Rückkehr aus der Türkei : Journalistin Mesale Tolu ist wieder in Deutschland

Die deutsche Journalistin Mesale Tolu (r.) bei einer Pressekonferenz nach ihrer Ankunft aus Istanbul auf dem Stuttgarter Flughafen.
Die deutsche Journalistin Mesale Tolu (r.) bei einer Pressekonferenz nach ihrer Ankunft aus Istanbul auf dem Stuttgarter Flughafen.

Nach Haft und Zwangsaufenthalt durfte Mesale Tolu die Türkei verlassen. Sie konnte die Rückkehr aber nur "bedingt genießen".

shz.de von
26. August 2018, 16:01 Uhr

Stuttgart/Istanbul | Nach der Aufhebung ihrer Ausreisesperre in der Türkei ist die Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu in Deutschland eingetroffen. Sie sei am Sonntag auf dem Stuttgarter Flughafen gelandet, teilte eine Mitarbeiterin des Flughafens der Deutschen Presse-Agentur mit.

Tolu kann die Rückkehr in die Heimat nach eigenen Worten nur bedingt genießen. Sie sei zwar wieder in Deutschland, aber Hunderte Journalisten, Oppositionelle, Anwälte und Studenten seien immer noch nicht frei, kritisierte Tolu nach ihrer Ankunft. "Es ist nicht so, dass ich mich wirklich über die Ausreise freue, weil ich weiß, dass sich in dem Land, in dem ich eingesperrt war, nichts verändert hat." Tolu kündigte an, sie wolle sich weiter für die Menschen einsetzen, die in der Türkei aus politischen Gründen inhaftiert seien.

Wie Tolu ins Gefängnis kam

Mit versteinerter Miene und fester Stimme berichtete Tolu von einer monatelangen Tortur in der Türkei. Wie türkische Polizisten in einer Nacht im April 2017 ihre Wohnung schwer bewaffnet gestürmt hätten. Wie sie gewaltsam zu Boden gedrückt, bedroht und beschimpft worden sei. Wie eine Waffe auf ihren kleinen Sohn gerichtet worden sei. Wie ihr in der anschließenden Untersuchungshaft der Zugang zu konsularischer Betreuung verwehrt worden sei.

Tolu nannte die Ereignisse eine "Kette der Ungerechtigkeit". Die Terrorvorwürfe hätten sich die türkischen Behörden aus den Fingern gesogen. Ihr Sohn, der fast vier Jahre alt ist, hatte wochenlang gemeinsam mit ihr im Frauengefängnis im Istanbuler Stadtviertel Bakirköy gelebt.

Nach ihrer Ankunft sollen Tolu und ihr Sohn nun erst einmal beim Vater der jungen Frau in Ulm wohnen. Tolu sagte, es sei für sie ungewohnt, nach insgesamt 17 Monaten wieder in Deutschland zu sein. Sie wolle nun erstmal Familie und Freunde treffen und alles verarbeiten. Ihr kleiner Sohn müsse in den Kindergarten. Er habe die deutsche Sprache verlernt und müsse alles neu lernen. Sie hoffe, dass ihre Familie bald wieder vereint sei, sagte sie mit Blick auf die weiterhin bestehende Ausreisesperre für ihren Mann.

Tolu appellierte an die Bundesregierung, weiter auf Menschenrechtsverletzungen in der Türkei hinzuweisen - nicht nur was die sieben deutschen Staatsbürger betreffe, sondern alle Menschen, die zu Unrecht in der Türkei inhaftiert worden seien.

Am späten Vormittag twitterte Mesale Tolu von einem türkischen Flughafen aus: „Nach 17 Monaten geht es zurück nach Hause." Ein Foto zeigte sie mit ihrem Sohn (3) und einem kleinen Rollkoffer auf dem Weg durch ein Terminal.

Ein Foto zeigte sie mit ihrem Sohn (3) und einem kleinen Rollkoffer auf dem Weg durch ein Terminal. Eine Bestätigung von ihrer Familie oder einem Sprecher, dass die Maschine mit ihr an Bord abgehoben hat, gab es zunächst nicht. Am Nachmittag will sie dort eine Stellungnahme abgeben und dann weiter nach Hause fahren. Tolu ist in Ulm geboren und ging dort zur Schule, ihre Familie wohnt in der Nachbarstadt Neu-Ulm.

Tolu, die für die linke Nachrichtenagentur Etha arbeitete, ist in der Türkei wegen Terrorvorwürfen angeklagt. Sie saß mehr als sieben Monate in Untersuchungshaft. Ihr Prozess in der Türkei wird ungeachtet der Ausreise fortgeführt. Sie gehe nicht davon aus, nochmals inhaftiert zu werden. "Natürlich ist es eine willkürliche Herrschaft, die regiert, die wieder alles machen kann. Aber ich denke, ich bin einfach erstmal ein bisschen mutig", sagte Tolu. Sie werde sich aber nicht blind einer Gefahr aussetzen, weil sie einen kleinen Sohn habe, an den sie denken müsse.

Auch ihr Ehemann Suat Corlu ist angeklagt. Seine Ausreisesperre ist nicht aufgehoben, er muss in der Türkei bleiben. Der Fall Tolu hatte, zusammen mit dem des "Welt"-Reporters Deniz Yücel und des Menschenrechtlers Peter Steudtner, die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland schwer belastet.

Seine Tochter wolle weiter in die Türkei reisen, hatte ihr Vater Ali Riza Tolu der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Obwohl der Prozess gegen Mesale Tolu auch in ihrer Abwesenheit weiterläuft – der nächste Verhandlungstermin ist für den 16. Oktober angesetzt –, sei er nicht besorgt, dass sie erneut festgenommen werden könne. "Sie wird definitiv wieder in die Türkei reisen. Vorausgesetzt, die Türkei lässt sie einreisen."

Weitere Deutsche in der Türkei in Haft

Der Unterstützerkreis für Tolu hatte nach Bekanntwerden, dass die Ausreisesperre aufgehoben wird, betont: "Von einem rechtsstaatlichen Verfahren kann weder für Mesale noch für alle anderen zu unrecht inhaftierten Menschen die Rede sein." Nach offiziellen Angaben sitzen noch mindestens sieben deutsche Staatsbürger "aus politischen Gründen" in türkischen Gefängnissen.

Am 28. September wird der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Berlin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit militärischen Ehren empfangen. Er bleibt bis zum 29. September und wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) treffen.

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