12:09 Uhr

Berlin | Nach der historischen WM-Pleite gegen Südkorea verbreitet der AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier via Twitter ein Bild von Mesut Özil. Es zeigt Özil grinsend. Dazu das Zitat: „Zufrieden, mein Präsident?". Maier kommentiert: „Ohne Özil hätten wir gewonnen!" Seit dem Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan sind die beiden deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln bei vielen unten durch. Der Frust bricht sich im Netz in rassistischen Attacken Bahn.

Deutschland, im Sommer 2018. Kaum Nationalflaggen an den Autos, eine eigenartige Stimmung auch auf den politischen Sommerfesten in Berlin. Es liegt was in der Luft. Früher, da war die Nationalelf unantastbar. Klar, man ärgerte sich mal über Rumpelfüßler. Aber vieles hat eine neue Qualität – es geht ins Persönliche. Gerade Özil ist in rechten Kreisen zur Hassfigur geworden – wie Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Der Gelsenkirchener galt lange als Symbol für Deutschland als Einwandererland, als Beispiel für Aufstieg und Integration, als Stütze der DFB-Auswahl. Unvergessen Merkels Foto mit dem halbnackten Özil in der Kabine, 2010 nach einem Länderspiel – gegen die Türkei.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert nach dem EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Türkei 2010 in der Mannschaftskabine des Berliner Olympiastadion dem deutschen Fußball-Nationalspieler Mesut Özil (vorne l). Foto: dpa
Guido Bergmann
Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert nach dem EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Türkei 2010 in der Mannschaftskabine des Berliner Olympiastadion dem deutschen Fußball-Nationalspieler Mesut Özil (vorne l). Foto: dpa

„Man hat das Gefühl, dass es viele Leute in Deutschland gefreut hätte, wenn wir heute rausgegangen wären", sagte Toni Kroos nach dem dramatischen 2:1 gegen Schweden, einem Sieg, der noch einmal Hoffnung geschürt hatte. Fußball ist immer ein Ventil, eine WM wird als ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Lage herangezogen.

Die Mannschaft als einigendes Band

1954 das Wunder von Bern, das Nachkriegsdeutschland Mut machte. 1990 Italien, der Titelerfolg des wiedervereinigten Deutschlands. 2006 das weltoffene, fröhliche Gastgeberland, ein Sommermärchen. 2014 die Nacht von Rio – Deutschland im Aufschwung, Lockerheit, Euphorie. Der Begriff „Die Mannschaft" wurde zum Synonym für ein einigendes Band.

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Klar, Fußball ist Fußball. Aber das Fiasko in Russland passt zur latent angespannten Stimmung, irgendwie. Bürger in Sorge. Abstiegsängste, die Globalisierung, die zunehmend als Gefahr gesehen wird, andere aufstrebende Nationen wie China, das Tempo der Digitalisierung, riesige Flüchtlingsbewegungen auf der Suche nach einem neuen Leben.

Asylsuchende in Deutschland, Anträge und Hauptherkuntsländer 2016 und 2017. Grafik: dpa
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Asylsuchende in Deutschland, Anträge und Hauptherkuntsländer 2016 und 2017. Grafik: dpa

Vertrauensverlust

2018 geraten Gewissheiten ins Wanken, zwar sind die Flüchtlingszahlen stark gefallen, aber zum Beispiel der Mord an der 14-jährigen Susanna hat die Stimmung weiter angefacht. Tatverdächtigt ist ein abgelehnter und bis zur Tat nicht abgeschobener Asylbewerber aus dem Irak. Oder die Probleme bei der Abschiebung eines mutmaßlichen Ex-Leibwächters von Al-Kaida-Anführer Osama bin Laden. Merkel räumt ein, dass man da handeln müsse. Sie wurde zur „Flüchtlingskanzlerin" – und darüber kommt es nun zum politischen Endspiel mit CSU-Chef Horst Seehofer.

Der Vertrauensverlust in die Handlungsfähigkeit des Staates führt zum Aufstieg illiberaler, autoritärer Kräfte – und in Berlin leben viele Politiker immer noch in einer Blase, eine schleichende Entfremdung. Dabei zeigen der Brexit und die Wahl Donald Trumps, wie schnell etwas irreparabel rutschen kann, wenn die Signale nicht gesehen werden.

Cordon bleu mit Bratkartoffeln

Von einem Riss im deutschen Team ist nun die Rede. So tief wie der in der Gesellschaft, in der Leute, die sich der AfD zuwenden, ihre Freunde verlieren, kann er aber gar nicht sein. Merkel regiert seit 2005, Joachim Löw ist seit 2006 Bundestrainer. Beide eint eine ruhige Art, auch unter großem Druck. Aber auch Sturheit. Sie kennen sich, Löw schaut auch gelegentlich im Kanzleramt vorbei. „Ich habe der Kanzlerin mal nebenbei gesagt, dass ich gerne Cordon bleu mag – mit Pommes oder Bratkartoffeln", sagte er letztens in einem Interview. „Seitdem gibt es immer Cordon bleu mit Bratkartoffeln, wenn wir im Kanzleramt sind. Und der Koch macht das wirklich überragend."

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Nun sind beide angezählt – und Merkel soll jetzt etwas wagen, was auch Löw gar nicht mag: einen radikalen Kurswechsel. Einknicken vor der CSU und Parteichef, Innenminister Horst Seehofer. Grünes Licht geben für die Abweisung von bereits in anderen EU-Staaten registrierten Flüchtlingen, auch wenn diese Staaten die Migranten gar nicht zurücknehmen. Merkel mag Ordnung, das Einhalten von Verträgen, verlässliche Absprachen. Darauf gründet auch der Erfolg des europäischen Einigungsprojekts.

Seehofer als Vorstopper

Das steht nun auf dem Spiel. „Da sind einige Schlafwandler unterwegs", sagt ein Mitglied der Koalition mit Blick auf das Buch des Historikers Christopher Clarke, der darin schildert, wie Europa 1914 plötzlich ungewollt in den Ersten Weltkrieg schlitterte. Klar, es gehe nicht um Krieg – aber um das Auflösen von Demokratie und gesellschaftlichem Kitt.

Im Liveblog:: Merkel: Migration könnte zur "Schicksalsfrage" Europas werden

Die „taz" bringt die Lage am Donnerstag unter Verweis auf die handelnden Politiker Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Österreichs, Ungarns sowie Spaniens und deren Verhältnis zu Merkel so auf den Punkt: „Merkel am Ball, Macron bietet sich an, aber Conte grätscht dazwischen, Kurz-Pass auf Seehofer, der Vorstopper spielt über rechts, angefeuert von Söder und Dobrindt sucht er eine Alternative für Deutschland, rechtsaußen, da warten schon Orbán und Salvini, links steht Sánchez allein auf weiter Flur, da könnte was gehen, aber die SPD steht im Abseits, wo sind die Anhänger des freien Spiels? Dieses uninspirierte Gekicke schon in der Vorrunde, das ist der Gipfel."

Der aktuelle Konflikt Merkel-Seehofer ist für viele keine Sach-, sondern eine Machtfrage, eine Abrechnung mit der sogenannten Willkommenskultur, der Aufnahme von mehr als einer Million Flüchtlingen. „Wir haben das wohl alle falsch eingeschätzt", sagt ein Regierungsmitglied resignierend mit Blick auf das Jahr 2015.

Egoismus und Lügen

Die AfD wurde nach und nach zum Sprachrohr enttäuschter Wähler, als 12,6-Prozent-Partei bestimmt sie häufig den Diskurs, treibt die Regierung spürbar. „Wir werden sie jagen", sagte AfD-Chef Alexander Gauland nach der Bundestagswahl. In Europa gewinnen praktisch überall Populisten an Zulauf, mit US-Präsident Trump wird Merkels Antityp zum Vorbild. Egoismus, Lügen, das Spalterische wird salonfähig.

Im politischen Berlin stoßen einige schon mit Champagner auf den baldigen Sturz Merkels an. Sie ist das Feindbild Nummer 1 der AfD. Seehofer sagt: „Ich kenne bei mir in der Partei niemand, der die Regierung gefährden will in Berlin." Ein Abgeordneter meint dazu nur: „Ulbricht hat auch gesagt: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."

Es sind Szenen einer zerrütteten Ehe, zwischen Deutschland-Fans und ihrer Nationalmannschaft, zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer. Ein besorgter Koalitionär meint, CDU und CSU würden den gleichen Fehler wie die SPD in den Monaten zuvor machen: Selbstbeschäftigung statt jene Probleme anzugehen, die die Bürger wirklich betreffen, alles kreise um Flüchtlinge. „Jetzt machen die den gleichen Scheiß."

„Die gute Nachricht: Es ist noch genug Bier da"

Der einzige Gewinner des Spektakels werde doch am Ende die AfD sein. Einer, der gegen das Schlechtreden des Landes und der Lage ankämpft, ist Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Der SPD-Mann hat zum Hoffest geladen, just am Tag des WM-Spiels gegen Südkorea. „Das ist eine der schwierigsten Reden in meiner politischen Laufbahn", sagt er nach dem 0:2. „Die gute Nachricht: Es ist noch genug Bier da." Er komme ja aus Niedersachsen. „Wilhelm Busch hat mal gesagt: Wer Sorgen hat, hat auch Likör." Für die 80 Millionen Fußballexperten, die jetzt wüssten, wie es besser gehe, hat Heil einen Vorschlag: „Wir sollten einmal applaudieren für diese Mannschaft." Es folgt lauter Applaus.

Fatalisten sehen das WM-Aus schon als Omen: Jetzt stürze auch Merkel - und die Regierung. Deutschland ist erstmals in einer WM-Vorrunde ausgeschieden - und wird politisch instabil. Das ist neu. Merkel und Löw, das stand bisher auch für „Wir schaffen das". Beide haben diesen Satz schon gebraucht. Merkel in Bezug auf die Flüchtlinge, Löw auf das Weiterkommen in Russland. Beide lagen sie irgendwie falsch.

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