Fragwürdiges Video : Laut Pussy Riot: Polizist wünscht sich Stalin-Zeit zurück

Vier als russische Polizisten verkleidete Aktivistinnen rannten am Sonntagabend in der zweiten Halbzeit des WM-Endspiels auf das Spielfeld und sorgten damit für eine kurze Unterbrechung.
Vier als russische Polizisten verkleidete Aktivistinnen rannten am Sonntagabend in der zweiten Halbzeit des WM-Endspiels auf das Spielfeld und sorgten damit für eine kurze Unterbrechung.

Während der WM hat die russische Polizei Lockerheit demonstriert. Viele rechnen nun mit einer Rückkehr zur alten Härte.

shz.de von
16. Juli 2018, 10:08 Uhr

Moskau | Die russische Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot hat eine spektakuläre Protestaktion mit vier Flitzern beim Finale der Fußball-Weltmeisterschaft für sich reklamiert. Vier als russische Polizisten verkleidete Aktivistinnen und Aktivisten rannten am Sonntagabend in der zweiten Halbzeit des Endspiels zwischen Frankreich und Kroatien (4:2) auf das Spielfeld und sorgten damit für eine kurze Unterbrechung. Pussy Riot ließ wenig später über Facebook verlauten, die Festgenommenen gehörten zu der kremlkritischen Gruppe. Die Aktion verknüpften sie mit politischen Forderungen.

Die Moskauer Behörden hielten sich bisher weitgehend bedeckt zu dem Fall. Das Innenministerium bestätigte Agenturen zufolge die Festnahme von drei Frauen und einem Mann. Später teilte die Polizei mit, sie hätten Verwaltungsstrafen von bis zu 200.000 Rubel (etwa 2700 Euro) oder 160 Stunden gemeinnütziger Arbeit für die Flitzer beantragt.

Stalin-Anspielung eines Polizisten

Für viel Ärger sorgt jedoch ein Internetvideo, in dem das Verhör von zwei Aktivistinnen zu sehen sein soll. Dem regierungskritischen Portal meduza.io zufolge fragt darin ein Polizist, der nicht zu sehen ist, wo die Frauen die Uniformen her hätten. "Gemietet", sagt eine der Festgenommenen. Der Polizist daraufhin: "Gemietet? Manchmal bedauere ich es, dass wir nicht das Jahr 37 haben. Manchmal bedauere ich es einfach." 1937 war die Zeit des sogenannten Großen Terrors unter Sowjetdiktator Josef Stalin. Die Zeit war geprägt von Massenfestnahmen und Deportationen. Hunderttausende Menschen waren betroffen, viele wurden erschossen oder kamen in Arbeitslager. Das Video war nicht unabhängig zu verifizieren.

Die Punkgruppe Pussy Riot hat in der Vergangenheit immer wieder kremlkritische Aktionen an öffentlichen Orten inszeniert. 2012 war die Gruppe bekannt geworden, als drei Aktivistinnen nach einem "Punk-Gebet" in einer Kirche verhaftet wurden. Sie wurden wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" verurteilt, später aber begnadigt.

Die vier Flitzer waren in ihrem uniformähnlichen Dress fröhlich winkend mitten im Finale auf den Platz gelaufen, wurden aber schnell von Sicherheitsleuten geschnappt. Der argentinische Schiedsrichter Nestor Pitana schien die Flitzer im ersten Moment nicht zu bemerken, stoppte die Partie dann aber doch für kurze Zeit. Einer Aktivistin gelang es, mit Frankreichs Superstar Kylian Mbappe abzuklatschen.

Politische Forderungen

Die Flitzeraktion nannten sie: "Der Polizist kommt ins Spiel". "Vier Mitglieder von Pussy Riot im Finale der Fußball-WM", hieß es in dem Schreiben der Gruppe. Die Aktivistinnen forderten darin unter anderem, dass politische Gefangene freigelassen werden und dass es keine Festnahmen bei Kundgebungen mehr gibt. Zudem schrieben sie, das Land brauche mehr politischen Wettbewerb.

Die Aktion wirft zum Ende der von den russischen Organisatoren und dem Weltverband FIFA überschwänglich gefeierten WM ein Schlaglicht auf Russland. Die FIFA hatte das Turnier als die beste WM aller Zeiten bezeichnet. Präsident Wladimir Putin sagte nach dem Finale, Russland könne stolz sein. Viele ausländische Fans hätten nun Russland kennengelernt und ihre Meinung über das Land geändert. "Auch das ist ein wichtiges Ergebnis (der WM)", sagte Putin.

Wie geht es nach der WM weiter?

Kritiker haben immer wieder betont, dass der bunte Straßenkarneval der ausländischen Fans und die Lockerheit der Polizei und Behörden im Umgang mit ausgelassenen Feiern auf den Straßen nur vorübergehende Erscheinungen seien. Nach der WM sei dies wieder vorbei, schätzen viele.

Daran knüpfte Pussy Riot mit einem Video nach der Aktion an. "Lieber Freund, du weißt wahrscheinlich, dass Russland kein Rechtsstaat ist", sagte eine Aktivistin, deren Gesicht von einer Maske bedeckt war. Eine andere ohne Maske las vor: "Die WM ist großartig. Sie hat gezeigt, wie die Polizisten in Russland sein können." Anschließend bekräftigten sie ihre zuvor gestellten Forderungen.

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