Stand der Rettungsaktion : Jungen gefunden, aber noch nicht befreit – das Höhlendrama von Thailand

Soldaten tragen eine Pumpe, mit der Wasser aus der Höhle gepumpt werden soll, in der seit zwei Wochen 13 Menschen eingeschlossen sind.
Soldaten tragen eine Pumpe, mit der Wasser aus der Höhle gepumpt werden soll, in der seit zwei Wochen 13 Menschen eingeschlossen sind.

Viel Wasser, wenig Luft: Nicht nur der Regen macht die Rettung der eingeschlossenen Jungen schwierig.

shz.de von
06. Juli 2018, 18:37 Uhr

Chiang Rai | In Thailand ist derzeit Regensaison. Gerade in Berggebieten kann es dabei zu plötzlichen Überschwemmungen kommen. Eine solche Sturzflut wurde einer Gruppe junger Thai-Fußballer zum Verhängnis. Die Chronologie einer einmaligen Rettungsaktion – die noch andauert.

Der Unglücksort: Chang Rai liegt etwa 1000 Kilometer nördlich von Bangkok an der Grenze zu den Nachbarländern Laos und Myanmar. Die weit verzweigte Tham Luang-Khun Nam Nang Non-Höhle ist bei Touristen wenig bekannt, offiziell ist der Zugang nur zu zwei kleinen Abschnitten erlaubt. Es ist die viertgrößte Höhle des Landes, zehn Kilometer reicht sie ins Berginnere.

Die Betroffenen: Eine Jugendfußballmannschaft aus zwölf Jungs im Alter von 13 bis 16 Jahren und ihr 25 Jahre alter Trainer:


Samstag, 23. Juni: Nach dem Fußballtraining noch eine Höhle besuchen: Doch die Sportler aus der Provinz Chiang Rai kehren von ihrem Ausflug nicht zurück. Eine Mutter alarmiert die Polizei. Heftiger Regen, so vermuten die Behörden, hat plötzlich die Gänge geflutet und der Gruppe den Weg ins Freie versperrt. Eine groß angelegte Rettungsaktion beginnt.

Dienstag, 26. Juni: Taucher der Marine dringen zu einem Höhlenraum vor. Doch die Gruppe ist dort nicht. Sie scheint sich noch weiter ins Höhleninnere zurückgezogen zu haben. Auch Drohnen und ein ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug kommen zum Einsatz. Mit Pumpen soll der Wasserpegel reduziert werden. Doch starker Regen lässt das Wasser auf sieben Meter ansteigen. Vor dem Höhleneingang nahe dem Ort Mae Sai bangen Angehörige derweil um das Leben der Kinder und des Trainers.
 

Mehrere Frauen beten in der Nähe der Höhle in der ihre vermissten Angehörigen eingeschlossen sind.
dpa/kyodo
Mehrere Frauen beten in der Nähe der Höhle in der ihre vermissten Angehörigen eingeschlossen sind.


Donnerstag, 28. Juni: Eine weitere Kammer, in der die Gruppe vermutet wurde, ist leer, als Taucher sie erreichen. Die Retter setzen nun auf einen weiteren, tiefer in der Höhle liegenden Hohlraum. Doch steigendes Hochwasser zwingt die Helfer zur Pause. Ein Marine-Team und ausländische Taucher stehen bereit. 32 US-Amerikaner und drei Briten warten auf ihren Einsatz.

Freitag, 29. Juni: Retter seilen sich ein einen kürzlich entdeckten 40 Meter tiefen Höhlenschacht ab. Von dort aus finden sie zwei große Kammern, jedoch ist nicht klar, ob sie dorthin führen, wo die Mannschaft ist.

Sonntag, 1. Juli: Weiterhin kein Lebenszeichen von den Vermissten. Knapp 1000 Helfer sind vor Ort im Einsatz. Erfahrung mit Suchaktionen in Höhlen haben sie nicht. Die Lage sei im Land einmalig, sagt der Provinzgouverneur.

Montag, 2. Juli: Ein internationales Taucherteam dringt drei Kilometer in die Höhle ein und findet die Gruppe – hungrig und ermattet aber wohlauf. "Wie viele seid ihr?", ruft ein Taucher. "13", schallt es zurück. "Großartig!"



Dienstag, 3. Juli: Die Gruppe muss weiter auf ihre Rettung warten. Der Wasserpegel sei noch zu hoch und die Jungen körperlich noch zu geschwächt, um zu schwimmen oder zu tauchen. Die meisten der Eingeschlossenen hätten leichtere Gesundheitsprobleme, hieß es. Ihnen seien Medikamente und Energiedrinks gegeben worden. Ein Arzt bleibt bei der Gruppe. Die Retter installieren Telefonleitungen, damit die Jungen mit ihren Eltern sprechen können.

Mittwoch, 4. Juli: Die Thai-Marine veröffentlicht ein weiteres Video aus der Höhle. Die Jungen bekommen ihren ersten Tauchunterricht, der sie vorbereiten soll. Derweil schmieden Behörden schon Pläne, wie der Unglücksort zur Touristenattraktion werden könnte.
 


Freitag, 6. Juli: Monsunregen erschwert nach wie vor die Rettung. Nachdem er Atemluftbehälter in der Höhle platziert hatte, geht einem 37-jährigen Taucher auf dem Rückweg der Sauerstoff aus. Er verliert das Bewusstsein und stirbt. Trotzdem zeigen sich ausländische Taucher vor Ort optimistisch, die zwölf Jugendlichen und ihren Coach erfolgreich bergen zu können. "Aus der Höhle herauszutauchen wird eine Option sein", sagte der Däne Ivan Karadzic. Um den Jungen mehr Sauerstoff zu verschaffen, soll eine 4,7 Kilometer lange Leitung in die Höhle verlegt werden. Der Sauerstoffgehalt in der Kammer liege aktuell bei rund 15 Prozent, sagte ein Armeegeneral. Normalerweise beträgt der Sauerstoffgehalt in der Luft rund 20 Prozent.
 


Zwei Szenarien zur Rettung

Behörden und Rettungskräfte favorisieren die Variante, dass die Jugendlichen in Begleitung mit Rettern aus der Höhle tauchen. Doch körperlich seien die Jungen und ihr Trainer noch nicht kräftig genug, sagten Behördenvertreter. Der Weg von ihrem Zufluchtsort bis zum Höhleneingang führt durch dunkle, teils überflutete Höhlengänge und dauert rund fünf Stunden. Die Retter brauchen etwa sechs Stunden, um die Gruppe zu erreichen.

Experten loteten zudem an den Berghängen um die Höhle herum weiter Möglichkeiten aus, Löcher durch das Gesteinsmassiv zu bohren, um die Gruppe auf diese Weise herauszuholen. Doch ist noch völlig unklar, wo eine geeignete Stelle sein könnte. Zudem wäre dies technisch ebenfalls eine große Herausforderung, denn auf Hunderten von Metern müsste durch Stein gebohrt werden.

Der Regen ist dabei ein Problem: Je mehr Wasser in die Höhle strömt, desto schlechter wird wegen aufgewirbelter Sedimente die Sicht für die Taucher. Wenn es eine 90-Prozent-Chance gebe, die Jungs mit Hilfe professioneller Taucher sicher herauszubringen, werde man es wagen, sagte Provinzgouverneur Narongsak.

Vorbereitet werden die Nachwuchsfußballer – so gut es geht – mit Tauchunterricht. Trainiert wird vor allem das Aufsetzen der Tauchmasken und das Atmen unter Wasser. Medien diskutierten auch die Möglichkeit, die Höhle mit Hilfe von Pumpen so weit auszutrocknen, dass die Jungen sie zu Fuß verlassen könnten. Angesichts der Wassermassen erscheint diese Lösung derzeit aber unwahrscheinlich.

Grafik: dpa-infografik/S. Scheffer/I. Kugel
dpa-infografik/S. Scheffer/I. Kugel
Grafik: dpa-infografik/S. Scheffer/I. Kugel

Neben der Wetterlage sind die Erfolgsaussichten auch von der körperlichen Verfassung der Jugendlichen abhängig. Auch dass sie psychisch stabil blieben, sei wichtig. "Jemand sollte bei ihnen bleiben, mit ihnen reden und von der Situation ablenken", sagte der nicht an der Rettungsaktion beteiligte Geschäftsführer der Höhlenrettung Baden-Württemberg, Martin Groß.

Das Drumherum

Während die Rettungsteams unter schwierigen Bedingungen an der Lösung arbeiten, wird es auch vor der Höhle unübersichtlich. Mehr als 1000 Angehörige, Behördenvertreter, Katastrophenhelfer und Hunderte Reporter aus aller Welt hatten sich bis Donnerstag dort eingefunden. Kostenlose Massagen und Haarschnitte werden angeboten und lokale Köstlichkeiten zubereitet. Dass Freiwillige gut kochen, habe in Thailand Tradition, hob ein Twitter-Nutzer hervor. Er erinnerte dabei an den Tsunami 2004 und die politischen Großdemonstrationen der vergangenen Jahre.

Dagegen hatten sich mehr als hundert Bauern im Norden Thailands bereit erklärt, einen Teil ihrer Ernte zu opfern, um den eingeschlossenen Jugend-Fußballern zu helfen. Die Landwirte hätten den Rettungsteams erlaubt, Wasser aus der überfluteten Höhle in der Provinz Chiang Rai auf ihre Höfe und Felder abzuleiten, teilten die Behörden mit. Ein Sprecher der Farmer sagte: "Wir sind alle bereit, unsere Ernte überschwemmen zu lassen, wenn so alle 13 Mitglieder des Fußball-Teams gerettet werden können." Das thailändische Landwirtschaftsministerium sagte im Gegenzug Entschädigung für das "selbstlose Opfer" zu.

 

Retter, die mit Kletterausrüstung den Berg nach möglichen Eingängen absuchen, erreichen das Lager der Rettungskräfte. Foto: imago/Xinhua/Rachen Sageamsak
Rachen Sageamsak
Retter, die mit Kletterausrüstung den Berg nach möglichen Eingängen absuchen, erreichen das Lager der Rettungskräfte. Foto: imago/Xinhua/Rachen Sageamsak


Weltweite Anteilnahme

Das Schicksal der in einer Höhle im Norden Thailands eingeschlossenen Jugendfußballer und ihres Trainers bewegt die Welt. Ausgewählte Reaktionen:

Der Fußball-Weltverband FIFA lud die Jugendfußballer und ihren Trainer für den Falle einer raschen Rettung zum WM-Finale am 15. Juli nach Moskau ein. "Falls sie, wie wir alle hoffen, in den kommenden Tagen wieder bei ihren Familien sind und ihre Gesundheit eine Reise erlaubt, wäre die FIFA sehr froh, sie als Gäste beim WM-Endspiel in Moskau" begrüßen zu können, schrieb FIFA-Präsident Gianni Infantino in einem Brief an den thailändischen Verband.

FC-Liverpool-Trainer Jürgen Klopp hat den jungen Fußballern seine Grüße und besten Wünsche übermittelt. "Bleibt stark und ihr wisst, wir sind bei euch", sagte Klopp in einer am Freitag vom Sender CNN veröffentlichten Videobotschaft im Namen des ganzen FC Liverpool. "Wir verfolgen die Nachrichten und wir hoffen jede Sekunde, dass ihr das Tageslicht wieder seht. Und wir sind alle sehr optimistisch, dass dies hoffentlich in den nächsten Minuten, Stunden oder Tagen passiert, bleibt stark."

Der thailändische König Maha Vajiralongkorn und der Regierungschef Prayut Chan-o-cha ordneten an, alles Menschenmögliche zu tun, um die Kinder zu retten. "Ich glaube, dass sie noch am Leben sind", sagte Prayut zwei Tage nachdem das Team verschollen war. "Sie sind Athleten. Sie sind körperlich stark."

Tesla-Gründer Elon Musk verbindet Anteilnahme mit Taten: Der Multimillionär verkündete am Freitag über Twitter, dass er ein Team seiner Ingenieure nach Thailand schickt, um bei der Rettung zu helfen. Eins seiner Unternehmen, die Boring Company, sei auf Tunnelbau spezialisiert und könnte erforderliche Bohrungen durchführen. Sollte den Wasserpumpen Energie fehlen, bietet Musk seine "Powerpack"-Stromspeicher an.

(Mit dpa)

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