Reaktion von Innenministerium & DFB : Keine Arbeitserlaubnis ab 3. Liga: Kurioser Fall Abdullahi wirft Fragen auf

Suleiman Abdullahi verlor mit dem Abstieg von Eintracht Braunschweig seine Arbeitserlaubnis. So wie ihm erging es bereits vielen Nicht-EU-Ausländern. Fotomontage: Imago/Hübner/dpa
Suleiman Abdullahi verlor mit dem Abstieg von Eintracht Braunschweig seine Arbeitserlaubnis. So wie ihm erging es bereits vielen Nicht-EU-Ausländern. Fotomontage: Imago/Hübner/dpa

Der Abstieg ihres Vereins hat für Nicht-EU-Ausländer weitreichende Folgen, die übers Sportliche hinaus gehen können.

shz.de von
23. August 2018, 13:04 Uhr

Hamburg | Suleiman Abdullahi ist ein 21-jähriger Nigerianer, der bei Eintracht Braunschweig einen gültigen Arbeitsvertrag bis Juni 2020 besitzt. Doch die Eintracht kann nach dem jüngsten Abstieg als frischgebackener Drittligist nicht auf die Dienste ihres erfolgreichsten Stürmers der vergangenen Saison zurückgreifen, muss aber dennoch weiterhin sein Gehalt zahlen.

Der Grund: Er besitzt keine Arbeitserlaubnis. Zumindest nicht für die dritte Liga. Um den Spieler, der potenziell zu den Großverdienern im Verein gehört, von der Gehaltsliste zu bekommen, musste Eintracht den Spieler abgeben und fand in Union Berlin einen dankbaren Abnehmer, der den bulligen Mittelstürmer jedoch zunächst nur auf Leihbasis in die Hauptstadt holt. Denn das Kuriose ist, für die 2. Liga erhält Abdullahi eine Arbeitserlaubnis und ist demzufolge auch spielberechtigt.

Jeder Drittligist ist betroffen

Eintracht Braunschweig ist kein Einzelfall, lediglich das jüngste Opfer dieser undurchsichtigen Regelung des Arbeitsrechts beim Deutschen Fußball Bund (DFB). So war es im vergangenen Sommer der Karlsruher SC, der aufgrund fehlender Arbeitserlaubnis drei Spieler abgeben musste und 2016 war es der MSV Duisburg – hier mussten sogar sechs Spieler den Meidericher SV nach dem Abstieg verlassen.


Aber wie sieht diese Regelung im Detail überhaupt aus? Auf Nachfrage beim DFB verwies man zunächst auf die Komplexität dieser Regelung sowie auf den Gesetzgeber und führte anschließend aus, "dass laut Beschäftigungsverordnung Personen aus Nicht-EU-Staaten – mit Ausnahme von USA, Albanien oder Bosnien – in der Regel keine Arbeitserlaubnis erhalten."

Eine Ausnahme bilden jedoch „hochqualifizierte Arbeitskräfte“ – wozu im Sport, nach einer Regelung zwischen Bundesinnenministerium (BMI) und Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB), Spieler in den höchsten Ligen der Mannschaftssportarten zählen (Fußball-Bundesliga, HBL, BBL, DEL). Im Fußball ist aufgrund der Finanzkraft der Sportart eine Erweiterung auf die 2. Bundesliga vorgenommen worden.

Status hängt nicht vom Spieler selbst, sondern vom Verein ab

Dieser Regelung folgend ist offensichtlich nicht die individuelle Qualität eines Spielers dafür ausschlaggebend, ob er den Status "hochqualifizierte Arbeitskraft" und somit auch eine Arbeitserlaubnis in Deutschland erhält, sondern einzig und allein die Höhe der Spielklasse seines Arbeitgebers.

Was im konkreten Fall von Suleiman Abdullahi bedeutet, dass er bis zum 34. Spieltag der vergangenen Saison noch den Status "hochqualifizierte Arbeitskraft" genoss, diesen aber unmittelbar nach Abpfiff des letzten Spiels aufgrund des Abstiegs seines Arbeitgebers Eintracht Braunschweig verlor und ihn nun wiederbekommt, weil er auf Leihbasis zum Zweitligisten Union Berlin wechselt. Dort ist sich Oliver Ruhnert, Geschäftsführer bei Union Berlin, sicher, dass Abdullahi der "Offensive zusätzliche Qualität bringen wird".

Demnach kann hier nicht von einer individuellen Bewertung der Qualifizierung durch den Gesetzgeber gesprochen werden. Schließlich verliert ein Fußballer nicht automatisch an Qualität, nur weil sein Verein abgestiegen ist. Zumal im Fall von Abdullahi die Tatsache hinzukommt, dass dieser trotz seines jungen Alters der Topscorer (zwölf Torbeteiligungen) war und somit als einer der wenigen in der Mannschaft seine hohe Qualifizierung nachweisen konnte. Doch diese Tatsache findet keine Berücksichtigung.

Unterklassige Vereine sind im Nachteil

Eintracht Braunschweig erklärt gegenüber unserer Redaktion, dass diese "Situation natürlich unbefriedigend für den Verein ist, aber in Form einer Verwaltungsvorschrift geltendes Recht darstellt". Trotz dieser Regelung liegen die Transferrechte und Einnahmen im Falle eines Verkaufs des Spielers bei Eintracht Braunschweig: "Aus diesem Grund wurde Suleiman Abdullahi bei seiner Verpflichtung vor zwei Jahren mit einem Drittligavertrag ausgestattet. Denn so war gewährleistet, dass im Falle eines Abstieges kein wirtschaftlicher Verlust entsteht", erklärt Denise Schäfer, Pressesprecherin Eintracht Braunschweig.

Auch wenn Eintracht Braunschweig sich nicht großartig beklagen möchte, ist der Verein in dieser Situation natürlich klar benachteiligt. Mit dem Abstieg in die Drittklassigkeit war klar, dass Braunschweig Abdullahi abgegeben muss. Selbstverständlich war dies auch den Vereinen bekannt, die an einer Verpflichtung des Nigerianers interessiert waren. Das dürfte die Verhandlungsposition der Eintracht nicht gerade gestärkt haben. Ganz im Gegenteil. Ob es aus diesem Grund nur zu einer Leihe und nicht zu einem Verkauf kam, wollte Eintracht nicht kommentieren.

Aber nicht nur im Falle eines Abstiegs sind Drittligisten benachteiligt, auch beim Scouting sind Vereine unterhalb der 2. Liga durch diese Regelung begrenzt in ihren Möglichkeiten. Während Erst- und Zweitligisten sich nach Belieben und ungeachtet der Nationalität auf dem Transfermarkt austoben können, müssen Drittligisten schon genauer hinsehen,

Ist diese Regelung förderlich für Integrationsarbeit?

Obgleich die Regelung nun klar ist, bleibt die Logik fragwürdig. Denn, wie erklärt man einem 21-jährigen Nigerianer, dass er seinen Status als "hochqualifizierte Arbeitskraft" verloren hat und aus seinem gewohnten Umfeld wegziehen muss, wenn er wieder Fußball spielen will? Und das alles nur, weil sein Verein abgestiegen ist. Er selbst hat ja nicht viel falsch gemacht.

Behindert das nicht die Integrationsarbeit im deutschen Fußball, wenn Nicht-EU-Ausländer ihren Wohnort nach intensiven Integrationsbemühungen von der Spielklasse ihres Arbeitgebers abhängig machen müssen? Diese Frage sollte das Bundesinnenministerium beantworten können, das sich gemeinsam mit dem DOSB auf diese Regelung verständigt hat.

In einer gemeinsamen Erklärung des Bundesinnenministeriums und Bundesministerium für Arbeit und Soziales begründete man die Regelung mit dem "Interesse der Förderung des Talentnachwuchses" in Deutschland. Deshalb werde nur solchen ausländischen Berufssportlern aus Nicht-EU-Staaten Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen erteilt, "die mit ihrer sportlichen Qualifikation und Eignung durch ihren Einsatz in Deutschland deutschen Vereinen und Athleten den Anschluss an internationale Leistungsstandards mit sichern können".

Generell sei dies nur Berufssportlern vorbehalten, "deren Einsatz in Vereinen der ersten Bundesligen der jeweiligen Sportart vorgesehen ist". Es handelt sich also bei der Erteilung von Arbeitserlaubnissen im deutschen Profisport um grundsätzliche und nicht individuelle Entscheidungen. Da passt es auch ins Bild, dass sich die Ministerien nicht zu konkreten Einzelfällen wie dem von Suleiman Abdullahi äußern wollen, sondern nur darauf verweisen, dass Wechsel des Aufenthaltsortes im Bereich des Spitzensports gängige Praxis seien und "Integrationsaspekte in diesem Kontext keine Rolle spielen".

Ob der 21-jährige Suleiman Abdullahi aus Nigeria seine Situation genauso unproblematisch bewertet, sei dahingestellt.

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